Interview zur „Digital Supply Chain Studie 2020“

21 April, 2020

Ein Interview mit Dr. Reinhard Geissbauer und Stefan Schrauf, Partner bei PwC Deutschland. Intelligente Supply Chains ermöglichen einerseits die Stabilisierung und proaktives Management der Supply Chain in Zeiten von Disruptionen, sind aber auch die Grundlage für neue Geschäftsmodelle, neue Kundenkanäle und verbesserten Kundenservice durch schnelle Lieferungen und Transparenz entlang der Wertschöpfungskette.

Im Rahmen der globalen digitalen Supply Chain Studie hat die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers mehr als 1600 Unternehmen aus sieben Industrien und 33 Ländern zum Status quo und zur Zukunft ihres Supply Chain Managements befragt.

Herr Dr. Geissbauer, in der Studie haben Sie eine Vielzahl global tätiger Unternehmen zu ihrem Supply Management befragt. Ein Schwerpunkt dabei sind „intelligente“ Supply Chains. Was genau ist darunter zu verstehen?

Reinhard Geissbauer: Bei intelligenten Supply Chains sind die Unternehmen mittels digitaler und moderner Technologien mit ihren Partnern wie Lieferanten, Transportdienstleistern oder auch Kunden direkt verknüpft und haben ein gemeinsames Ökosystem etabliert. Basis dieses Ökosystems ist ein verknüpftes Datennetzwerk sowie vernetzte Prozesse, mit dem die Partner entlang der Wertschöpfungskette simultanen Zugriff auf relevante Supply Chain Informationen wie Bestellungen, Lieferungen oder Kapazitäten haben und kollaborieren können. Ein Höchstmaß an Transparenz erlaubt es beispielsweise, in Echtzeit genau zu wissen, was in der Supply Chain passiert und diese proaktiv zu Steuern. Auch die Themen integrierte Planung, Smart Logistics und dynamische Segmentierung der Supply Chain gehören dazu.

Smart Logistics ist Ihrer Studie zufolge eine der Top-Prioritäten der Unternehmen …

Stefan Schrauf: Ja, und das ist auch nachvollziehbar und sinnvoll. Schließlich lassen sich gut die Hälfte der Supply Chain Kosten Einsparungen, die durch die Investition in Supply Chain Exzellenz erzielt wurden, auf Smart Logistics zurückführen.

Woran liegt das? Sind die Investitionskosten zu hoch?

Geissbauer: Das ist die Hauptsorge der kleineren Unternehmen, ja. Aber diese Sorge ist in aller Regel unbegründet. Denn die Investitionskosten amortisieren sich bereits nach knapp zwei Jahren wieder. Unternehmen jeder Größe tun also gut daran, das Thema nicht schleifen zu lassen und auf Supply Chain Exzellenz zu fokussieren.

Können Sie das in konkreten Zahlen ausdrücken?

Geissbauer: Investitionen in Supply Chain Exzellenz bringen Unternehmen einen deutlichen Umsatzanstieg von durchschnittlich 6,3 Prozent. Hinzukommen weitere Kostenvorteile durch Reduktion der Supply Chain Kosten in Höhe von 5,9 Prozent im Schnitt aller befragten Unternehmen.

Welche Rolle spielen Technologien wie Künstliche Intelligenz und Data Analytics derzeit im Supply Chain Management?

Schrauf: Eine wesentliche. Sieben von zehn Unternehmen setzen diese Technologien bereits für mindestens einen Bereich in der Supply Chain ein, um Entscheidungsprozesse zu automatisieren und vorausschauender zu agieren. Dabei liegt der Fokus auf mehr Transparenz, End-to-End-Planung oder dynamischer Cost-to-Serve Optimierung. Auffällig ist, dass die Digital Champions, wie wir die digitalen Vorreiter nennen, dabei einen deutlichen Vorsprung vor anderen haben. 43 Prozent von ihnen setzen KI beispielsweise für mehr Supply Chain Transparenz ein, gegenüber durchschnittlich 23 Prozent aller befragten Unternehmen.

Auf welche Daten greifen die Digital Champions dabei zurück?

Schrauf: Zum einen auf klassische Betriebs-, Finanz- und Verkaufsdaten. Die digitalen Vorreiter nutzen aber deutlich häufiger auch unstrukturierte externe Daten, beispielsweise Wetterdaten, externe Kundendaten oder Daten aus IoT- oder Social-Media-Anwendungen.

Mit welchem Erfolg?

Geissbauer: Transparente Lieferketten unterstützen die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele. Konkret: Kunden wollen heute wissen, woher Rohstoffe, Waren und Produkte stammen. Und das lässt sich über den gesamten Prozess nachverfolgen und kommunizieren. Aber bei der Transparenz spielt noch etwas anderes eine Rolle …

Nämlich?

Geissbauer: Die Qualität. Digital Champions mit sehr hoher Transparenz ihrer Supply Chains können jederzeit nachvollziehen, wann und wo zum Beispiel Schäden an Produkten und Waren aufgetreten sind. Das ist dann nicht zuletzt ein Haftungsthema.

Und wie weit sind die Vorreiter beim Thema Transparenz?

Schrauf: Sehr weit. 62 Prozent der Digital Champions haben bereits Transparenz ihrer Supply Chains erreicht. Im Schnitt aller für die Studie befragten Unternehmen waren es nur 33 Prozent. Und Transparenz wird im Supply Chain Management in näherer Zukunft auf jeden Fall auch das Top-Thema bleiben. Denn die Unternehmen bewegen sich immer stärker in Richtung ganzer Supply Chain Ökosysteme, die nicht nur die Unternehmen selbst und vielleicht noch ihre Tochtergesellschaften einschließen, sondern auch Kunden, Zulieferer, Dienstleister und andere Partner. Ohne Transparenz für alle Beteiligten, die auf intelligenten Technologien basiert, wird das nicht funktionieren. 

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