„Die deutsche Start-up-Szene wird vom Brexit profitieren“

17 Januar, 2017

Für die Start-up-Landschaft in Großbritannien hat der Brexit weitreichende Folgen: Die Suche nach Mitarbeitern dürfte deutlich schwieriger werden, die regulatorischen Hürden höher, der Zugang zu europäischen Fördermitteltöpfen verwehrt. Ob Deutschland davon profitieren kann? Im Gespräch mit Philipp Medrow, Partner bei PwC und Leiter der Start-up-Initiative „Next Level“.

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Großbritannien hat sich in einem Referendum entschieden, der EU den Rücken zu kehren. Was bedeutet dieses Votum für die Start-up-Szene im Vereinigten Königreich?

Philipp Medrow: Genaue Prognosen sind derzeit noch schwierig. Fest steht jedoch: Bis Pläne auf dem Tisch liegen, wie der Austritt im Detail aussieht, herrscht große Unsicherheit im Markt. Diese Situation betrifft etablierte Unternehmen genauso wie Start-ups und Investoren. Junge Unternehmen haben zwar häufig eine Hands-on-Mentalität und finden schnell pragmatische Lösungen. Doch auch sie brauchen ein Mindestmaß an Planungssicherheit. Je länger dieser Schwebezustand anhält, desto größer ist der Schaden. Erste Unternehmen aus UK denken bereits über einen Standortwechsel auf das Festland nach. Auch bei uns hat bereits ein Londoner Start-up angefragt, das sich für einen Umzug nach Berlin interessiert.

Mit welchen Standorten liebäugeln die britischen Start-ups?

Medrow: Berlin steht ganz weit oben auf der Liste. Die deutsche Hauptstadt ist bereits die führende Start-up-Hochburg in Europa. Im Jahr 2015 konnten Berliner Start-ups mehr Wagniskapital einsammeln als Gründer in London. Für Berlin sprechen viele Argumente: Die Gründungsvoraussetzungen sind hervorragend. Hier gibt es nicht nur ausreichend Kapital, sondern auch Zugang zu jungen, motivierten und gut ausgebildeten Mitarbeitern. Das sehen die hier ansässigen Start-ups genauso: In einer aktuellen PwC-Umfrage bewerten knapp 90 Prozent der Start-up-Chefs aus Berlin ihren Standort in puncto Gründerfreundlichkeit mit gut oder sehr gut.

Wie sieht es mit anderen deutschen Städten aus?

Medrow: Auch Frankfurt wird in Folge des Brexit an Popularität gewinnen. Namhafte Banken denken darüber nach, ihre Präsenz von London Richtung Dublin oder Frankfurt zu verschieben. Dadurch entsteht eine Sogwirkung für Start-ups. Das gilt besonders für FinTechs. Für diese Gruppe ist Frankfurt als Standort sehr attraktiv.

Mit welchen Argumenten können deutsche Standorte bei FinTechs punkten?

Medrow: Ein entscheidender Wettbewerbsvorteil ist die moderne Finanzdienstleistungsaufsicht. Mit der BaFin hat Deutschland einen zukunftsorientierten Regulator, der die aktuellen EU-Richtlinien schnell und effizient umsetzt. Start-ups hierzulande wissen, was auf sie zukommt. Diese Planungssicherheit ist gerade im FinTech-Bereich, wo es um Vertrauen geht, ein wichtiger Faktor.

Welche Kriterien spielen bei Überlegungen zu einem Standortwechsel noch eine Rolle?

Medrow: Der Zugang zu Kapital und dem Arbeitsmarkt. Start-ups in Großbritannien wissen nicht, was die Zukunft bringt: Können sie Mitarbeiter aus dem europäischen Ausland in Zukunft noch ohne Arbeitserlaubnis einstellen? Wird es Kapitalbeschränkungen geben? Werden sie weiter Fördermittel der EU nutzen können? Das ist ja alles noch völlig offen. Und genau diese Unsicherheit hemmt die Aktivitäten der britischen Start-ups.

Das Thema Personal ist erfolgsentscheidend für Start-ups. Wie sieht es da in Berlin aus?

Medrow: Der Fachkräftemangel ist überall in Deutschland ein Thema. Aber wenn sich Unternehmen irgendwo leichter tun beim Rekrutieren schlauer Köpfe, dann in Berlin mit der ausgeprägten Hochschullandschaft, mit den günstigen Lebenshaltungskosten und den Pluspunkten einer attraktiven, internationalen und weltoffenen Metropole.

Und wie schwierig ist die Finanzierung in der Hauptstadt?

Medrow: Kapital ist für die Gründer in Berlin kein Thema. Auch dank der Niedrigzinspolitik der EU ist Geld noch immer sehr günstig zu haben – vorausgesetzt die Geschäftsidee überzeugt. Und auch neue Kapitalquellen wie Business Angels werden immer beliebter. In Berlin hat sich eine sehr lebhafte Start-up-Szene entwickelt. Erfolgreiche Gründer spielen die Gewinne aus einem Exit beispielsweise zurück und investieren weiter in vielversprechende Start-ups. Kurzum: Das Ökosystem funktioniert.

Was bedeutet der Brexit für deutsche Start-ups und das Geschäft mit Kunden in Großbritannien?

Medrow: Auch die deutschen Start-ups werden die Auswirkungen zu spüren bekommen, wenn Großbritannien die EU verlässt, je nach Branche und Geschäftsmodell unterschiedlich stark. Noch kann niemand genau vorhersagen, wie der Handel mit Großbritannien künftig aussehen wird. Kommt es jedoch zu Einfuhrzöllen und Ausfuhrrestriktionen, hat das Einfluss auf die Aktivitäten der hiesigen Start-ups und ihre Chancen auf dem britischen Absatzmarkt. Nichtsdestotrotz: Die in Großbritannien angesiedelten Start-ups trifft der Brexit deutlich härter als die Jungunternehmen in der EU.

Was ist Ihre Einschätzung? Wie wird sich die europäische Gründerszene mittelfristig entwickeln?

Medrow: Auch wenn ich ungern über Gewinner und Verlierer spreche und es als überzeugter Europäer sehr schade finde, dass wir diese Diskussion überhaupt führen müssen: Der Brexit sorgt für ein hohes Maß an Planungsunsicherheit für Start-ups in Großbritannien. Je größer und globaler die Start-ups aufgestellt sind, desto stärker werden sie unter den Auswirkungen leiden. Von dieser Situation profitieren wird kurz- und mittelfristig insbesondere die Berliner Start-up-Landschaft. Beim Wagniskapital steht Berlin ja bereits an der Spitze. Der Abstand auf London wird sich weiter vergrößern.

Wie kann PwC britische Start-ups, die über einen Standortwechsel Richtung Deutschland nachdenken, unterstützen?

Medrow: Wir haben ein englischsprachiges, auf Start-ups spezialisiertes Experten-Team, das sich bestens im Markt auskennt. Wir beschäftigen uns schon seit Jahren mit den typischen Fragen, mit denen Start-ups aus dem In- und Ausland konfrontiert sind: Wir beraten bei der Wahl des Standorts und der Rechtsform, wir helfen beim Aufsetzen der Verträge, geben Tipps zur Mitarbeiterrekrutierung, bei steuerlichen Themen und bei Fragen zur Rechnungslegung, wir kennen uns mit der Finanzierung aus und unterstützen bei Förderanträgen. Für Anfragen britischer Start-ups sind wir also bestens gerüstet.

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Philipp Medrow

Leiter des NextLevel-Teams, Wirtschaftsprüfung, PwC Germany

Tel.: +49 30 2636-4424

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