„Mensch und Medizin gehören zusammen“

20 Juni, 2018

Im Interview mit Michael Burkhart, Partner und Leiter des Bereichs Gesundheitswesen & Pharma bei PwC

Welche Folgen hat die Digitalisierung des Gesundheitswesens? Wie stehen Patienten zu neuen Technologien und was versprechen sie sich davon? Welche Online-Angebote nutzen sie? Diesen Fragen geht die PwC-Studie „Future Health 2018“ nach, für die 1.000 Bürger in Deutschland befragt wurden. Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswesen & Pharma bei PwC Deutschland, erklärt im Interview, wie er die Studienergebnisse wertet und wie weit der digitale Wandel der Medizin in Deutschland bereits vorangeschritten ist.

Der Deutsche Ärztetag hat kürzlich beschlossen, das Fernbehandlungsverbot zu lockern. Seitdem sind in Einzelfällen auch Sprechstunden per Telefon oder Internet möglich, ohne dass Arzt und Patient einander persönlich kennen. Wie bewerten Sie diese Lockerung?

Ich begrüße es sehr, dass die Telemedizin endlich Einzug in den ärztlichen Alltag hält. Nach meiner Einschätzung kann sie die Versorgung sinnvoll ergänzen – vorausgesetzt, der Mediziner setzt sie verantwortungsvoll ein. Ich bin davon überzeugt, dass Videosprechstunden und Online-Chats sich auf Dauer zu einem festen Bestandsteil unseres Gesundheitswesens entwickeln werden. Für den Patienten ergeben sich dadurch viele Vorteile, er kann sich Wege sparen – gerade in ländlichen Regionen ein gewichtiges Argument – und hat keine Wartezeiten mehr. Das schätzen die Versicherten, wie unsere Studie zeigt: Knapp drei Viertel der Befragten wünschen sich einen Ausbau der Patientenberatung im Internet.

Ist mit der Liberalisierung der Telemedizin ein Meilenstein in puncto Digitalisierung unseres Gesundheitswesens für Sie erreicht?

 

Nein, keinesfalls. Wir schöpfen das Potenzial neuer Technologien bei weitem noch nicht aus – Online-Sprechstunden sind nur ein erster Schritt in Richtung Digitalisierung unseres Gesundheitssystems. Im Grunde holen wir gerade lediglich einen Teil des Vorsprungs auf, den andere europäische Länder bereits haben: In den skandinavischen Ländern, in der Schweiz oder in Großbritannien ist die Telemedizin seit langem fester Bestandteil der ärztlichen Versorgung. Wenn wir im Wettbewerb mit anderen Nationen bestehen möchten, müssen wir unsere digitalen Angebote weiter ausbauen. Ansonsten kann es uns passieren, dass wir Patienten ans Ausland verlieren – die Fernbehandlung macht dies leicht möglich. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist keine Frage nach dem ob, sondern nach dem wann.

Viele Menschen fürchten, dass durch die Technisierung unseres Gesundheitswesens der menschliche Faktor leiden wird. Teilen Sie diese Sorge?

 

Nein, die Beziehung zwischen Arzt und Patient wird immer wichtiger Teil der medizinischen Versorgung sein. Ich bin davon überzeugt, dass sie durch neue Technologien eher gestärkt wird: Ärzte werden so entlastet, dass sie sich mehr Zeit für das Gespräch nehmen können, und pflegen durch neue Kommunikationsmittel die Bindung zum Patienten. Wie unsere Studie zeigt, fordern Versicherte auch den persönlichen Kontakt mit dem Arzt: 94 Prozent glauben, dass er gerade bei schweren Erkrankungen unverzichtbar ist, und 86 Prozent halten es für sinnvoll, dass der Arzt sich ein persönliches Bild macht, statt sich nur auf Schilderungen zu verlassen. Mensch und Medizin gehören zusammen.

Welche Rolle spielen Online-Informationsangebote im Alltag der Patienten?

 

Inzwischen eine große – Patienten informieren sich vor allem über Gesundheitsportale und die Internetseiten von Gesundheitsmagazinen. Aber auch der Austausch von Patient zu Patient scheint den Studienteilnehmern wichtig zu sein: Foren landen immerhin auf dem dritten Platz. Weniger genutzt werden die Internetseiten von Krankenkassen oder von Behörden und Organisationen, wie beispielsweise der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die eine Website oder App scheint es aber nicht zu geben – das Gesundheitswissen der Bürger speist sich aus mehreren Informationsquellen.

Ihre Studie hat gezeigt, dass Patienten heute neuen Technologien offen gegenüberstehen. Was versprechen sie sich davon?

 

Sie erhoffen sich durch mehr neue Technologien insbesondere bessere Ergebnisse bei der Diagnose von Krankheiten, wie jeder Zweite bestätigt. Ähnlich wichtig - mit 48 Prozent Zustimmung - ist den Befragten eine bessere Kommunikation zwischen Ärzten, Apotheken, Krankenhäusern und Krankenkassen – für mich ein klarer Beleg dafür, dass der Service in unserem medizinischen System weiter verbessert werden muss. Die Patienten spüren deutlich, dass die Vernetzung zwischen den einzelnen Sektoren noch nicht optimal ist.

Contact us

Michael Burkhart

Standortleiter Frankfurt, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-1268

Sevilay Huesman-Koecke

Head of Business Development, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-3675

Follow us