Interview: Bürger sind bereit für die digitale Gesundheit – die Politik hinkt nach

25 Juni, 2019

Schnellere Termine beim Facharzt, mehr Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen, eine bessere gesundheitliche Versorgung – das versprechen die aktuellen Vorhaben der Bundesregierung im Gesundheitsbereich, etwa das Terminservice- und Versorgungsgesetz. Wie stehen die Bürger zu den aktuellen Reformprojekten der Politik? Welche Verbesserungen erwarten sie für sich selbst?

Wie gut sind sie über die Leistungen informiert? Antworten gibt eine PwC-Bevölkerungsbefragung zu den politischen Vorhaben im Gesundheitssystem unter 1.000 Bürgern. Wie er die Ergebnisse wertet, erklärt Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC, im Interview.

Über Michael Burkhart

Michael Burkhart ist Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland sowie Standortleiter Frankfurt. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung bei PwC. Seine Branchenexpertise umfasst das gesamte Gesundheitswesen – von Krankenhäusern über gesetzliche Krankenkassen, Pflegeheime, Diagnostikunternehmen, Medizinprodukte und Organisationen des öffentlichen Sektors.

Das Bundesgesundheitsministerium legt derzeit ein hohes Tempo bei der Reform des Gesundheitswesens vor. In den vergangenen Monaten wurden viele Gesetzesvorhaben angestoßen. Worauf führen Sie diesen starken Reformwillen zurück, Herr Burkhart?

Wir stellen in unseren Vergleichsstudien wie dem jährlichen Healthcare-Barometer fest, dass die Zufriedenheit der Deutschen mit ihrem Gesundheitssystem, etwa mit der ärztlichen und pflegerischen Leistung, allmählich sinkt, während die Ansprüche der Versicherten steigen. Gleichzeitig wird es angesichts steigender Kosten in der Medizin, des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels immer schwieriger, weiterhin eine bezahlbare und qualitativ hochwertige medizinische Versorgung in Deutschland zu gewährleisten. Daher muss der Gesetzgeber aktiv werden.

Im Mai 2019 ist das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) in Kraft getreten. Kern des Gesetzes ist der Ausbau der Terminservicestellen, die für schnellere Facharzttermine sorgen sollen. Wird sich die Situation für Patienten dadurch verbessern?

Wir haben in unserer Bevölkerungsbefragung festgestellt, dass die Bürger die Terminservicestellen, die bereits 2016 eingerichtet und bei den Kassenärztlichen Vereinigungen angesiedelt wurden, bislang kaum nutzen. Lediglich 13 Prozent haben schon einmal dort angerufen. Dass der Service wenig genutzt wird, liegt vermutlich aber an mangelnder Kenntnis: So weiß nur knapp die Hälfte der Bürger, dass die Stellen innerhalb von maximal vier Wochen einen Termin beim Facharzt vermitteln müssen, wenn der Patient einen Dringlichkeitsvermerk vom Hausarzt nachweisen kann. Ich bin davon überzeugt, dass die Terminservicestellen stärker genutzt werden, wenn der Service und die Erreichbarkeit – auch über Onlinemedien – weiter ausgebaut werden. Die langen Wartezeiten auf Facharzttermine, die gesetzlich versicherte Patienten kritisieren, lassen sich damit erheblich verkürzen.

Auch die elektronische Patientenakte ist Teil des Terminservice- und Versorgungsgesetzes. Bis spätestens 2021 müssen Krankenkassen sie ihren Versicherten anbieten. Welche Chancen und welche Hürden verbinden Sie mit ihr?

Die elektronische Patientenakte trägt dazu bei, medizinische Informationen leichter zugänglich zu machen. So können in der Akte wichtige Befunde, Medikationspläne, Informationen über chronische Erkrankungen und akute Behandlungen gespeichert werden. Mit der elektronischen Patientenakte ist der Informationsaustausch zwischen den einzelnen Sektoren unseres Gesundheitswesens besser gewährleistet, es können überflüssige Doppelbehandlungen und gefährliche Wechselwirkungen zwischen Medikamenten vermieden werden.

Entscheidend ist aber, dass es klare Regelungen für datenschutzrechtliche Maßnahmen gibt – die setzen auch die Bürger an die erste Stelle, wie unsere Studie zeigt: 44 Prozent sagen, dass Datenschutz und -sicherheit gewährleistet sein müssen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat die elektronische Patientenakte mal als „Berliner Flughafen des Gesundheitswesens“ bezeichnet. Warum fällt Deutschland die Digitalisierung des Gesundheitswesens im Vergleich zu anderen Ländern so schwer?

Bislang fehlt uns in Deutschland eine übergreifende Digitalisierungsstrategie, die von einer zentralen Stelle – beispielsweise der Bundesregierung – gesteuert wird. Derzeit obliegt die Digitalisierung den einzelnen Sektoren unseres Gesundheitswesens, den Krankenkassen, Ärzten und Krankenhäusern. Das hat zu zahlreichen Insellösungen geführt, sodass in der Praxis ein übergreifender elektronischer Austausch noch immer nicht möglich ist und viele medizinische Informationen weiterhin auf Papier weitergegeben werden. Im Vergleich zu anderen Ländern hinken wir in Deutschland in puncto Digitalisierung weit zurück: Im Digital-Health-Index der Bertelsmann-Stiftung landete Deutschland auf Platz 16 von 17 untersuchten Ländern, nur noch gefolgt von Polen. Dabei sind die Deutschen durchaus bereit für Digitalisierungsprojekte wie die elektronische Patientenakte – neun von zehn Bürgern können sich unter bestimmten Voraussetzungen vorstellen, ihre Daten preiszugeben.

Auch die Neuregelung der Organspende ist Teil der politischen Debatte. Welche Regelung ist aus Sicht der Bürger am sinnvollsten? Wie lassen sich mehr Menschen dazu bewegen, Organspender zu werden?

In diesem Punkt ist Deutschland tatsächlich gespalten. Die größte Gruppe mit 39 Prozent würde am liebsten bei der aktuellen Regelung bleiben, nach der die Bürger einer möglichen Organentnahme über einen Spenderausweis aktiv zustimmen müssen. Eine nahezu ebenso große Gruppe mit 35 Prozent würde aber auch der Widerspruchslösung zustimmen, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in die Debatte eingebracht hat. Nach ihr wird jeder Bürger zum potenziellen Organspender, der nicht zu Lebzeiten widersprochen hat. Wir brauchen dringend eine Neuregelung, denn in Deutschland gibt es zu wenig Organspender, müssen aber eine Lösung finden, die für viele Menschen zustimmungsfähig ist. Aus meiner Sicht kommt es auch darauf an, die Menschen noch stärker dazu anzuregen, sich mit dem wichtigen Thema auseinanderzusetzen.

Wir brauchen dringend eine Neuregelung, denn in Deutschland gibt es zu wenig Organspender, müssen aber eine Lösung finden, die für viele Menschen zustimmungsfähig ist. Aus meiner Sicht kommt es auch darauf an, die Menschen noch stärker dazu anzuregen, sich mit dem wichtigen Thema auseinanderzusetzen.

Denn unsere Studie belegt, dass viele Menschen keinen Organspendeausweis besitzen, weil sie sich einfach noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben oder unsicher sind.

Contact us

Michael Burkhart

Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-0

Sevilay Huesman-Koecke

Head of Business Development Gesundheitswirtschaft, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-3675

Follow us