Künftige Regelungen zur Klassifizierung und Bewertung von Finanzinstrumenten liegen vor

29 Oktober, 2014

Einfacher und transparenter sollten die Bilanzierungsregeln für Finanzinstrumente werden. Mit diesem Ziel vor Augen hatte der International Accounting Standards Board (IASB) als Reaktion auf die Finanzkrise im Jahr 2008 begonnen, die bisherigen Vorschriften des IAS 39 zu überarbeiten und schrittweise zu ersetzen.

"Ob dieses Ziel am Ende erreicht wurde, wird sich wohl erst bei der praktischen Umsetzung der Vorschriften erweisen. Schaut man sich jedoch speziell die Vorschriften zur Klassifizierung und Bewertung von finanziellen Vermögenswerten an, können in der Tat Zweifel aufkommen, ob die Überarbeitung des IAS 39 diesem Anspruch gerecht wird."

Andrea Bardens, Partnerin bei PwC im Bereich Capital Markets & Accounting Advisory Services und dort Expertin für Fragen der Rechnungslegung und spezialisiert auf Finanzinstrumente

Erste grundlegende Neuerungen zur Klassifizierung und Bewertung von finanziellen Vermögenswerten wurden bereits 2009 in Form des neuen Standards IFRS 9 verabschiedet. In seiner praktischen Anwendung in vielen Ländern außerhalb Europas, in denen – anders als innerhalb der EU – kein separates Endorsement erforderlich und daher eine Umsetzung bereits möglich ist, haben sich jedoch vielfältige Probleme offenbart. Auf diese Schwierigkeiten hat der Standardsetzer im November 2012 mit einem Änderungsvorschlag reagiert. Nach nochmaligen Beratungen wurden diese überarbeiteten Vorschriften zur Klassifizierung und Bewertung von finanziellen Vermögenswerten nun im Juli 2014 endgültig veröffentlicht.

Geschäftsmodell und Zahlungsströme als maßgebliche Kriterien

Künftig hängt die Klassifizierung und Bewertung von Finanzinstrumenten beim Inhaber von zwei wesentlichen Fragestellungen ab:

1. Welchem Geschäftsmodell des Unternehmens unterliegt das Portfolio, dem der finanzielle Vermögenswert zugeordnet wurde?

In diesem Sinne sieht IFRS 9 grundsätzlich die Modelle „Halten zur Erzielung vertraglicher Zahlungsströme“, „Halten und Verkaufen“ sowie Handelsabsicht vor. Während die Modelle „Halten“ und „Handeln“ bereits in der Ursprungsversion des IFRS 9 von 2009 enthalten waren, wurde das dritte Geschäftsmodell „Halten und Verkaufen“ mit der jüngsten Überarbeitung im Juli 2014 neu eingeführt. Damit trägt der IASB der Tatsache Rechnung, dass viele Portfolien, wie etwa Liquiditätsportfolien der Banken, in der Realität nicht bis zur Endfälligkeit gehalten werden, das heißt wesentliche zukünftige Verkäufe bereits bei Ersterfassung absehbar sind, ohne dass jedoch eine Handelsabsicht im eigentlichen Sinne vorliegt. Zugleich stellte der IASB mit der Hinzufügung des dritten Geschäftsmodells klar, dass das Geschäftsmodell "Halten" eng auszulegen ist, somit nur unwesentliche Verkäufe im Zeitablauf mit diesem Steuerungsmodell vereinbar sind.

2. Welche vertraglichen Zahlungsströme weist das Instrument auf bzw. stellen diese Zahlungsströme – von minimalen Abweichungen abgesehen – ausschließlich Zins- und Tilgungsleistungen auf den ausgereichten Betrag dar (sogenannter Cashflow-Test)?

Mit der Überarbeitung des IFRS 9 hat der IASB diesen Cashflow-Test gegenüber der Ursprungsversion von 2009 geringfügig aufgeweicht. Künftig können Finanzinstrumente diese Anforderungen auch erfüllen, wenn deren Zahlungsströme zwar nicht ausschließlich Tilgungs- und Zinszahlungen aufweisen, die Abweichungen im Vergleich zu einem Idealinstrument, das ausschließlich Tilgungs- und Zinszahlungen aufweist, jedoch nur minimal sind. Als Beispiel hatte der IASB den Fall einer Verzinsung auf 3-Monats-EURIBOR Basis mit monatlicher Anpassung des Basiszinssatzes vor Augen. Unternehmen sind somit aufgefordert, ihre Instrumente einem Idealinstrument gegenüber zu stellen und quantitative Analysen vorzunehmen.

Instrumente, die den Cashflow-Test erfüllen, sind – vorbehaltlich der weiterhin unter bestimmten Voraussetzungen bestehenden Möglichkeit zur Ausübung der Fair-Value-Option - im Geschäftsmodell „Halten“ zu fortgeführten Anschaffungskosten und im Geschäftsmodell „Halten und Verkaufen“ zum beizulegenden Zeitwert mit Wertänderungen im sonstigen Ergebnis (FVOCI) zu bewerten.

Aufgrund der Ausgestaltung des Cashflow-Tests können ausschließlich sogenannte „typische“ Fremdkapitalinstrumente, beispielsweise Anleihen aus Gläubigersicht, diese Anforderungen erfüllen. Zu beachten ist, dass eine Abspaltung eingebetteter Derivate wie noch unter IAS 39 nach IFRS 9 für finanzielle Vermögenswerte nicht mehr vorgesehen ist. Strukturierte Produkte, zum Beispiel Anleihen, bei denen Zinszahlungen von einem Aktienindex abhängen, sind daher nicht mehr wie unter IAS 39 in ein erfolgswirksam zum Fair Value zu bewertendes Derivat und einen Basisvertrag, der unter Umständen zu fortgeführten Anschaffungskosten zu bewerten ist, aufzuteilen, sondern regelmäßig als Ganzes erfolgswirksam zum Fair Value zu bewerten.
 


Für Eigenkapitalanteile, beispielsweise in Form von Aktien, bei denen keine Handelsabsicht besteht, sieht IFRS 9 eine Ausnahme vor. Eigenkapitalinstrumente sind zwar, da sie die Kriterien des Cash Flow Tests nicht erfüllen, zum beizulegenden Zeitwert zu bewerten, allerdings besteht bei Zugang ein Wahlrecht, Wertänderungen im sonstigen Ergebnis (OCI) auszuweisen.

Zusammengefasst ergibt sich somit nach IFRS 9 für finanzielle Vermögenswerte künftig der nebenstehende Entscheidungsbaum.

Klassifizierungs- und Bewertungsvorschriften für finanzielle Verbindlichkeiten nahezu unverändert

Die Klassifizierungs- und Bewertungsregeln für finanzielle Verbindlichkeiten, beispielsweise Bankdarlehen aus Schuldnersicht, haben sich durch IFRS 9 gegenüber IAS 39 dagegen kaum geändert. Auch eine Abspaltung eingebetteter Derivate ist im Gegensatz zu den Vorschriften für finanzielle Vermögenswerte weiterhin vorgesehen. Lediglich für zum beizulegenden Zeitwert designierte Verbindlichkeiten (Ausübung der sogenannten Fair-Value-Option) sind künftig Änderungen dieses Zeitwerts, die auf Änderungen des eigenen Kreditrisikos zurückzuführen sind, nicht mehr in der Gewinn- und Verlustrechnung, sondern im sonstigen Ergebnis zu erfassen. Auf diese Weise möchte der IASB verhindern, dass Unternehmen bei verschlechterter Bonität unrealisierte Gewinne aufgrund einer Abwertung ihrer eigenen Verbindlichkeiten ausweisen.

Erstanwendungszeitpunkt zum 1. Januar 2018

Als Erstanwendungszeitpunkt sieht der neue Standard nun endgültig den 1. Januar 2018 vor. Eine Anwendung in der EU setzt jedoch eine Übernahme der Regelungen in europäisches Recht voraus (Endorsement), ein Prozess, für den es nach derzeitigem Stand noch keinen finalen Fahrplan gibt. Dennoch dürfte mit einem Endorsement von IFRS 9 zu rechnen sein. „Auch wenn der 1. Januar 2018 vielen noch weit weg erscheinen mag, sollten sich Unternehmen doch so früh wie möglich mit IFRS 9 und seinen Auswirkungen auseinandersetzen, um nicht am Ende unliebsame Überraschungen zu erleben", rät PwC-Expertin Andrea Bardens.

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