Brexit: Wie der Automobilsektor aus der Not eine Tugend machen kann

27 März, 2019

Branche stellt sich auf Brexit ein

Nach dem aktuellen Verhandlungsstand muss das Vereinigte Königreich gemäß §50 der EU-Verträge am 31. Oktober aus der Europäischen Union (EU) austreten, sollte es zuvor keine Einigung auf Austrittsbedingungen geben. Im Falle einer Verständigung vor dem 31. Oktober, kann das Land zum Ersten des Folgemonats aussteigen. 

„Käme es zu einem No Deal Brexit, wären die Veränderungen in der Automobilbranche spürbar – nicht nur in Großbritannien, sondern auch in den produktionsstarken und stark vernetzten Nachbarn Deutschland, Frankreich und den Niederlanden.“

Felix Kuhnert, Global Automotive Leader von PwC

Die Herausforderungen

Die internationale Automobilindustrie hat das Downside-Szenario bereits im Blick. Doch was sind die Herausforderungen eines solchen Szenarios und wie sollte die Automobilbranche darauf reagieren, um aus der Not eine Tugend zu machen? 

Gefährdete Logistikketten infolge von Grenzkontrollen

Grenzkontrollen und die damit verbundenen, kaum verlässlich kalkulierbaren Zeitverluste könnten die eng getakteten Logistikketten unterbrechen. „Just-in-time“-Lieferungen würden nicht mehr richtig funktionieren. 

Steigende Kosten infolge von Zölle

Gemäß WTO-Tarifen geht PwC davon aus, dass für Fahrzeugkomponenten, die aus der EU nach Großbritannien gebracht werden, künftig pauschal zehn Prozent Zoll anfallen könnten. Weitere zehn Prozent könnten hinzukommen, wenn fertig gebaute Autos für den Verkauf in der EU zurück aufs europäische Festland gebracht werden. Das hieße, in Großbritannien montierte Autos könnten für Käufer in der EU um bis zu 20 Prozent teurer werden. Das würde die Absatzchancen von in Großbritannien gebauten Pkw in der EU massiv mindern.  

Doch auch dem britischen Markt – 2018 mit 1,6 Millionen verkauften Fahrzeugen der zweitgrößte in Europa – drohen Absatzeinbußen wegen zollbedingt höherer Kosten, die die Autohersteller an die Käufer weitergäben. Kombiniert mit einem wohl weiter sinkenden Wechselkurs des Pfundes und damit verbundenen Währungsverlusten ergäbe es einen doppelten Negativeffekt für die Umsätze auf dem britischen Markt.

Verkaufsstärkste Autos sind importiert

Werksschließungen und Produktionsverlagerungen könnten vor allem die ländliche Bevölkerung treffen, jener Teil der Bevölkerung, der beim Referendum 2016 gegen einen Verbleib in der EU gestimmt hat. Beispielsweise votierten die Menschen in die Region Swindon mit 54,7% für einen Brexit. Honda hat bereits angekündigt, sein Werk in Swindon zu schließen, wodurch 3.500 Mitarbeiter betroffen sind. Auch von erhöhten Absatzpreisen für importierte Modelle besonders in den Volumensegmenten werden die Verbraucher betroffen sein.

Die Chancen

Der No-Deal-Brexit verspricht keine guten Aussichten für die Branche, dennoch sieht PwC auch Möglichkeiten, den Brexit-Folgen zumindest teilweise entgegenzuwirken:

Steigende Modellvarianz in britischen Montagewerken

So müssten die Automobilwerke in Großbritannien zukünftig weit mehr als – wie bisher – rund 300.000 Pkw für den lokalen Markt bauen, wenn sie ihre Produktionskapazitäten und Beschäftigtenzahlen aufrechterhalten sollen. Um zu vermeiden, dass bei mehr Modellvarianz pro Werk die Effizienz einbricht, müssten Industrie 4.0-Methoden, also digitale Prozesse, stark vorangetrieben werden. 

„Insofern könnte der Brexit auch ein Treiber für neue Technologien und digitale Wertschöpfungsketten in Großbritannien werden.“

Felix Kuhnert, Global Automotive Leader von PwC

Tiefere Wertschöpfung bei der Komponentenherstellung

Die internationale Automobilindustrie müsste ihre Wertschöpfung in Großbritannien deutlich vergrößern. Das hieße beispielsweise, dass Zulieferer, die heute bislang fertige Automobilkomponenten über die künftige Zollgrenze hinweg nach Großbritannien liefern, einen Teil der Komponentenherstellung dorthin verlegen würden, um Zollkosten zu vermeiden. Dadurch könnte Beschäftigung in Gr0ßbritannien erhalten bleiben bzw. sogar steigen.

„Die Verteilung von Wertschöpfungsketten über mehrere Länder ist heute schon üblich und wird laufend an aktuelle Gegebenheiten angepasst.“

Christoph Stürmer, Global Lead Analyst, PwC Autofacts

Großbritannien als Vorreiter im digitalen Vertrieb?

Um steigenden Fahrzeugpreisen entgegenzuwirken, wäre die Optimierung der Vertriebsnetze eine Chance. Dies würde weitere Digitalisierung erfordern, weil die Vertriebsstrukturen über stationäre Händler in Großbritannien bereits die effizientesten in ganz Europa sind. Mit einem viel stärker digital funktionierenden Vertrieb als heute ließe sich ein weiterer Teil der Brexit-bedingten Kostennachteile kompensieren und Großbritannien könnte ein echter Vorreiter in diesem Bereich werden.

Unser Fazit

Automobilzulieferer und die Digitalisierung als Hoffnungsträger

Aus PwC-Sicht sind Rückgänge bei den Automobilproduktionszahlen und beim Neuwagenabsatz in Großbritannien nach dem Brexit kaum vermeidbar. Doch wenn die Branche die Umstellung auf noch flexiblere, digitale Produktions- und Vertriebsprozesse stark beschleunigen würde, wären Absatzrückgänge weniger schmerzhaft. Das gilt auch für die Beschäftigtenzahlen, deren Rückgang unterproportional zu den Volumenrückgängen ausfallen könnte. Reisefreiheit für internationale Konzernmitarbeiter, aber auch der Zugang zu qualifiziertem Fachpersonal auf dem Arbeitsmarkt könnten allerdings hierbei eine Hürde darstellen.

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Felix Kuhnert

Partner, Global Automotive Leader, PwC Germany

Tel.: +49 711 25034-3309

Christoph Stürmer

Global Lead Analyst PwC Autofacts®, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-6269

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