Deutschland, deine Digitalisierung. Warum es so wichtig ist, endlich loszulegen

12 Dezember, 2019

Ein Beitrag von Hendrik Reese. Neulich in einem mittelständischen Unternehmen, irgendwo in Deutschland. Seit letztem Jahr schon herrscht Aufbruchsstimmung in den Fluren und Gängen der Firmenzentrale. Da wurden sinnbildlich Tische und Stühle gerückt, um das Unternehmen zu disruptieren. Volle Digitalisierung der Kommunikationsmittel. Und shared devices und Cloud-Systeme, auf die jederzeit gemeinsam zugegriffen werden kann, fördern mehr Agilität und vernetztes Arbeiten. So weit, so gut. “Fit für die digitale Welt” ist ganz oben auf der Agenda von Unternehmen. 

Doch was geschieht, fragt man nach einer digitalen Strategie, nach Transformationsprozessen oder einem umfassenden Digital Upskilling? “Ja, aber ...”, damit beginnt dann auf einmal fast jede Antwort. Einwände, Zögern, vielleicht lieber erst einmal abwarten? Und man merkt schnell, dass Digitalisierung zu kurz gedacht wird. Ein in den Augen vieler Stakeholder gefühlt bereits abgehakter Punkt auf der Unternehmensagenda. Industrie 4.0 und New Work werden immerhin gerade umgesetzt, die Initiativen laufen. Das reicht doch, oder?

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Hendrik Reese

Hendrik Reese
Director, Artificial Intelligence, PwC Deutschland
Tel.: +49 89 5790-6093
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Digitalisierung passiert. Ständig und überall, auch ohne unser Zutun, schleichend und rasant zugleich, je nachdem von welcher Seite aus man auf den ins Rollen gekommenen Zug aufspringen möchte. Was vor Jahrzehnten als Revolution unserer Kommunikationswege begonnen hat, greift längst auf all unsere Lebensbereiche über. Doch uns zurücklehnen und zusehen dürfen wir nicht. Unternehmen sind in der Handlungspflicht. Und auch aufseiten der Politik besteht Nachholbedarf.

Will die deutsche Wirtschaft den internationalen Anschluss nicht verpassen, muss sie jetzt aktiv werden und nicht erst reagieren, wenn andere Länder uns mit Schnellzug-Selbstverständlichkeit überholen - während wir uns noch als Land der Zögerer und Zauderer im Regionalbahnhof Sorgen über den digitalen Fahrplan machen.

Natürlich kann es keine gute Strategie sein, völlig kopflos eine ominöse Digitalisierung vorantreiben zu wollen. Erstes Licht ins Dunkel bringt die Klärung der Begrifflichkeiten, mit denen wir es allgegenwärtig zu tun haben. Denn beleuchtet man den Terminus der Digitalisierung genauer, stellt man fest, dass es sich hierbei eigentlich nur um einen kleinen Teil dessen handelt, was wir richtigerweise als digitale Transformation beschreiben müssen. So ist unter dem Wort “Digitalisierung” nichts anderes, als die Umwandlung analoger Daten oder Formate in digitale Systeme und Anwendungen zu verstehen. Cloud-Speicher statt Aktenschränke, E-Mail statt Fax. Bereits bekannte Prozesse werden in neue übersetzt, es findet aber kein Neudenken, Andersdenken, oder visionäres Erfinden von ganz anderen Strukturen statt. Dass diese bloße Übertragung nicht der ganze Deal sein kann, liegt auf der Hand. Der Begriff Digitale Transformation hingegen macht deutlich, mit welchem Ausmaß an Umwälzungen wir es tatsächlich zu tun haben. Machen es sich Unternehmen, die vermeintlich digital aufgerüstet haben, also einfach leicht? Oder verkennen sie die Dimensionen der digitalen Transformation? 

Wir können nicht nur ein bisschen digitaler werden. Die digitale Transformation muss ganzheitlich gedacht werden

Ein Blick auf die Gesamtsituation der deutschen Wirtschaft zeigt: Wir haben die Weichen in Richtung digitaler Transformation zwar schon gestellt und sind mit Industrie 4.0 und optimierten Prozessen vielerorts auf dem richtigen Weg. So richtig in Schwung ist das Ganze aber noch nicht gekommen. Gerade mit Blick nach China oder in die USA fehlt es in Deutschland an Elan, was Investmentbereitschaft beispielsweise für Künstliche Intelligenz angeht. Dabei versprechen die Prognosen rosige Aussichten: Auf 430 Milliarden Euro wird das erwartete Wirtschaftswachstum in Deutschland aufgrund KI-basierter Techniken bis zum Jahr 2030 geschätzt. Und Investitionen in die Entwicklung digitaler Produkte bringen Unternehmen Effizienzsteigerungen von bis zu 19% über die nächsten 5 Jahre, wie die Digital Product Development 2025 Studie von PwC ermittelt hat. Warum also in kleinen Schritten herantasten, wenn man auch aufs große Ganze gehen kann?

Zum einen fehlt uns - bildlich gesprochen - ein ausgebautes Schienennetz, auf dem alle beteiligten Digitalisierungsplayer aufs Gleis gesetzt werden können. Kurz: eine funktionierende digitale Infrastruktur für all die bereits umgesetzten und noch zu realisierenden Digitalisierungsprojekte muss geschaffen werden. Damit nicht nur einzelne Spieler unterwegs sind, die im Zweifelsfall die Regeln nach ihren Bedürfnissen anpassen. Denn letztlich müssen alle Beteiligten der schönen, neuen Welt vom Bahnsteig abgeholt werden, um die digitale Transformation in Deutschland erfolgreich zu gestalten.

Mangelndes Vertrauen ist das Stichwort, das als Bremsklotz unseres digitalen Fahrplans zu fungieren scheint. Man könnte es auch Angst nennen. Denn versteht man digitale Transformation eben nicht nur verkürzt als Umwandlung bekannter Analog-Technologien in digitale Äquivalente, muss man sich unbekanntem Terrain öffnen.

Auf dem Weg nach Ungewiss? 

Hier geht es nicht mehr darum, wortgetreue Übersetzungen zu finden und sich an bereits vorgegebenen Zeilen orientieren zu können, sondern eben mal eine ganz neue Sprache zu erfinden. Und das Risiko aushalten zu können, dass sie erstmal niemand versteht. Nun ist die deutsche Wirtschaft nicht unbedingt für ihre Risikobereitschaft bekannt. Viel eher hat man das Gefühl, wir würden uns auf unserem Ruf als Präzisionsarbeiter, Exportweltmeister und Qualitätsgaranten ausruhen.

Wie kommen wir da mit einer digitalen Umwälzung ins Spiel, bei der noch nicht mal der Ausgang gewiss ist? Deren Dynamik nicht zerdenkbar ist, dafür aber als offener Prozess zu völlig neuen Möglichkeiten in Technik, Arbeit, Alltag einlädt? Indem wir unsere Ängste produktiv umsetzen und in die Gänge kommen. Werden nicht tausende von Arbeitsstellen wegfallen, wenn erstmal Algorithmen viele unserer Tätigkeiten übernehmen? Ja, also warum nicht neue Fähigkeiten antizipieren und Mitarbeiter bereits jetzt mit neuen Technologien vertraut machen, sie umfassend schulen und in den Wandel aktiv einbeziehen? Kann man den Wünschen des Kunden überhaupt noch gerecht werden, welche Linie sollte ich als Produkthersteller verfolgen? Vielleicht indem man Disruption vom Kunden her angeht, sich nicht an den Produkten versteift, sondern Geschäftsmodelle neu denkt und Services statt Endergebnisse anbietet. Der Weg ist das Ziel, aber wir müssen ihn auch gehen - ein Allgemeinplatz vielleicht, aber ein wahrer. 

Die digitale Transformation ist längst kein Hype mehr, sondern unsere Realität

Wir stecken schon mittendrin im digitalen Wandel und leisten uns weiterhin, um den heißen Brei zu reden. Dabei ist die Energie, die wir in Ausflüchte, Wenn und Abers stecken, in Überlegungen zu digitalen Strategien besser investiert, wie bereits erfolgreiche Case-Studies zeigen: So bringt die Implementierung von digitalen Informationsplattformen auch stark dezentralisierte Unternehmen zur gleichen Zeit auf den gleichen Punkt. Ganzheitliche Beratungsansätze verstärken Qualität und Vertrauen des Einsatzes Künstlicher Intelligenz, die jetzt schon Einzug in die Unternehmen findet. Und umfassende Digital Upskilling Programme setzen darauf, Mitarbeiter kreativ, nachhaltig und vor allem erfolgreich mit neuen Skills und Herausforderungen der Arbeitswelt vertraut zu machen, um vollkommen an der digitalen Welt teilzuhaben. 

Agil, nutzerorientiert und mit der nötigen Expertise können wir den digitalen Wandel bereits heute aktiv angehen. Und auch unsere Fühler in Richtung Zukunft ausstrecken, um noch kommenden Challenges einen Schritt voraus zu sein. Denn bloß als schickes Gadget, nice to have, ist die digitale Transformation verfehlt, wenn es nur um die Oberflächenpolitur eines Unternehmensimages geht. Digitalisierung um jeden Preis, nein, danke. Digitale Transformation - ja, bitte! Der Zug in Richtung digitaler Wandel ist noch nicht ohne uns abgefahren und wir sollten uns jetzt gemeinsam überlegen, wie wir unsere Reise in Zukunft gestalten wollen.

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