Interview: „Wir sollten die Krise für nachhaltiges Wachstum im Bildungssektor nutzen.“

30 Juli, 2020

Ein Interview mit Dr. Ralph Niederdrenk und Isabella Calderon Hoyos. Zwischen 2015 und 2019 haben die Investitionen in den europäischen Bildungssektor stark zugelegt. Dies ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie „Education and training services“

der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). Dr. Ralph Niederdrenk, Partner, und Isabella Calderon Hoyos, Senior Managerin bei PwC in Deutschland, erklären die wichtigsten Ergebnisse.

Herr Dr. Niederdrenk, wie beurteilen Sie die Entwicklung des europäischen Bildungsmarkts?

Ralph Niederdrenk: Das menschliche Lernen verändert sich grundlegend und innovative Technologie spielt dabei eine zentrale Rolle. Das hat einen tiefgreifenden Einfluss auf die Markt- und Wettbewerbslandschaft. Nicht zuletzt deshalb etablieren sich neue Lernformen wie soziales, mobiles und online Lernen.“

Und dieser wachsende Markt ist für Investoren interessant.

Isabella Calderon Hoyos: Genau, das zeigt unsere Studie. Dafür haben wir insgesamt 355 europäische M&A-Transaktionen und 329 Geschäftsmodelle von Start-ups in Europa analysiert. Zwischen 2015 und 2019 haben M&A-Aktivitäten und Risikokapital-Investitionen deutlich zugelegt, beim Transaktionsvolumen um durchschnittlich 8,2 Prozent pro Jahr, beim durchschnittlichen Transaktionswert um 67,3 Prozent jährlich.

Lassen sich bei den Investitionen Schwerpunkte ausmachen?

Niederdrenk: Es gibt einen deutlichen Unterschied bei den Investmentzielen zwischen strategischen Investoren und Wagniskapitalgebern. Rund 80 Prozent der M&A-Aktivitäten konzentrieren sich auf traditionelle Lernformen wie Schulen und Ausbildungszentren. Strategische Anleger engagieren sich viel weniger als in den Jahren zuvor bei neuen Lernformen wie Blended Learning. Genau entgegengesetzt ist der Trend bei Start-ups: Hier fließen etwa 84 Prozent in Unternehmen, die neue Technologien mit innovativen pädagogischen Konzepten kombinieren.

Welche Formen des Lernens gehören dazu?

Calderon Hoyos: Start-ups decken ein breites Spektrum der Wissensvermittlung ab. Sie untersuchen zum Beispiel, welche Vorteile immersives und spielbasiertes Lernen für eine verbesserte Lernerfahrung beziehungsweise den Lernerfolg haben. Sie fokussieren auf Themen wie Vernetzung, Support und Management und entwickeln etwa Peer-to-Peer-Plattformen, Lösungen für digitales Tutoring oder Lernmanagementsysteme. Digitales Matchmaking, soziale Lernplattformen, Tools zur Testvorbereitung sowie Kollaborationslösungen, um in Gruppen zu lernen, sind weitere Beispiele.

Wo steht denn der europäische Bildungsmarkt im internationalen Vergleich?

Niederdrenk: Nimmt man die M&A-Transaktionen zum Maßstab, so steht die Branche insgesamt noch am Anfang. China und die USA etwa sind da schon weiter. In den letzten Jahren hat es jedoch auch in Europa beträchtliche Bewegungen gegeben, und sowohl strategische als auch Finanzinvestoren entdecken diesen Sektor zunehmend. Allerdings warten immer noch viele Investoren darauf, dass der Markt robuster wird. COVID-19 könnte hier den entscheidenden Push geben.

Inwiefern?

Calderon Hoyos: Die Krise hat den großen Bedarf und das enorme Potenzial digitaler Lernformen gezeigt. Die derzeit gestiegen Aufmerksamkeit sollte genutzt werden, um nachhaltiges Wachstum für den Bildungssektor zu erreichen. Die Digitalisierung des Sektors steht erst am Anfang. Investitionen in diesen Sektor versprechen daher gute Renditen.

Contact us

Dr. Ralph Niederdrenk

Dr. Ralph Niederdrenk

Partner, Deals Strategy Leader, PwC Germany

Tel.: +49 89 5790-5320

Isabella Calderon Hoyos

Isabella Calderon Hoyos

Manager, PwC Germany

Tel.: +49 89 5790-6514

Follow us