Finanzindustrie läuft bei der Digitalisierung die Zeit davon

18 Juli, 2016

Für die Finanzindustrie gerät die Digitalisierung zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Das zeigt die PwC-Studie „Financial Services Technology 2020 and Beyond: Embracing Disruption“, die auf Einschätzungen Hunderter Branchenmanager weltweit beruht. So gaben acht von zehn Bank-CEOs zu Protokoll, dass die Geschwindigkeit der technologischen Veränderungen sie „mit Sorge“ erfülle. Schon jetzt gehen viele Geldinstitute offenbar davon aus, wesentliche Marktanteile an digitale Herausforderer zu verlieren. So glauben, die von PwC befragten Bank- und Fintech-Manager, dass durch den Aufstieg neuer Finanz-Startups bis 2020 im Banking- und Payment-Bereich bis zu 28 Prozent aller Erträge gefährdet seien. Bei Versicherungen und in der Vermögensverwaltung sind es 22 Prozent.

„Viele Banken haben die Wucht, mit der die Digitalisierung ihre Branche trifft, unterschätzt. Das rächt sich nun. Denn die digitale Transformation ist in vollem Gange. Von der Automatisierung des Konsumentenkredits bis hin zur automatisierte Wertpapierberatung („Robo-Advice“) – innerhalb der nächsten fünf Jahre werden sich viele Facetten des Bankgeschäfts grundlegend verändern. Darum fürchten viele Vorstände, dass ihnen bei der Digitalisierung die Zeit davonläuft. Noch allerdings ist es nicht zu spät“, sagt Markus Burghardt, Mitglied des Vorstands und Leiter des Bereichs Financial Services bei PwC in Deutschland.

Der enorme zeitliche Druck rührt daher, dass sich verschiedene Entwicklungen momentan überschneiden. Ein Beispiel ist die „Sharing Economy“, die bis 2020 „zu einem integralen Bestandteils des Bankgeschäfts werden wird“, wie Burghardt glaubt. „Natürlich werden die Verbraucher auch in eigenen Jahren noch Finanzdienstleistungen benötigen. Allerdings ist nicht ausgemacht, dass sie sich mit diesem Bedürfnis noch zwingend an klassische Banken wenden. Die einstige Kernfunktion der Branche – nämlich Kapitalgeber und Kapitalnehmerzusammenzubringen – kann dank neuer technischer Möglichkeiten auch von neuen Marktteilnehmern wahrgenommen werden. Die Banken müssen sich diesem Wandel stellen, um ihre Rolle als Intermediär zu behalten“, so Burghardt.  

Eine weitere Innovation mit großem Veränderungspotenzial ist die Blockchain Technologie. 2015 haben die 13 bekanntesten Startups, die auf die neue Technologie setzen, rund 365 Millionen Dollar an Wagniskapital eingeworben – ein Indiz, dass immer mehr Investoren der Blockchain den baldigen Durchbruch zutrauen. Diese Einschätzung findet sich in der PwC-Umfrage unter den Bank- und Fintech-Managern. So hielten 56 Prozent aller Befragten die neue Technologie für wichtig. Doch zugleich räumen 57 Prozent ein, dass sie unsicher sind, wie sie auf die Blockchain-Revolution reagieren sollen. 

Auch das veränderte Kundenverhalten wird für die Banken zu einer immer drängenderen Herausforderung. So zahlt mittlerweile rund die Hälfte der sogenannten Millenials (Generation, der im Zeitraum von 1980 bis 1999 Geborenen) bei kleineren Beträgen lieber mit dem Smartphone als in bar. Bei einer anderen Umfrage kam heraus, dass in derselben Zielgruppe – zumindest in den USA – jeder Dritte offen für die Idee ist, innerhalb der nächsten drei Monate seine Bank zu wechseln. Und: Eine ähnlich große Gruppe gab an, davon auszugehen, in Zukunft gar keine Bank mehr für die persönlichen Finanzen zu benötigen. „In Deutschland sind viele Verbraucher zwar tendenziell noch ein Stück konservativer. Doch auch hier wandelt sich das Kundenverhalten rasant. Die Banken werden darauf eine Antwort finden müssen“, sagt Burghardt.    

Dass die kommenden fünf Jahre über Erfolg und Misserfolg in der Finanzindustrie entscheiden werden, darauf deuten auch viele weitere Ergebnisse der Studie hin. So dürfte sich die Zahl der nutzbaren Daten bis 2020 in etwa verzwanzigfachen. Gelingt es den Banken, mithilfe von „Big Data“ neue Ertragspotenziale zu erschließen, könnten sie von dieser Entwicklung entscheidend profitieren. Ein weiteres Thema, dass immer mehr Finanzmanager umtreibt, ist das Internet of Things (IoT). So geben 63 Prozent aller Versicherungs-CEOs an, dass das IoT für ihre Gesellschaft in den kommenden Jahren „strategische Bedeutung“ erlangen werde.

„Banken und Versicherer müssen in den kommenden Jahren ihr komplettes Geschäftsmodell digitalisieren. Dazu sollten sie sechs wesentliche Punkte berücksichtigen“, sagt Burghardt. „Der erste Schritt ist die Modernisierung der IT-Infrastruktur. Als zweites kommt es darauf an, durch die Adaption neuer Technologien wie der Cloud-Lösung die Kosten zu senken. Drittens müssen die Banken mithilfe von Big Data viel mehr über ihre Kunden lernen. Der vierte Punkt ist die Öffnung der eigenen IT-Architektur – und zwar hin zum Kunden genauso wie zu Fintechs und anderen Dienstleitern. Fünftens geht es um einen wirkungsvollen Schutz gegen Cyber-Angriffe. Und sechstens darum, den Fokus beim Recruiting wesentlich stärker auf die digitalen Fähigkeiten der zukünftigen Mitarbeiter zu legen.“

Weitere Ergebnisse der Studie im Überblick:

  • Die Cloud dürfte in wenigen Jahren die IT-Infrastruktur der meisten Finanzdienstleister dominieren. So gaben 52 Prozent aller Asset Manager an, dass Cloud Computing für ihr Unternehmen in Zukunft strategisch wichtig sein wird
  • Mit der zunehmenden Digitalisierung wächst die Sorge vor IT-Kriminalität. 69 Prozent aller Banken-CEOs sehen Cyber-Angriffe als eine mögliche Bedrohung für ihr Unternehmen an

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