Hessen schätzen die Pharmaindustrie – und die ihren Standort

04 April, 2019

Die Pharmabranche in Hessen genießt einen guten Ruf: Die Bürger schätzen ihre Rolle als Arbeitgeber, als Innovations- und als Wirtschaftsmotor. Das ist ein Ergebnis einer PwC-Studie zum Pharmastandort Hessen.

So interpretiert Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC und Managing Partner Region Mitte, die Ergebnisse.

Deutschland gehört zu den führenden Standorten für die Pharmaforschung in Europa, in Hessen erwirtschaften die Unternehmen etwa ein Viertel des deutschen Umsatzes. Welche Standortbedingungen finden die Unternehmen dort vor?

Sehr gute, Hessen hat sich zu einem bedeutenden Pharmastandort etabliert – ein Grund, warum das Bundesland auch als „Apotheke Deutschlands“ bezeichnet wird. Die Unternehmen profitieren von der Nähe zu Universitäten, etwa Frankfurt, Gießen und Marburg, und anderen Forschungseinrichtungen wie Max-Planck-Instituten. Viele Pharmakonzerne, die weltweit exportieren, haben sich in Hessen angesiedelt. Inzwischen sind verschiedene Cluster-Netzwerke entstanden, die neue Technologien vorantreiben und einen Wissenstransfer ermöglichen. Die Unternehmen profitieren aber auch von der Region mit einer hohen Lebensqualität und einer guten Verkehrsinfrastruktur, die qualifizierte Fachkräfte anzieht.

Welche Bedeutung hat die Pharmaindustrie für Hessen?

Für unser Bundesland ist die Pharmaindustrie als Arbeitgeber ausgesprochen wichtig. Die Chemie- und Pharmaindustrie stellt allein in Hessen etwa 60.000 Arbeitsplätze. Die hessischen Bürger haben diese Bedeutung erkannt – sie zählen sie zu den drei Top-Arbeitgebern, nach der Finanz- und Versicherungswirtschaft und der Verkehrs- und Logistikbranche. Insgesamt sprechen 67 Prozent der Branche eine hohe wirtschaftliche Bedeutung für das Land zu. Zu ihren Stärken zählt die Innovationskraft: 34 Prozent halten die Pharmabranche für besonders innovativ. Damit landet sie auf dem zweiten Platz, gleich nach der Informationstechnik und Telekommunikation.

In anderen PwC-Studien, etwa dem Healthcare-Barometer 2019, fällt das Urteil der Bürger kritischer aus: Pharmakonzerne werden vor allem als Gewinnmaximierer wahrgenommen. Wie erklären Sie sich das positive Image in Hessen?

In der öffentlichen Debatte geht es häufig um die Kosten, die durch teure Medikamente auf unser Gesundheitssystem zukommen. Dabei wird oft vergessen, dass gerade die Pharmaindustrie Therapien entwickelt, die zur Bekämpfung von Krankheiten und zu medizinischem Fortschritt beitragen. Um solche Erfolge zu erzielen, müssen die Konzerne erhebliche Investitionen in Forschung und Entwicklung tätigen. In Hessen haben viele Bürger direkten Kontakt mit der Pharmaindustrie, entweder, weil sie selbst dort tätig sind, oder Menschen kennen, die dort arbeiten. Diese tiefe Kenntnis prägt ihr Bild – und trägt zu dem guten Image bei.

Ihre Studie belegt, dass die meisten Bürger Pharmaunternehmen zwar als Arbeitgeber schätzen, diese Botschaft aber noch nicht bei der Generation Z angekommen ist. Wie kann die Branche gegensteuern?

Die Branche sollte viel gezielter auf junge Menschen zugehen und sich als attraktiver Arbeitgeber positionieren muss. Die Pharmakonzerne brauchen die Generation Z, die ein hohes Maß an Digitalkompetenz und Innovationskraft mitbringt, dringend. Gerade forschende Pharmaunternehmen sind auf hoch qualifiziertes Personal angewiesen. Verpasst die Branche diese Chance, wird sich der Fachkräftemangel noch verschärfen. 

Hat es Sie überrascht, dass die junge Zielgruppe sich besonders stark für eine steuerliche Forschungsförderung einsetzt, wie die Bundesregierung sie plant?

Keineswegs. Die junge Generation ist mit den US-Tech-Giganten wie Google, Amazon oder Apple aufgewachsen, die große Summen in ihre Forschung und Entwicklung investieren. Dieser Zielgruppe ist klar, dass sich Spitzenergebnisse nur mit hohen Investitionen erzielen lassen. Aber die Zustimmung zu einer steuerlichen Forschungsförderung, die ein Gesetzesentwurf des Bundesfinanzministeriums vorsieht, ist insgesamt hoch: 61 Prozent der Bürger in Hessen setzen sich dafür ein.

Bürger in Hessen sprechen sich dafür aus, dass die Pharmaindustrie verstärkt in die Entwicklung neuer Medikamente investieren soll. Neue Therapieformen wie die personalisierte Medizin oder eine stärkere Technologisierung der Medizin spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle bei den Patienten. Wie erklären Sie sich das?

Die Entwicklung neuer Medikamente zur Bekämpfung von Krankheiten ist für die Bürger zentral – in diesen Bereich sollen die Pharmaunternehmen am stärksten investieren. Als einen besonders wichtigen Forschungsbereich sehen sie die Entwicklung neuer Krebsmedikamente. Da erscheint es zunächst ein Widerspruch zu sein, dass die Hessen auf eine personalisierte Medizin, wichtiger Teil einer modernen Krebstherapie, oder auf eine stärkere Technologisierung von Gesundheit kaum Wert zu legen scheinen. Nach meiner Einschätzung unterschätzen die Bürger die Möglichkeiten moderner Medizin. Der Pharmaindustrie muss es daher gelingen, über die Chancen neuer Therapieformen noch besser zu informieren. 

Die PwC-Experten zum Thema

Michal Burkhart

Michael Burkhart ist Managing Partner Region Mitte und Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung bei PwC. Seine Branchenexpertise umfasst das gesamte Gesundheitswesen – von Krankenhäusern über gesetzliche Krankenkassen, Pflegeheime, Diagnostikunternehmen, Medizinprodukte und Organisationen des öffentlichen Sektors.

Contact us

Michael Burkhart

Michael Burkhart

Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-1268

Follow us