Wie COVID-19 den Lebensmittelhandel verändert

03 April, 2020

Die rasche Ausbreitung von COVID-19 bremst die Wirtschaft in vielen Branchen stark aus. Der Lebensmitteleinzelhandel ist eines der wenigen Segmente, das in Folge der Krise Umsatzrekorde verzeichnet. Zum Teil liegen die Erlöse mehr als 20 Prozent über den Umsätzen im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Während in der Vergangenheit vor allem frische Lebensmittel für Wachstum bei den Unternehmen sorgten, sind nun haltbare Waren bei den Verbrauchern besonders gefragt, etwa Konserven, Mehl, Reis, Nudeln – und Toilettenpapier.

„Die massiv gestiegene Nachfrage nach bestimmten Artikeln des täglichen Bedarfs führt zu temporären Lücken in den Regalen einiger Supermärkte. Einige der aktuell sichtbaren Veränderungen sind kurzfristige Krisenerscheinungen. Die Pandemie wird aber auch Entwicklungen anstoßen, die den Einzelhandel dauerhaft verändern.“

Christian Wulff, Leiter des Bereichs Handel und Konsumgüter bei PwC Deutschland

Vier Thesen, wie COVID-19 den Lebensmittel-einzelhandel langfristig verändert

1. Discounter erobern Marktanteile zurück

Im vergangenen Jahr konnten vor allem die Vollsortimenter Marktanteile gewinnen – mit einem Fokus auf Frische, Bio-Produkten und einem ansprechenden Einkaufserlebnis. In der Krise schlägt nun wieder die Stunde der Discounter. Verbraucher legen den Fokus aktuell darauf, ihren Einkauf schnell und einfach zu gestalten. Sie achten dabei wieder verstärkt auf den Preis. Denn durch die wirtschaftliche Unsicherheit, Kurzarbeit und den zu erwartenden Anstieg der Arbeitslosigkeit wächst auch das Kostenbewusstsein der Menschen deutlich. Diese Entwicklung wird voraussichtlich mittel- und längerfristig anhalten. Wir gehen davon aus, dass Discounter im Jahr 2021 rund 1,5 Prozent an Marktanteilen gewinnen werden. Eine ähnliche Entwicklung war nach der Finanzmarktkrise 2008 zu beobachten.

2. Liefermodelle etablieren sich nachhaltig

In Zeiten von Ausgangsbeschränkungen und der wachsenden Angst vor einer Infektion mit COVID-19 vermeiden Menschen wo immer möglich Interaktionspunkte und scheuen den Weg in den Supermarkt. Die Lieferung von Lebensmitteln nach Hause etabliert sich damit auch in Deutschland. Der Marktanteil wird nach unseren Schätzungen von derzeit knapp über einem Prozent bis 2023 auf drei bis vier Prozent steigen – und auch danach weiter wachsen.

Die Folge: Nur wer in der Lage ist, seine Waren auch auszuliefern, wird langfristig erfolgreich bleiben. Aktuell sind die Lieferkapazitäten jedoch sehr begrenzt. Für Verbraucher ist es kaum möglich, einen zeitnahen Termin für eine Lebensmittellieferung zu vereinbaren. Wir beobachten, dass die Händler sich intensiv bemühen, diese Situation zu verbessern. Dabei helfen kreative Kooperationen: Lebensmittelhändler arbeiten probeweise mit den stark krisengebeutelten Taxi-Unternehmen zusammen, um die bestellten Waren schnell zum Kunden zu bringen. Während aktuell noch die Steigerung von Marktanteilen im Vordergrund steht, wird sich langfristig die Kostenbasis verbessern – Händler werden dann auch mit Liefermodellen die Gewinnschwelle überschreiten. Das rasante Wachstum des Online-Lebensmittelhandels ist dann nicht mehr aufzuhalten und bietet den Vollsortimentern die Möglichkeit, sich gegen das Marktanteilswachstum der Discounter zu behaupten.

3. Die Produktverpackung erlebt ein Revival

In Zeiten von COVID-19 steigen auch die Anforderungen an die Produkthygiene. Kunden lassen unverpacktes Obst, Gemüse oder Backwaren aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus links liegen. 2019 lag die Vermeidung von Plastikmüll noch voll im Trend – diese Entwicklung wird sich nun zumindest teilweise umkehren. Die Folge: Die Produktverpackung erlebt ein Revival.

„Wie der Handel das Thema Hygiene im Massenkonsum langfristig lösen kann, ist noch offen. Denkbare Ansätze sind Technologien wie Blockchain in der Supply Chain, um die gesamte Lieferkette transparent zu gestalten und die Produktsicherheit jederzeit zu gewährleisten.“

Andreas Späne, Handels-Experte bei Strategy&, der globalen Strategieberatung von PwC

Kurzfristig scheint es jedoch nur eine Lösung zu geben, um der Furcht der Verbraucher, sich über Lebensmittel mit dem Virus zu infizieren, zu begegnen: Die Rückkehr zu – immerhin verbessertem und abbaubarem – Plastik.

4. Digitale Zahlmethoden setzen sich durch

Um die Übertragung mit dem Virus über Münzen und Geldscheine auszuschließen, wird das bargeldlose Bezahlen aktuell überall propagiert. Wenn sich die Verbraucher einmal an diese Art der Zahlung – auch bei kleinen Beträgen – gewöhnt haben, werden sie dieses Verhalten auch nach der Krise beibehalten.

Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland beim digitalen Bezahlen hinterher: Während in einigen Ländern Südostasiens, aber auch in Skandinavien, der Anteil bargeldloser Zahlungen bereits bei über 80 Prozent liegt, bewegte er sich in Deutschland Ende 2019 noch bei knapp unter 50 Prozent. Bis Ende 2020 wird der Anteil auf mindestens 60 Prozent, bis Ende 2023 sogar auf 80 Prozent ansteigen, wie Prognosen von PwC zeigen. Einmal auf den Geschmack gekommen, wird der Konsument auch andere Bezahl-Technologien wie Scan-as-you-Go oder Self-Scanning-Kassen nicht nur akzeptieren, sondern langfristig sogar bevorzugen. Investitionen in die technologische Aufrüstung der Filialen werden damit zum Wettbewerbsvorteil.

Fazit

Digitale Transformation schnellstmöglich vorantreiben

COVID-19 beeinflusst das Kundenverhalten nicht nur kurzfristig. Viele der Veränderungen, die wir derzeit im Einzelhandel beobachten, werden auch langfristig Bestand haben. Händler stehen vor der Aufgabe, die digitale Transformation schnellstmöglich voranzutreiben, um den Kunden die komplette Bandbreite an technologischen Möglichkeiten anzubieten, an die sie sich in der Krise gewöhnt haben.

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Dr. Christian Wulff

Dr. Christian Wulff

Partner, Leiter des Bereichs Handel und Konsumgüter, PwC Germany

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Andreas Spaene

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