Interview: „Das Ruhrgebiet ist einer der Hotspots der deutschen Gründerszene“

04 Mai, 2020

Ein Interview mit Lutz Granderath und Sebastian Holtze. Von der Old Economy zur lebendigen Startup-Landschaft – die Metropolregion Rhein-Ruhr bietet Gründerinnen und Gründern gute Rahmenbedingungen: Die wirtschaftspolitischen Initiativen leisten wertvolle Unterstützung, die Mieten sind

bezahlbar, gut qualifizierte Mitarbeiter vorhanden. Knifflig ist dagegen die Finanzierung. Was sich hier verbessern muss, erläutern Lutz Granderath, Standortleiter PwC Essen, und Sebastian Holtze, Leiter der PwC-Startup-Initiative NextLevel für die Region West, im Interview.

Das Ruhrgebiet ist für viele das Synonym für die klassische Industrie. Wie passt das zu jungen, hippen Gründern? Wie geht es der Startup-Szene in der Region?

Lutz Granderath: Das Ruhrgebiet war natürlich lange von der Old Economy geprägt und ist erst später auf den Startup-Zug aufgesprungen als andere Regionen Deutschlands. Mittlerweile finden Gründerinnen und Gründer hier aber gute Rahmenbedingungen – auch dank diverser wirtschaftspolitischer Initiativen. Dadurch hat sich in den vergangenen Jahren eine lebendige Startup-Landschaft entwickelt.

Heute gehört die Region zu einem der Hotspots in der Gründerszene. Mehr gegründet wird deutschlandweit nur in Berlin.

Sebastian Holtze: Neben den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen gibt es aber noch weitere Faktoren, die das Ruhrgebiet als Gründungsstandort attraktiv machen: Durch die Vielzahl an renommierten Universitäten, großen Konzernen und die schiere Größe des Ballungsraums finden die Jungunternehmer hier nicht nur vergleichsweise leicht hochqualifizierte Mitarbeiter, sondern haben auch gute Chancen, eng mit Forschung und Industrie zu kooperieren. Dazu kommt: Gewerbeimmobilien sind meist ausreichend vorhanden – und das zu bezahlbaren Preisen, im Gegensatz zur Situation in anderen deutschen Metropolen.

Mit der Finanzierung tun sich die Gründer im Revier allerdings nicht so leicht…

Granderath: Das ist richtig. Unsere Studie zeigt, dass Gründerinnen und Gründer aus dem Ruhrgebiet sich viel seltener trauen, externes Kapital aufzunehmen. Auch was den Zugang zu alternativen Kapitalquellen – etwa Business Angels und Wagniskapitalgeber – angeht, hinken die Startups aus der Region etwas hinterher. Das liegt zum einen daran, dass viele noch in der Anfangsphase stecken und ihnen ein Stück weit die Erfahrung im Umgang mit den Geldgebern fehlt. Zum anderen sind unter den Gründern überdurchschnittlich viele Ingenieure und IT-Spezialisten, die sich mit dem Thema Finanzen vermutlich etwas schwerer tun als Betriebswirte.

Was würde den Gründerinnen und Gründern denn helfen, um die Finanzierungssituation zu verbessern?

Holtze: Um leichter an Kapital zu kommen, wünschen sich die Gründerinnen und Gründer vor allem die Weiterentwicklung bestehender staatlicher Finanzierungsinstrumente wie EXIST oder High-Tech-Gründerfonds. Viele halten zudem die Einführung eines großen nationalen Digitalfonds als Investitionsmöglichkeit für Versicherungen und Pensionsfonds in Wagniskapital für wichtig. Der nun verabschiedete Zukunftsfonds als staatlich initiierter Dachfonds ist eine gute Übergangslösung.

Längerfristig sind jedoch bessere Rahmenbedingungen auf EU-Ebene nötig, damit Versicherungsfonds und Pensionskassen wie in den USA direkt in Venture Capital investieren können.

Lutz Granderath

Lutz Granderath ist Standortleiter von PwC in Essen. Nach dem Motto „Hightech statt Hochofen“ begleitet er Unternehmen beim Strukturwandel. Der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater hat umfangreiche und langjährige Erfahrung in der Prüfung und Beratung von Unternehmen – vom Startup über Mittelstand und Familienunternehmen bis hin zu börsennotierten Konzernen. Das Rezept für die erfolgreiche Zusammenarbeit ist für ihn Flexibilität und Innovationsbereitschaft, Kreativität und der Mut, Neues auszuprobieren.

Sebastian Holtze

Sebastian Holtze ist Experte für digitale Transformation und New Work. Er versteht sich als „Vernetzer zwischen den Welten“, der Startups, Corporates und Wissenschaftler an einen Tisch bringt. Er unterstützt Startups bei der (Weiter-)Entwicklung und Professionalisierung von Geschäftsmodellen und begleitet sie bei der Skalierung - im Inland und Ausland. Er ist Coach, Jurymitglied und Moderator in der Startup-Szene des Ruhrgebiets und leitet den Arbeitskreis „Unternehmertum der Wirtschaftsjunioren Essen“.

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