PwC Digital Automotive Talk 2020

27 Juli, 2020

Wie steht es um die Transformation der Automobilindustrie und wie wirkt sich die Corona-Krise auf sie aus? Rücken Elektromobilität und autonomes Fahren ferner in die Zukunft oder bringt die Krise einen digitalen Schub?

Um diese Fragen ging es unter anderem bei der Veranstaltung „Digital Automotive Talk 2020“, die am 14. Juli 2020 live aus dem PwC-Tower in Frankfurt am Main mit hochkarätigen Gästen übertragen wurde.

Hochkarätig besetzte Diskussion über die Zukunft der Automobilindustrie

Die Corona-Krise trifft zahlreiche Unternehmen und Branchen in Deutschland hart. Insbesondere die Automobilindustrie, die hierzulande rund 830.000 Arbeitsplätze stellt und auf die etwa zwölf Prozent der Steuereinnahmen entfallen. Mit ihrer aktuellen Situation, vor allem aber mit Wegen aus der Krise und die langfristige Transformation der Branche beschäftigten sich die Teilnehmer der Gesprächsrunde, die ZDF-Moderator Markus Lanz professionell leitete. Dass die Industrie allerdings nicht an Innovationskraft verloren hat, zeigten die AutomotiveINNOVATIONS Awards 2020, die an diesem Abend für die innovationsstärksten Leistungen der Branche vergeben wurden.

Demnach war Innovation auch der Schlüsselbegriff des Talks. Felix Kuhnert, Global Automotive Leader bei PwC und Gastgeber des “Digital Automotive Talks” betrachtet Innovationen als die wichtigste Aufgabe der Hersteller und Zulieferer. Er betonte, dass die unterschiedlichen Technologien inzwischen weit fortgeschritten seien und die Transformation bereits im vollen Gange stattfinde. Es seien in erster Linie die Kundenbedürfnisse, die eine Richtung des Wandels vorgeben und jetzt gehe es konkret darum, genau zu verstehen, welche Anwendungen der Kunde mit welchen Technologien nutzen möchte und welche Infrastruktur dafür notwendig sei. Als eine große Herausforderung sieht er den ernst zu nehmenden Konkurrenzdruck US-amerikanischer und chinesischer Technologiekonzerne, die mit Hochdruck an innovativen Mobilitätslösungen und -konzepten arbeiten. Schließlich macht China laut der Innovationsstudie des Center of Automotive Management (CAM) bereits 23 Prozent der weltweiten Innovatoinsstärke aus.

COVID-19 beschleunigt die Transformation der Branche

Prof. Dr. Stefan Bratzel, Direktor des CAM und weiterer Gastgeber des Abends, sagte, dass die Corona-Krise als Katalysator für die schon eingeleitete Transformation der Automobilindustrie wirke. Dieser Veränderungsprozess gehe allerdings noch schneller vonstatten als ursprünglich angenommen. Er rechnet beispielsweise damit, dass die E-Mobilität 15 bis 20 Prozent der Arbeitsplätze in der Branche kosten wird.

Dem widersprach Prof. Dr. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit. Die E-Mobilität habe insgesamt eine deutliche größere Wertschöpfung als konventionelle Fahrzeuge und könne künftig viele neue Arbeitsplätze schaffen. Vorausgesetzt, die Branche setze notwendige Veränderung rasch um. Denn insgesamt hinke die Industrie der Transformation im internationalen Vergleich zehn Jahre hinterher. Sie sei spät dran, aber noch sei es nicht zu spät für entscheidende Weichenstellungen. Momentan, so Kemfert, erlebten wir den Beginn einer komplett veränderten Mobilität, bei der das individuelle Fahrzeug eine untergeordnete Rolle spiele.

Stärkere Vernetzung der Verkehrsträger

Dass die Notwendigkeit zur Veränderung nicht nur die Hersteller, sondern auch die Zulieferer betreffe, meinte Dr. Stefan Wolf, Vorstandsvorsitzender beim Zulieferer ElringKlinger. Wer sich nur auf Motorenteile konzentriere – die in E-Autos überflüssig werden –, werde es in Zukunft schwer haben. Deshalb rechne er mit einer Konsolidierung bei den Zulieferern. Mit Blick auf den globalen Markt warnte er allerdings vor einer zu einseitigen Konzentration auf die Elektromobilität. Diese werde in manchen Regionen der Welt auf absehbare Zeit eine untergeordnete Rolle spielen. Diese Systemvielfalt sei eine große Herausforderung für die Branche.

Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), übermittelte in einem Videostatement fünf Fragen und Antworten zur Situation der Branche. Sie nannte die drastischen Auswirkungen der Corona-Krise. Derzeit seien beispielsweise 90 Prozent der bei den Zulieferern Beschäftigten in Kurzarbeit. Mit Blick auf mögliche Wege aus der Krise betonte sie, dass die Nachfrage schnell belebt werden müsse, um die gesamte Wertschöpfungskette zu reaktivieren. Denn die Automobilindustrie sei einer der stärksten Treiber für Wachstum und Innovation in Deutschland. Sie engagiere schon heute für eine bessere Vernetzung der unterschiedlichen Verkehrsträger, für die Digitalisierung der 

Vom Automobilhersteller zum Technologieunternehmen

Dass die Zeit der klassischen Automobilhersteller vorbei ist, betonte auch Dr. Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG. Gute Fortschritte seien etwa bereits bei der CO2-Reduktion erreicht worden. Mit Blick auf die Corona-Krise berichtete er zwar von Einschnitten, zeigte sich aber insgesamt zufrieden über das Krisenmanagement des Konzerns, trotz hoher Substanzverluste. Inzwischen bemerke er aber eine erste Erholung, insbesondere bei den Premiummarken. Auch die Maßnahmen der Regierungen in Deutschland, Spanien und Italien zeigten bereits positive Wirkung. Diess unterstrich ebenfalls die Notwendigkeit zur Veränderung des Konzerns, vor allem im Hinblick auf die Software, die in und außerhalb der Fahrzeuge eingesetzt werde. So habe sich der Softwareanteil beim Golf VIII im Vergleich zum Vorgängermodell verzehnfacht – mit Auswirkungen auf die Unternehmensorganisation. Die Softwareentwicklung werde beispielsweise schwerpunktmäßig bei Audi in Ingolstadt gebündelt.  

Ähnlich äußerte sich Markus Schäfer, Vorstandsmitglied der Daimler AG sowie Mercedes-Benz Cars Chief Operating Officer und zuständig für die Konzernforschung. Automobilhersteller müssten sich wie Technologieunternehmen organisieren. Der Stuttgarter Konzern setze ebenfalls auf das Insourcing der Softwareentwicklung, auch gemeinsam mit Partnern. Die Fahrzeuge der Zukunft seien „100 Smartphones auf Rädern“, mit Folgen vor allem für die Geschäftsmodelle. Der Kontakt zum Kunden verändere sich fundamental, wobei die Konnektivität von Fahrzeugen und Smartphone beispielsweise großes Potenzial zur Kundenbindung über verschiedene Kanäle berge.

Ein Softwareunternehmen sei Bosch bereits, hob Dr. Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung des Konzerns, hervor. Knapp die Hälfte der rund 70.000 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung seien bereits Softwareentwickler. Der Konzern begreife Fahrzeuge als Internetteilnehmer, die sich durch Elektrifizierung, Automatisierung und Vernetzung auszeichneten. Bei privat genutzten Pkw gehe es bei der Automatisierung darum, das Fahren noch sicherer und komfortabler zu machen, etwa mit innovativen, bezahlbaren Fahrerassistenzsystemen. Bei Fahrzeugflotten ermögliche die Level-4-Automatisierung, also Fahrzeuge ohne Fahrer, ganz neue Betreibermodelle, zum Beispiel die Mobilität „on demand“. Er sah neben der akuten Krise insbesondere den Klimawandel als dringendstes Problem – und in synthetischen, CO2-neutral herstellbaren Kraftstoffen einen Lösungsbeitrag.

Mit Tempo aus der Kurve

Insgesamt zeigte die lebhafte Diskussion zwischen den Gästen ein klares Bild: Die Herausforderungen der aktuellen Ereignisse haben ein Umdenken in der gesamten Automobilindustrie ausgelöst. Eine schnelle Rückkehr zur Normalität und eine Vor-Corona-Zeit wird es wie für viele andere Branchen, auch für die Autoindustrie wohl nicht geben. Wie der Weg aus dem Absatztal gelingt, hängt letztlich von vielen Faktoren ab. Klar ist jedoch, dass Innovationskraft und Pioniergeist dabei sowohl auf Hersteller- als auch auf Zuliefererseite essenziell sein werden. Mit Covid-19 erlebt die Welt jetzt einen enormen digitalen Schub – dieser Effekt muss sich nun auch in den Transformationsplänen der Industrie widerspiegeln. Der Erhalt von Zukunftsfähigkeit bleibt anstrengend. Aber die daraus resultierenden Innovationen zeugen von Veränderungswillen und Lösungsorientierung. Sie machen Mut, wecken die Lust auf mehr Transformation und erhalten Wettbewerbsfähigkeit. Die Automobilindustrie kann auf diese Antriebskraft bauen. Dass die Branche dem Wandel offen begegnet, zeigt auch die diesjährige Preisverleihung. Mit 1774 Innovationen der Automobilhersteller- und Zulieferer, erreichen die AutomotiveINNOVATIONS Awards 2020 den zweithöchsten Wert seit dem Start im Jahr 2005.

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Felix Kuhnert

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