Interview: „Kritische Infrastrukturen sollten wir noch einmal genau überprüfen.“

16 Juni, 2020

Ein Interview mit Prof. Dr. Rainer Bernnat, Leiter des Fachbereichs Öffentlicher Sektor bei PwC Deutschland, über Lehren aus der Corona-Krise, die Rolle der Europäischen Union und welche Chancen digitale Lösungen bieten.

Herr Bernnat, im Thesenpapier aus dem April 2020 schlägt PwC Maßnahmen vor, die beim Weg aus der Corona-Krise helfen können. Sind die Einschätzungen noch aktuell?

Kurze Antwort: Vieles ja, aber nicht alles. Das liegt einfach am rasanten Tempo der Pandemie, ihrer Folgen und der gesellschaftlichen Reaktionen darauf. Dass wir die fünf Kernbereiche – Wirtschaft, Gesellschaft, Infrastruktur, Internationales und Sicherheit sowie Bildung – weiter genau anschauen müssen, gilt aber nach wie vor.

Beginnen wir mit der Wirtschaft. Welche Entwicklung sehen Sie aktuell speziell für Deutschland?

Im Moment sieht es so aus, als würde sich die deutsche Wirtschaft in absehbarer Zeit wieder erholen. Vorausgesetzt, dass kein zweiter Lockdown kommt. Es wird zwar ein starker Anstieg der Staatsverschuldung von 12 bis 15 Prozentpunkten auf über 75 Prozent im Verhältnis zum BIP erwartet.

Die positive Entwicklung nach der Finanzkrise aus 2008/2009 macht jedoch Hoffnung, dass der geringe Verschuldungsgrad vor der Corona-Krise in 5 bis 10 Jahren wieder erreicht werden kann. Insofern können wir erwarten, dass es keine Generation dauern wird, das abermals zu schaffen.

Allerdings hängt das, nicht zuletzt aufgrund der hohen Exportabhängigkeit, nicht allein von der Entwicklung hierzulande ab.

Richtig, wie sich Export und globale Wertschöpfung entwickeln werden, kann derzeit noch niemand genau absehen. Klar ist für mich aber, dass wir Wertschöpfungs- und Lieferketten genau auf ihre Kritikalität prüfen und möglicherweise dann auch verändern müssen. Und zwar im Sinne einer stärkeren Fokussierung auf zum Beispiel Lagerbestände und Produktion in Europa.

Eine solche Deglobalisierung wird ja derzeit häufig diskutiert. Vermuten Sie denn hier tatsächlich einen langfristig wirksamen Paradigmenwechsel?

Das ist schwierig zu sagen. Vieles wird davon abhängen, wie sich etwa der Handelsstreit zwischen den USA und China weiterentwickelt. Fest steht aber, dass wir uns kritische Infrastrukturen zum Beispiel in der Informationstechnologie im Detail noch einmal anschauen müssen, um etwa die Digitale Souveränität Deutschlands und Europas zu stärken.

Blicken wir auf die gesellschaftliche Entwicklung. Welche Tendenzen sehen sie hier?

Wir werden mit den Hygienemaßnahmen auf absehbare Zeit leben müssen. Maskentragen, Hände waschen und Abstand halten, diese Dinge werden Teil unseres Lebens bleiben. Ebenso einige der Veränderungen bei der Arbeit, etwa häufigeres Homeoffice. Insgesamt müssen wir einfach abwarten, ob es zu weiteren Infektionswellen kommt oder ob es gelingt, einzelne Infektionsherde abzugrenzen.

Von diesen Entwicklungen werden vermutlich auch Lockerungen beim Thema Transport abhängen.

Genau, und ich denke schon, dass wir insbesondere im Tourismusverkehr relativ schnell zum Zustand vor der Krise zurückkommen werden. Meinem subjektiven Eindruck nach ist an den Flughäfen schon heute deutlich viel mehr los als vor zwei Wochen. Wie wir langfristig mit Geschäftsreisen umgehen werden, steht auf einem anderen Blatt.

Womit rechnen Sie?

Hier gehe ich von immensen Einschnitten aus. Die Gewöhnung an neue Verhaltensweisen wie Homeoffice und Videokonferenzen ging vielerorts sehr schnell und intensiv vonstatten. Die Frage ist aber, ob die Politik diese Entwicklung nutzen möchte oder ob sie sich eher neutral dazu verhält.

Können Sie ein Beispiel geben?

Denkbar ist, dass die Politik die angepassten Verhaltensweisen der Bevölkerung intensiviert, etwa durch steuerliche Anreize oder zum Beispiel einen Geschäftsreisen-Index, mit dem man Unternehmen belohnt, die häufiger auf berufliche Reisen verzichten. All das sind derzeit offene Fragen, die wir aber dingend diskutieren sollten.

Blicken wir einmal auf die europäische Ebene. Wie haben Sie das Corona-Krisenmanagement der EU bisher erlebt?

Zunächst einmal ist in der Corona-Krise das Ungleichgewicht zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten deutlich zutage getreten. Besonders natürlich im Gesundheitswesen, bei den Tests, der Mortalität, den Neuinfektionen und so weiter.

Die europaweit so geringe Transparenz und Einheitlichkeit müssen dringend verbessert werden. Nationale Antworten haben in Fragen des Krisenmanagements dominiert und es gab wenige „Leitplanken“ seitens der Kommission. Aus dieser Krise erwächst aber auch eine Chance für die EU-Kommission, sich für die Zukunft deutlich differenzierter zu positionieren.

Tatsächlich waren die Auswirkungen der Krise von Land zu Land sehr unterschiedlich.

Ja, und der bislang vergleichsweise milde Verlauf der Corona-Krise in Deutschland zeigt für mich schon, dass das Krisenmanagement hierzulande den Vergleich nicht zu scheuen braucht. Unser Gesundheitswesen zum Beispiel darf, aller Defizite im Detail zum Trotz, durchaus als eines der besten in Europa, wenn nicht weltweit gelten. Und das gilt auch für andere Sektoren der Wirtschaft und Gesellschaft. Vielleicht bietet die EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands ab dem 1. Juli 2020 die Gelegenheit, hier Impulse zu setzen.

Was wäre Ihrer Meinung nach jetzt wichtig für die Europäische Union?

Eine stärkere Handlungsfähigkeit auf der operativen Ebene. Dass die EU eben nicht nur den gesetzlichen Rahmen schafft und die konkrete Ausgestaltung dann den Mitgliedsstaaten überlässt, sondern dass sie sich selbst stärker einbringt. Die Krise bietet dazu eine einmalige Chance.

Welche genau?

Innerhalb Europas näher zusammenzurücken und Solidarität mit konkreten Maßnahmen tatsächlich zu zeigen. Noch einmal zum Thema kritische Infrastruktur: Hier ist es meines Erachtens unbedingt notwendig, über Wertschöpfung, Lagerung, aber auch über die zentrale Bereitstellung von zum Beispiel Intensivbetten zu diskutieren. So hätte man Länder wie Italien und Spanien von Seiten der EU rasch entlasten können. Eine zentrale Rolle werden dabei sicher auch technische Lösungen spielen.

Sie denken an eine europaweit einheitliche Corona-App?

Ja, als eines von vielen Beispielen. Nun sind wir immerhin auf dem Weg zu einer bundesweiten Lösung. Wobei ich schon sagen muss, dass insbesondere die Diskussion um Architektur und Datenschutz eine schnelle Entwicklung massiv beeinträchtigt hat.

Wie meinen Sie das?

Nun, US-amerikanischen Technologieunternehmen geben wir über Beiträge in Social-Media-Kanälen freiwillig alle möglichen privaten Daten preis. Und ausgerechnet, wenn es um die Rettung von Menschenleben geht, verhindert eine Debatte zum Datenschutz eine schnelle Umsetzung? Die Anwendung eines dezentralen Tracing-Modells, verbunden mit freiwilliger Nutzung und anonymisierten Bluetooth-IDs, hat immer schon den wichtigen Datenschutz-Richtlinien entsprochen.

PwC stellt Privatunternehmen und dem öffentlichen Sektor eine eigene Corona-App zur Verfügung. Ist das nicht ein Widerspruch zu nationalen Lösungen oder einer europäischen Corona-App?

Nein. Nationale Lösungen sind absolut wichtig, um Infektionsketten frühzeitig zu identifizieren. Wir beobachten aber aktuell ein Auseinanderdriften der Lösungsarchitekturen. So setzt Frankreich derzeit auf eine zentrale Lösung, während Deutschland das dezentrale Modell favorisiert.

Ein europäischer Standard wäre bei der zunehmenden Öffnung des Grenzverkehrs deutlich hilfreicher. Nationale oder europäische Lösungen schließen jedoch die Notwendigkeit, den Wiederanlauf der Geschäftstätigkeit in Unternehmen, des Sports oder in der Öffentlichen Verwaltung mit eigenen Apps zu unterstützten, nicht aus.

Können Sie das näher erläutern?

Damit die Apps richtig funktionieren, müssen 50 bis 60 Prozent der Smartphone-Nutzer mitmachen. Das erfordert geradezu, ein Ökosystem von Apps an den Start zu bringen, welches interoperabel und mit spezifisch erweiterten Anwendungen auf die Besonderheiten einzelner Sektoren, Branchen und Institutionen Rücksicht nimmt.

Wie weit sind Sie denn mit der Entwicklung?

Unsere App, die im Übrigen voll funktionsfähig mit Bluetooth-Tracking im Hintergrund läuft, erproben wir derzeit innerhalb unserer eigenen Organisation, um für den breiteren Einsatz in Unternehmen, in Verbänden, im Sport oder in Institutionen des öffentlichen Sektors gerüstet zu sein. Die Resonanz, gerade von CEOs der Unternehmen, ist groß. Genauso wie das Verständnis, dass wir nur durch solche zusätzlichen Lösungen eine stärkere Resilienz gegen potenzielle zweite Infektionswellen erreichen.

Ist die Anwendung denn schon im Einsatz?

Ja, vor Kurzem haben wir beispielsweise die Zusammenarbeit mit dem Erstligisten Eintracht Frankfurt vorgestellt. Hier weitere Informationen.

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Prof. Dr. Rainer Bernnat

Prof. Dr. Rainer Bernnat

Leiter Öffentlicher Sektor, Strategy&, PwC Germany

Tel.: +49 69 97167-414

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