Trendwende eHealth: „Die Medizin auf Papier ist Geschichte“

09 März, 2020

Ein Interview mit Michael Burkhart und Sevilay Huesman-Koecke. Die Zahl der Deutschen, die ihr Gesundheitswesen zu den Top-Systemen der Welt zählen, sinkt kontinuierlich. Die Kritik betrifft zwar nicht die medizinische Versorgung, aber Organisation und Service rund um Gesundheit. Das ist Ergebnis des „Healthcare-Barometers 2020“, einer Bevölkerungsbefragung unter 1.000 Bürgern. 

Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC, und Sevilay Huesman-Koecke, International Director und Head of Business Development im Bereich Gesundheitswirtschaft bei PwC, erklären im Interview, wie sie die Studienergebnisse deuten.

Die Unzufriedenheit mit dem deutschen Gesundheitssystem wächst, wie Ihr „Healthcare-Barometer 2020“ belegt. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Michael Burkhart: Die Zahl derer, die das deutsche Gesundheitswesen zu den besten der Welt zählen, sinkt spürbar. Diesen Trend beobachten wir seit Jahren. Ich führe das aber nicht darauf zurück, dass die Versicherten die fachliche Kompetenz von Health Professionals anzweifeln oder die Qualität der Gesundheitsversorgung allgemein in Frage stellen. Vielmehr sind viele Bürger auf organisatorischer Ebene unzufrieden. So kritisieren 40 Prozent, dass der Arzt sich zu wenig Zeit für sie nimmt. Weitere 21 Prozent bemängeln die Öffnungszeiten der Praxen, und 19 Prozent fühlen sich von dem Arzt und seinen Mitarbeitern nicht ernst genommen. Besonders unter den Berufstätigen ist die Unzufriedenheit mit dem Service hoch – während unter den Berufstätigen nur 29 Prozent gar keine Kritik äußern, sind es unter den Nicht-Berufstätigen 44 Prozent. In diesem Punkt sehe ich großen Handlungsbedarf.

Wie können die Akteure des deutschen Gesundheitswesens gegensteuern?

Sevilay Huesman-Koecke: Wir brauchen dringend eine nachhaltige Digitalisierungsstrategie, die viele andere europäische Länder bereits seit langem konsequent umsetzen. Telemedizinische Lösungen, Gesundheits-Apps und Video-Sprechstunden könnten es gerade Berufstätigen ermöglichen, Behandlungen leichter in ihren Alltag zu integrieren. Mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) geht die Bundesregierung jetzt erste Schritte in die richtige Richtung. In einer konsequenten Digitalisierung unseres Gesundheitswesens liegt ein großes Einsparpotenzial – und das bei gleichzeitiger hoher Versorgungsqualität.

Wie schätzen Sie die Akzeptanz von digitalen Gesundheitshelfern in der Bevölkerung ein? Wie stehen die Bürger zum Digitale-Versorgung-Gesetz der Bundesregierung?

Burkhart: Grundsätzlich zeigen sich die meisten Bürger gegenüber neuen digitalen Technologien aufgeschlossen, wie unsere Studie zeigt – auch wenn nur einer Minderheit bekannt ist, was sich genau hinter dem Digitale-Versorgung-Gesetz und Begriffen wie dem Innovationsfonds verbirgt.

Alle digitalen Lösungen, die den Alltag des Patienten leichter machen, finden die Zustimmung der Bürger: etwa Gesundheitsapps, die vom Arzt verschrieben werden, das elektronische Rezept oder Video-Sprechstunden. Wir müssen allerdings auch die Bedenken der Versicherten ernst nehmen. Sie äußern deutlich, dass sie die Hoheit über ihre Daten behalten möchten, wie 93 Prozent bestätigen.

Immerhin die Hälfte sagt aber auch, dass sie sich zugunsten einer Alltagserleichterung weniger Gedanken um den Datenschutz macht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Übermittlung von Informationen auf Papier im Gesundheitswesen definitiv Geschichte sein muss.

Von der Kritik am Gesundheitssystem ausgenommen sind die Krankenkassen – mit deren Leistungen sind die meisten Versicherten zufrieden. Was machen die Krankenversicherungen richtig?

Huesman-Koecke: Wie mit den anderen klassischen Akteuren des Gesundheitswesens sind die Deutschen auch mit ihrer Krankenkasse ausgesprochen zufrieden – dieser Wert ist gegenüber der Vorjahresbefragung noch einmal leicht von 86 auf 88 Prozent gestiegen. Acht von zehn Befragten sind davon überzeugt, dass ihnen alle notwendigen Leistungen bewilligt werden. Obwohl der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen weitgehend einheitlich ist, gelingt es den Kassen offenbar, mit Zusatzleistungen zu überzeugen und offensiv nach außen zu kommunizieren, dass alle medizinisch notwendigen Leistungen übernommen werden. Allerdings zeigt unsere Studie auch, dass die Zufriedenheit mit den Leistungen der privaten Krankenversicherung etwas höher ist.

Viele Krankenhäuser in Deutschland stehen unter hohem wirtschaftlichem Druck, wie Ihre Benchmark-Studien belegen. Außerdem leiden sie unter dem Fachkräftemangel. Spüren die Patienten bereits die Auswirkungen?

Huesman-Koecke: Es stimmt, der wirtschaftliche Druck auf Krankenhäuser steigt, wie unsere jährliche Benchmark-Analyse belegt. Das gilt gerade für öffentliche und freigemeinnützige Häuser. Trotzdem hat sich die Bewertung der Deutschen im Vergleich zu den Vorjahren kaum verändert:

Jeder zweite Bürger ist mit der Krankenhauslandschaft zufrieden. Dabei sind Frauen etwas kritischer als Männer. Bei der Auswahl der Klinik wird deutlich, dass der Hausarzt der wichtigste Ansprechpartner ist. Viele Menschen hören auch auf die Empfehlung aus dem Freundes- und Bekanntenkreis – dieser Einfluss hat gegenüber dem Vorjahr allerdings etwas abgenommen.

Das Image der Pharmaindustrie wandelt sich allmählich. Worauf führen Sie das zurück?

Burkhart: Lange kämpften Pharmakonzerne mit dem Image, reine Gewinnmaximierer zu sein. Diese Bild bröckelt ganz allmählich, während der Anteil derer, die die Innovationsleistung der Branche anerkennen, langsam steigt. Diese Ergebnisse spiegeln die Erwartung, dass die Pharmaunternehmen neue, innovative Medikamente entwickeln, aber auch die Anerkennung, dass in den vergangenen Jahren Durchbrüche in der Forschung gelungen sind, etwa in der Krebsmedizin.

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