
Henning Hönsch
Welche Regionen und Industrien profitieren in Deutschland besonders vom Boom der Offshore-Windenergie?
Hönsch: Unsere aktuelle Studie "Volle Kraft aus Hochseewind" analysiert die Umsatz- und Beschäftigungspotenziale der Offshore-Windenergie und zeigt auf, dass die Branche der deutschen Wirtschaft ein erhebliches Entwicklungspotenzial eröffnet. Der Umsatz der Branche wird unseren Schätzungen zufolge über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg von derzeit rund 5,9 Milliarden Euro auf mehr als 22 Milliarden Euro im Jahr 2021 steigen. Gleichzeitig wird die Anzahl der direkt und indirekt Beschäftigten auf über 33.000 erhöhen. Investitionen in die Offshore-Windenergie kommen nicht zuletzt dem Mittelstand zugute - z.B. auf Ebene der Projektentwicklung, der Zulieferindustrie sowie bei Bau-, Logistik- und Serviceleistungen. Zu den Regionen, die profitieren werden zählen nicht nur die küstennahen Gebiete - derzeit arbeiten über 40 Prozent der Beschäftigten der Offshore-Windenergieindustrie in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Diese Länder sind zu über 50 Prozent am Umsatz der Branche beteiligt.
Welche Rahmenbedingungen müssen erfüllt sein, damit die Branche die ehrgeizigen Ziele erreicht?
Hönsch: Die Bundesregierung hat bereits einige Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen in die Wege geleitet: So wurde letztes Jahr ein KfW-Programm für die Co-Finanzierung von Offshore-Windparks aufgelegt. Dieses soll dazu beitragen, größere Finanzierungsvolumina zu stemmen. Daneben wurden durch die Einführung eines sog. Stauchungsmodells nochmal die Bedingungen für die Vergütungstarife verbessert. Außerdem erhält die Offshore-Windbranche Bestandsschutz bis 2018. Erst ab diesem Zeitpunkt kommt es zu einer sukzessiven Reduzierung der Vergütungstarife.
In den letzten Monaten hat sich jedoch gezeigt, dass es erhebliche Probleme bei der Netzanbindung gibt. Der Netzbetreiber für Windparks in der Nordsee, Tennet, hat deutliche Verzögerungen bei der Umsetzung von Netzanbindungen angekündigt und erheblich Probleme bei der Finanzierung der Trassen eingeräumt. Darüber hinaus bestehen Risiken, die von der Privatwirtschaft offensichtlich nicht versicherbar sind - z.B. Einnahmenausfälle der Windparks, die an einer Netztrasse hängen, im Falle eines länger andauernden Netzschadens infolge eines Unfalls. Die Bundesregierung und die Unternehmen der Branche sind gegenwärtig intensiv darum bemüht, geeignete Lösungen für offene Fragen zu finden. Eine auf Initiative des BMWI ins Leben gerufene Arbeitsgruppe hat Lösungsvorschläge zur gesetzlichen Regelung von Haftungsfragen, zu Finanzierungsfragen von Netzanschlüssen sowie zu wirtschaftlichen und strukturellen Aspekten erarbeitet. Sollte der Netzanschluss ein hierfür bislang verantwortliches Unternehmen überfordern, stellt sich auch die Frage, ob die Bundesnetzagentur für einzelne Trassen nicht Ausschreibungsverfahren für Investitionen durch Dritte durchführen sollte.