Transformation bedeutet Innovation über das Produkt hinaus

04 Mai, 2017

Seit 2012 vergeben PwC und das Center of Automotive Management (CAM) den AutomotiveINNOVATIONS Award. Wer diesmal geehrt wird, welche Trends das Jahr 2016 bestimmt haben und warum Innovationen eine Voraussetzung für Wachstum sind, erklären Felix Kuhnert, Global Automotive Leader bei PwC, und CAM-Direktor Prof. Dr. Stefan Bratzel. 

Wie bereits im Vorjahr ist Volkswagen beim AutomotiveINNOVATIONS Award zum innovationsstärksten Autohersteller weltweit gekürt worden. Was macht den Konzern so stark?

Stefan Bratzel: Zunächst muss man natürlich sagen, dass Volkswagen aufgrund seiner Größe und seiner Markenvielfalt einen natürlichen Vorteil gegenüber anderen Herstellern hat. Das ist allerdings nicht der wichtigste Grund. Vielmehr stellen wir seit Jahren immer wieder fest, dass im VW-Konzern eine beeindruckende, systematische Innovationskultur herrscht. Das führt dazu, dass die Modellpalette Jahr für Jahr durch eine Vielzahl von Neuerungen bereichert wird, die durch ein intelligentes Innovationsmanagement über viele Baureihen ausgerollt werden.

Was hat in diesem Jahr den Ausschlag gegeben?

Bratzel: Die Neuentwicklungen einzeln aufzulisten, würde zu lange dauern. Schließlich haben wir bei VW konzernweit 271 Einzelinnovationen gezählt, von denen sogar 53 als „Weltneuheiten“ klassifiziert wurden. Dadurch erklärt sich der große Vorsprung, den Volkswagen mit 244 Indexpunkten vor dem Zweitplatzierten Daimler (130 Punkte) aufweist. Was auffällt: 

Audi hat in diesem Jahr ganz entscheidend zum Erfolg der Konzernmutter beigetragen. So kamen mehr als die Hälfte aller Neuerungen aus Ingolstadt.

Professor Dr. Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management

Ein prägnantes Beispiel ist der Diesel-Plug-In-Hybrid-Antrieb des neuen Audi Q7 e-tron. Er hat die Jury vor allem aufgrund seiner hochintegrierten Technologie überzeugt, die zusammen mit Leichtbau und optimierter Aerodynamik zu einem effizienten und dynamischen Fahrverhalten beiträgt. Die hohe elektrische Reichweite ermöglicht es, kleine Pendelfahrten auch komplett ohne CO2-Ausstoß zu bewältigen.

Das innovationsstärkste Modell kam diesmal allerdings nicht aus dem VW-Konzern …

Bratzel: Das ist richtig. Hier hat die systematische Auswertung der Innovationen einen entscheidenden Vorteil für die Mercedes-E-Klasse ergeben, den die Experten unter anderem mit ihrer herausragenden Aerodynamik, ihren sparsamen Diesel-Antrieb und durch diverse Sicherheits-Features sehen – darunter ein automatischer Kollisionswarner, der sich meldet, wenn der Fahrer auf ein Stauende zusteuert. Die E-Klasse hat damit im hausinternen Wettbewerb mit der S-Klasse die Nase vorne – diese wird aber bald mit einem Facelift und weiteren Innovationen nachziehen. Der Vorsprung auf die beiden Audi-SUVs Q5 und Q2, die die Plätze zwei und drei belegten, war allerdings knapp. 

Was sagt der diesjährige Award über die großen Innovationstrends in der Branche aus?

Felix Kuhnert: Die Automobilbranche steht am Beginn einer neuen Epoche – von der Elektromobilität über die Vernetzung bis hin zum autonomen Fahren. Dieser Transformationsprozess spiegelt sich in einer ungeheuren Vielzahl von Neuerungen wider, die es in diesem Jahr zu bewerten galt. Was die Jury darüber hinaus extrem spannend fand, ist der Wettstreit zwischen den etablierten Automobilkonzernen auf der einen und neuen Playern wie Tesla auf der anderen Seite. In der medialen Berichterstattung entsteht ja oft der Eindruck, als gehe es da in erster Linie um einen Verdrängungswettbewerb. Unser Eindruck ist allerdings eher, dass sich die Newcomer und die Platzhirsche gegenseitig befruchten – auch werden ganz neue Technologien dann am besten akzeptiert, wenn sie schnell von mehreren Anbietern in den Markt gebracht werden – dieses Prinzip nennt man heute „Coopetition“ und ist fester Bestandteil vieler Innovationsstrategien.

Der AutomotiveINNOVATIONS Award wird ja traditionell in verschiedenen Kategorien vergeben, um den vielen Facetten der Automobilentwicklung gerecht zu werden. Gab es trotzdem einen Trend, der in diesem Jahr ganz besonders hervorstach?

Kuhnert: Angesichts der überragenden Bedeutung des Themas haben wir tatsächlich zum ersten Mal einen besonderen Fokus auf „Alternative Antriebe“ gelegt. Hier hat sich Tesla unter den Premiumherstellern gleich auf Platz eins geschoben – nicht zuletzt, weil das neue „Model S“ dank eines mit 100 kWh nochmal stärkeren Akkus inzwischen auf eine Normreichweite von 613 Kilometern kommt. Das ist ein Quantensprung, der vielen potenziellen neuen Kunden die Elektromobilität erschließen kann, und den wir entsprechend gewürdigt haben.

Bratzel: Trotzdem ist es nicht so, dass Tesla jetzt allen anderen davonführe. Im Gegenteil, erst jüngst bei der Shanghai Motor Show hat sich ja eindrucksvoll gezeigt, dass die traditionellen Hersteller – auch die Deutschen – dabei sind aufzuholen. Ein gutes Beispiel für diese erfreuliche Entwicklung ist der Renault-Konzern, der sich beim AutomotiveINNOVATIONS Award in der Kategorie „Alternative Antriebe“ Platz eins unter den Volumenherstellern sicherte. Der überarbeitete Zoe hat seine Normreichweite um zwei Drittel auf 400 Kilometer gesteigert – eine beachtliche Leistung. Ebenso hat der Markterfolg von Tesla ein ganzes Rudel von neuen Autoherstellern auf den Plan gebracht, die sich mit neuen Geschäftsideen im Markt der Elektrofahrzeuge etablieren wollen – es hat schon lange nicht mehr so viele automobile Neugründungen gegeben, und damit auch so viele Innovationen. Erfolgreiche Innovation hat immer auch mit erfolgreichem Unternehmertum zu tun.

Abschließende Frage: Was halten Sie Kritikern entgegen, die sagen, unter den vielen Innovationen befinden sich auch solche, die eher eine Spielerei sind – und den Kunden nicht wirklich nützen?

Bratzel: Die internen Innovationsprozesse der Autohersteller und Zulieferer sind sehr streng geregelt, und lassen unnötige Ideen nicht zu. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass technische Innovationen in der Automobilindustrie kein Selbstzweck sind – sondern eine notwendige Voraussetzung für geschäftlichen Erfolg. Selbst wer sich nicht alle Innovationen des Top-Modells leisten kann, will immer noch den Stolz spüren, ein Modell zu fahren, das zumindest die technischen Voraussetzungen für absolute Spitzenleistungen hat. Viele Technologien – insbesondere im Umwelt- und Sicherheitsbereich – werden ja auch dafür entwickelt, die möglichen negativen Folgen des Autofahrens zu vermindern, und erhöhen damit die gesellschaftliche Akzeptanz von individueller Mobilität

Kuhnert: Neue Berechnungen von PwC Autofacts kommen zu dem Ergebnis, dass die globale Produktion allein im Premiumbereich bis 2023 um rund 35 Prozent steigen dürfte. Das liegt vor allem an der rasant wachsenden Nachfrage aus den Schwellenländern, wo die Pkw-Käufer – fast noch stärker als im Westen – enormen Wert auf hochwertige Technik, elegantes Design, und perfekte Qualität legen.

Wer von dem enormen Wachstum, das wir prognostizieren, profitieren will, der muss die besten und fortschrittlichsten Autos bauen. Innovationen sind wichtiger denn je, weisen aber auch immer mehr über das Auto als Produkt hinaus.

Felix Kuhnert, Leiter des Bereichs Automotive bei PwC

Neue Geschäftsmodelle, digitale Prozesse, digitale Kundenkommunikation und neue Vertriebsmodelle erfordern nicht nur technische, sondern auch unternehmerische Kreativität. Davon kann der Kunde letztlich nur profitieren.

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