Wie die Coronakrise die Gefahr für Wirtschaftskriminalität erhöht – So schützen Sie Ihr Unternehmen vor Angriffen

15 Mai, 2020

Kriminelle agieren bevorzugt in Zeiten von Unsicherheit und Umbrüchen. Die Corona-Pandemie bietet eine Fülle von beidem. Deshalb sollten Unternehmen dem Thema Wirtschaftskriminalität in der aktuellen Situation besondere Aufmerksamkeit schenken. Die aktuelle Ausgabe der PwC-Studie „Global Economic Crime Survey 2020“ kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Fast

jedes zweite Unternehmen weltweit (48 Prozent) ist in den vergangenen zwei Jahren Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden. Derzeit ist die Aufmerksamkeit vieler Firmen auf den Umgang mit den Auswirkungen der Corona-Krise gerichtet. Dadurch könnte das Thema Wirtschaftskriminalität in den Hintergrund geraten.

In der Krise fallen ungewöhnliche Aktivitäten nicht so leicht auf

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Claudia Nestler
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„Mitarbeiter und Management konzentrieren sich darauf, ihr Unternehmen erfolgreich durch die Krise zu steuern. Sie agieren teilweise verunsichert in einer völlig neuen Arbeitsumgebung“, so die Einschätzung von Claudia Nestler, die den Bereich Forensic Services bei PwC Deutschland leitet. „Und in einer Welt, in der alles plötzlich anders ist, werden ungewöhnliche Aktivitäten, die auf Betrug hindeuten könnten, nicht zwangsläufig wahrgenommen“, so Claudia Nestler weiter. Es entstehen in der derzeitigen Situation also vielfätige Gelegenheiten für Straftaten wie Betrug. Verschärft wird die Bedrohungslage durch den Druck, den Unternehmen verspüren, möglichst unbeschadet durch die Krise zu kommen.

„Dass die Bedrohungslage real ist, zeigt die große Anzahl an Phishing-Emails und -Webseiten, die inhaltlich auf die Coronakrise Bezug nehmen“, kommentiert Claudia Nestler. Sie beobachtet, dass zunehmend betrügerische Anbieter am Markt operieren, die aus der Krise und der Besorgnis der Menschen Kapital schlagen wollen.

Vier zentrale Angriffsfelder, die Sie im Blick behalten sollten

Opportunistische Delikte

Die Corona-Krise bindet in Unternehmen momentan immense Personalkapazitäten. Ein Großteil der Mitarbeiter und des Managements arbeitet im Homeoffice. Kriminelle nutzen ausgeklügelte Analysen, um Schwachstellen aufzuspüren, Kontrollschwächen und eine unzureichende IT-Sicherheitsumgebung nutzen sie gezielt aus.

„Einzelne Unternehmen verzeichneten bereits innerhalb einer Woche einen Anstieg der versuchten Cyber-Angriffe um 40 Prozent“, berichtet Claudia Nestler. Daneben versuchen externe Angreifer, im Homeoffice arbeitende Mitarbeiter auszunutzen, indem sie sich als leitende Angestellte ausgeben und Zahlungen anweisen oder als vermeintliche IT-Mitarbeiter die Installation von Schad-Software anordnen. Darüber hinaus agieren zunehmend betrügerische Anbieter von derzeit stark nachgefragten Artikeln wie Schutzmasken am Markt.

Weiterhin hat der Anlauf der staatlichen Hilfen bereits gezeigt, dass auch Unternehmen, die nicht die entsprechenden Voraussetzungen erfüllen, in betrügerischer Absicht Unterstützung beantragen. „Auch wenn die derzeitige Prüfung seitens der Behörden pragmatisch erfolgt: Im Nachgang wird es Kontrollen und Untersuchungen geben“, warnt die PwC-Expertin.

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Finanzberichterstattung

Nicht wenige Unternehmen werden ihre Umsatz- und Gewinnziele aufgrund der aktuellen Situation verfehlen. Gleichzeitig sind staatliche Unterstützungsmaßnahmen unter anderem an die Erfüllung gewisser Kennzahlen gebunden. Manche Unternehmen werden daher versuchen, zusätzliche Liquiditätsquellen zu identifizieren.

Die Erfahrung zeigt: Dies führt nicht selten zu einer Zunahme von Betrügereien im Zusammenhang mit Bankvereinbarungen und Betriebskapital. Insbesondere die Umsatzrealisierung stellt regelmäßig einen Ansatzpunkt für Bilanzbetrug dar.

Ein weiterer Bereich, der anfällig ist für Straftaten: Die Lohn- und Gehaltsabrechnung. Die Bundesregierung hat in kürzester Zeit enorme Unterstützungsmaßnahmen wie das Kurzarbeitergeld verabschiedet oder an die aktuelle Situation angepasst. Die Abwesenheitsraten in Unternehmen schießen in die Höhe, die Überwachung der Arbeitszeiten ist bestenfalls erschwert. „Dies ist ein Nährboden für Fehler oder Betrug“, ist Claudia Nestler überzeugt.

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Lieferketten und Geschäftspartner

Die aktuelle Ausgabe des PwC Global Economic Crime Survey kommt auch zu dem Ergebnis, dass weltweit jede fünfte Wirtschaftsstraftat von Verkäufern und Zulieferern begangen wird. Und dennoch gab jeder zweite Befragte an, kein ausgereiftes Risikomanagementprogramm für Geschäftspartner eingerichtet zu haben. Jedes fünfte Unternehmen verzichtet sogar vollständig auf Mechanismen zur Überprüfung und laufenden Kontrolle seiner Geschäftspartner.

Diese Erkenntnisse gewinnen an Bedeutung, wenn bewährte Lieferketten wie in der aktuellen Krisensituation zusammenbrechen und Unternehmen unter Druck stehen, um den Betrieb überhaupt am Laufen zu halten. „Sonst übliche Geschäftspartner-Reviews können in diesen Zeiten mit Verweis auf Zeitdruck und mangelnde Kapazitäten leicht umgangen und wichtige Sorgfaltsprüfungen versäumt werden“, analysiert Claudia Nestler. Dies erhöhe das Risiko für Unternehmen, Opfer betrügerischer Handlungen zu werden, die entweder von Dritten oder von Mitarbeitern, die im Purchase-to-Pay-Zyklus arbeiten, begangen werden.

Die regelmäßig durchgeführte PwC-Befragung „COVID-19 Pulse Survey“ bestätigt: Unternehmen benötigen eine höhere Transparenz über ihre Geschäftspartner und deren tatsächliche Lieferfähigkeit. Risiken bestehen mit Bezug auf Intransparenz oder falsche Auskunft zur wirtschaftlichen Lage kritischer Lieferanten.      .

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Geldwäsche

Die globale Krisensituation hat bestehende Handels- und Zahlungsströme grundlegend verändert. Beispielsweise müssen bisherige Geschäftspartner kurzfristig durch alternative Anbieter ersetzt werden. Entsprechende Screenings basierend auf historischen Erfahrungswerten könnten hier lückenhaft sein. „Genau diese Erkenntnis könnten sich Kriminelle nutzbar machen, um Gelder zu waschen“, berichtet Claudia Nestler.

Weiterhin versuchen Kriminelle, Gelder aus krisenspezifischen Delikten zu waschen. Die ersten Fälle, die durch staatliche Stellen verfolgt werden, gibt es bereits, beispielsweise in Singapur, wo ein Verdächtiger einen Millionenbetrag, den er durch betrügerischen Handel mit Medizinprodukten erhalten hatte, waschen wollte.

Daneben verzeichnen Finanzinstitutionen eine enorme Zunahme von falsch-positiven Verdachtsfällen, bei denen ihre Überwachungssoftware Alarm schlägt. Das hat einen einfachen Grund: Das Verhalten der Kunden hat sich plötzlich geändert. Compliance-Systeme mit maschinellen Lernfähigkeiten beginnen zwar, sich anzupassen, aber der Druck ist groß, die Systeme neu auszurichten, um dieser neuen und ungewohnten Arbeitsumgebung Rechnung zu tragen.

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Vier Bestandteile eines effektiven Managements von Betrugsrisiken

Governance
Werden von der Unternehmensführung die richtigen Botschaften vermittelt? Werden Richtlinien und Verfahren befolgt? Wurden Kontrollen des Krisenmanagements eingerichtet? Sind sich die Mitarbeiter des erhöhten Risikos bewusst und wissen sie, worauf sie achten müssen?

Risikoanalyse
Viele Unternehmen führen bereits im Tagesgeschäft Risikoanalysen durch. Aber sind Ihre Risikoanalyseverfahren bereits an die besonderen Umstände von COVID-19 angepasst?

Monitoring
Verfügen Sie über die erforderlichen Kompetenzen und Systeme, um Ihre Monitoring- und Überwachungssysteme an der neuen Bedrohungslage auszurichten?

Reaktion
Können Verdachtsfälle aus der Ferne untersucht werden? Können Sie Ihre Prozesse anpassen und haben Sie Zugriff auf die relevanten Daten, um eine erforderliche Untersuchung durchzuführen?

Die PwC-Experten für Forensic Services behalten die aktuellen Entwicklungen für Sie im Auge. Wenn Sie mehr wissen möchten, stehen Ihnen unsere Experten gerne zur Verfügung.

Weitere Beiträge

Fraud Muster im Rahmen der Corona Pandemie, Stand 27.05.2020 (englisch)

Aktuelle Trends betrügerischer Aktivitäten im Zusammenhang mit COVID-19 - Wiederkehrende Muster, die wir durch die Recherche öffentlich zugänglicher Informationen, Gespräche mit unseren Kunden und unsere forensische Erfahrung beobachten.

Download PDF (1,65 MB)

Warnung vor Geldwäsche und Betrug durch den Zoll

Die Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen (Financial Intelligence Unit) warnt vor Betrugs- und Geldwäsche Aktivitäten im Zusammenhang mit COVID-19. Alle Verpflichteten werden um besondere Aufmerksamkeit gebeten, damit die aktuelle Situation nicht für Geldwäsche und für sonstige Straftaten missbraucht wird.

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PwC Blog zum Thema Geldwäsche und Vergabe von Förderkrediten

Geldwäscheprävention und staatliche Förderkredite in der Corona-Krise – mehr dazu in unserem PwC Blog Compliance FS.

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Krisenmanagement, PwC Germany

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