Fehler im Finanzierungsmodell verursachen Millionenschäden

16 September, 2010

Finanzierungsmodelle sind eine wichtige Grundlage, um über die Kreditvergabe oder Investitionen zu entscheiden. Beispielsweise bei Projektfinanzierungen zeigen Cashflow-Modelle die wirtschaftliche Tragfähigkeit eines Projekts auf und helfen, das Risiko des Projekts abzuschätzen. Viele Unternehmen setzen Modelle ein, die auf Microsoft Excel basieren. Das Problem: Die Modelle sind häufig fehlerhaft. Ein Risiko, das zu erheblichen Belastungen führen kann. Finanzierungsexperten von PwC erläutern, wie ein verlässliches Planungsmodell aussehen kann.

Fehlerbehaftete Finanzierungsmodelle können verheerende Auswirkungen haben. Das zeigt der Fall WestLB: Die Bank hatte dem Unternehmen Boxclever, das aus der Fusion zweier britischer TV-Gerätehersteller hervorgegangen war, einen Kredit in Höhe von 1,35 Milliarden Euro gewährt. Bei den Modellrechnungen, auf denen die Kreditvergabe basierte, habe sich ein "mathematischer Fehler" eingeschlichen. Das sagte ein Mitarbeiter im späteren Untreue-Prozess gegen den WestLB-Chef aus. Es sei im Modell offenbar vergessen worden, berichtete das Handelsblatt, bei Anschlussverträgen im Verleihgeschäft die begrenzte Vertragslaufzeit zu berücksichtigen. Der Fehler in der Modellrechnung hat dazu geführt, dass ein um 360 Millionen britische Pfund überhöhter Kreditbetrag bewilligt wurde. Durch die Insolvenz von Boxclever ist der WestLB ein Schaden von etwa 450 Millionen Euro entstanden.

"Das ist sicher ein spektakuläres Beispiel, aber kein Einzelfall", sagt Heiko Lentge, Director bei PwC und Experte für Finanzierungsmodelle. "Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Fehlerquote bei Finanzierungsmodellen sehr hoch ist. Das kann immense Kosten verursachen und großen finanziellen Schaden anrichten."

Planungsmodelle bergen viele Fehlerquellen

Microsoft Excel hat sich in vielen Unternehmen als das Standardtool etabliert, das für Modellrechnungen eingesetzt wird. Denn die Software ist als Bestandteil des Microsoft Office Pakets weit verbreitet, in vielen Sprachen erhältlich und relativ einfach im Handling - bei gleichzeitig vielfältigen und flexiblen Einsatzmöglichkeiten.

Best-Practice-Regeln für Modellberechnungen:

  • Pro Projekt ein Modell anlegen, möglichst in einer Datei.
  • Keine Zirkelbezüge erstellen.
  • Das Modell genau beschreiben und die Struktur festlegen.
  • Standardgliederung einhalten.
  • Daten nur in definierten Bereichen eingeben.
  • Datenflussprinzip von links nach rechts beachten.
  • Zeitachsen konsistent halten.
  • Nur eine Formel pro Zeile eingeben.
  • Keine externen Links in das Modell integrieren.

Doch schon einfache Eingabe- und Formelfehler, die dem Anwender leicht unterlaufen können, führen zu falschen Ergebnissen. Zu diesen Fehlern kommt es in der Praxis, weil die Ersteller von Modellen oft nicht genügend Erfahrung mitbringen: Mitarbeitern, die in einem großen Projekt vielleicht zum ersten Mal beim Aufbau eines Finanzierungsmodells mitwirken, unterlaufen leicht Fehler. Denn ihnen fehlt die nötige Erfahrung, wie Sachverhalte zu modellieren sind, um alle wesentlichen Risikofaktoren des Projektes zu beachten oder Kennzahlen entsprechend der zugrunde liegenden Verträge zu berechnen. "Häufig ist die Umsetzung und Interpretation der zum Teil komplexen Projektverträge aber selbst für erfahrene Mitarbeiter schwierig", berichtet Heiko Lentge. Kritische Vertragsklauseln würden teilweise nicht sachgerecht modelliert.

Außerdem sind bei komplexen Projekten immer wieder Anpassungen in den Strukturen nötig. Häufig werden diese Änderungen im Planungsmodell nicht richtig abgebildet. Dazu kommt, dass oft mehrere Mitarbeiter die Modelle erstellen und bearbeiten. Die Folge: Es entstehen Modelle, die in ihrer Struktur unübersichtlich gestaltet sind, fehlerhafte Eingaben oder schlicht Formelfehler enthalten. Je komplexer die Modelle werden, desto schwieriger wird es, Fehler zu erkennen.

Best Practice: Wie sieht ein gutes Finanzierungsmodell aus?

Um ein Modell zuverlässig, fehlerfrei, flexibel und anwenderfreundlich zu gestalten, empfiehlt Heiko Lentge, fünf goldene Regeln zu beachten: "Für jedes Projekt sollte ein individuelles Modell aufgebaut werden. In definierten Inputblättern geben die Modellierer alle wichtigen Daten und Informationen ein. Dabei sollte zwischen zeitabhängigen und zeitunabhängigen Inputwerten unterschieden werden. Pro Zeile wird nur eine Formel verwendet. Die Zeitachse muss konsistent sein und Zirkelbezüge sollten die Modellierer grundsätzlich vermeiden."

Auch gute Modelle müssen regelmäßig überprüft werden

Auf Basis von Erfahrungen in der Unternehmensbewertung, Projektfinanzierung und der Entwicklung von Finanzierungsmodellen hat PwC einen Prüfungsprozess entwickelt, der Fehler in Excel-basierten Modellen aufdeckt. Die Prüfung sieht als ersten Schritt vor, den strukturellen Aufbau und die rechnerische Richtigkeit eines Modells zu durchleuchten. Dies ist die Voraussetzung, um im nächsten Schritt den Abgleich mit der Datenbasis durchführen zu können. Geprüft wird dann gegebenenfalls zusätzlich, ob die Bilanzierungsvorschriften und die steuerlichen Sachverhalte richtig abgebildet sind. Nach einer abschließenden Prüfung des korrigierten Modells wird die Richtigkeit des Planungsmodells bestätigt.

Ablauf eines Model Reviews

Ablauf eines Model Reviews. Quelle: PwC

Im Gespräch mit Heiko Lentge, Director und Experte für Finanzierungsmodelle bei PwC.

Wo kommen Finanzierungsmodelle zum Einsatz?

Heiko Lentge: Überall dort, wo es um hohe Summen geht: Bei Projektfinanzierungen, Transaktionen und Unternehmensbewertungen kommen Firmen ohne Planungsmodelle nicht aus. Die Modellrechnungen werden als Entscheidungsgrundlage eingesetzt: bei der Kapitalbeschaffung oder der Bewertung eines Zielunternehmens für eine Übernahme. Bei Projekten in dieser Größenordnung sollten Unternehmen ihre Modelle auf jeden Fall sorgfältig aufsetzen und überprüfen. Schließlich müssen sie nicht nur fehlerfrei rechnen, sondern auch vertragliche Regelungen, Bilanzierungsfolgen und steuerliche Auswirkungen zuverlässig abbilden.

Wieso kommt es bei Finanzierungsmodellen so häufig zu Fehlern?

Lentge: Oft fehlt den Mitarbeitern die nötige Erfahrung bei der Entwicklung komplexer Modelle. Fehleingaben und eine fehlerhafte Formelnutzung führen zu falschen Ergebnissen. Plausibilitätschecks werden vernachlässigt. Dadurch kommt es häufig zu Fehlern mit materieller Ergebnisauswirkung. In der Praxis beobachte ich häufig, dass unter hohem Zeitdruck komplexe Mechanismen, beispielsweise in Kreditverträgen, falsch modelliert werden.

Worauf sollten Unternehmen achten, wenn sie ein Finanzierungsmodell erstellen?

Lentge: Das KISS-Prinzip hat sich als Grundsatz bewährt. Die Abkürzung steht für "Keep it Smart and Simple". Das heißt: Übersichtliche Formeln verwenden, komplexe Berechnungen in mehreren Schritten lösen und die Formel-Logik in Form von Kommentaren dokumentieren. Aber auch das beste Modell kann Fehler enthalten. Deshalb rate ich Unternehmen, jedes Modell, das als Grundlage für eine Investitions- oder Finanzierungsentscheidung dient, regelmäßig durch Dritte überprüfen zu lassen.

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Heiko Lentge

Global Head ECA Advisory & Head of CoE Modelling Transactions

Tel.: +49 40 6378-1440

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