„Auch die Bauwirtschaft kann sich der Digitalisierung nicht entziehen“

16 März, 2018

Im Interview mit Ralph Niederdrenk, Leiter der Deals Strategy Group bei PwC in Deutschland

Laut einer aktuellen PwC-Analyse setzt bislang noch nicht einmal jedes zehnte deutsche Bauunternehmen auf Building Information Modeling. Warum die Branche sich nur langsam digitalisiert und warum diese Zurückhaltung brandgefährlich ist, erklärt Ralph Niederdrenk, Leiter der Deals Strategy Group bei PwC in Deutschland.

Die jüngste PwC-Studie zur Lage der deutschen Bauwirtschaft zeigt, dass der Boom in der Branche ungebrochen anhält und das Wachstum in den nächsten Jahren sogar noch einmal leicht zulegen dürfte. Besser könnten die Aussichten kaum sein, oder?

Auf den ersten Blick stimmt das. Die 100 Führungskräfte, die wir für unsere Untersuchung befragt haben, gehen bis 2020 von einem Plus von 2,9 Prozent jährlich aus – nachdem die Branche zuletzt mit rund zweieinhalb Prozent gewachsen ist. Zugleich sehe ich allerdings die Gefahr, dass die guten wirtschaftlichen Aussichten den Blick auf ein tieferliegendes Problem der Branche versperren. Denn: Beim Zukunftsthema Digitalisierung hängt die Bauwirtschaft immer deutlicher hinter anderen Industrien hinterher.

Woran machen Sie das fest?

Wir haben uns in der Befragung explizit nach dem Stand der Digitalisierung in der deutschen Bauwirtschaft erkundigt. Dabei kam heraus, dass nur knapp jedes zehnte deutsche Bauunternehmen bereits das sogenannte Building Information Modeling (BIM) nutzt – also die vollintegrierte digitale Planung, Visualisierung und Steuerung von Bauprojekten. Was daran besonders bemerkenswert ist: Die befragten Entscheidungsträger sind sich der Vorteile von BIM vollauf bewusst. So lassen sich etwa Zeit und Kosten sparen, während die Flexibilität im Projekt steigt. Zudem ermöglicht BIM eine ungleich effizientere Abstimmung unter den einzelnen Gewerken. Trotzdem schrecken die meisten deutschen Bauunternehmen bislang vor nennenswerten Investitionen in ihre digitalen Fähigkeiten zurück.

„Momentan versuchen die meisten Baufirmen schlicht, ihre Auftragsbücher abzuarbeiten. Da bleibt natürlich wenig Zeit, strategisch in die Zukunft zu schauen.“

Ralph Niederdrenk, Leiter der Deals Strategy Group bei PwC in Deutschland

Warum ist die deutsche Baubranche bei der Digitalisierung so zurückhaltend?

So paradox es klingt: Ein zentraler Faktor ist die exzellente wirtschaftliche Lage. Momentan versuchen die meisten Baufirmen schlicht, ihre Auftragsbücher abzuarbeiten. Da bleibt natürlich wenig Zeit, strategisch in die Zukunft zu schauen. Viele Unternehmen wissen aber auch einfach nicht, wo sie konkret anfangen sollen. Das spiegelt sich auch in unserer Befragung wider: Mangelndes digitales Know-how ist für die befragten Entscheider die größte Hürde bei der Einführung digitaler Prozesse.

Lässt sich quantifizieren, welche Potenziale den Unternehmen durch die abwartende Haltung entgehen?

Zumindest grob. Würde BIM heute bereits auf breiter Flur eingesetzt, dann könnte die deutsche Baubranche laut Einschätzung der Befragten mit einem zusätzlichen Wachstum von knapp drei Prozentpunkten pro Jahr rechnen, insgesamt also mit einem etwa doppelt so hohen Wachstum. Hier wird deutlich, wie gefährlich die Strategie des Abwartens ist: Denn spätestens wenn die Baukonjunktur abflaut, werden diese Umsatzeffekte schmerzlich fehlen.

Was raten Sie Bauunternehmen, die sich bislang noch wenig mit dem Thema Building Information Modeling befasst haben?

Mit der Initiative „planen-bauen-4.0“ treibt die Bundesregierung die Digitalisierung der Baubranche und den Einsatz von BIM konsequent voran. Es ist deshalb nur eine Frage der Zeit bis Unternehmen, die ihre digitalen Fähigkeiten vernachlässigen, nicht mehr in gleicher Weise wettbewerbsfähig sein werden. Auch wenn davon nicht alle Gewerke in gleichem Maße betroffen sein werden, kann sich am Ende kein Unternehmen der Digitalisierung entziehen. Deshalb lautet mein Rat: Setzen Sie sich frühzeitig mit den eigenen digitalen Fähigkeiten auseinander, denn nur so lassen sich Defizite erkennen und beheben bevor sie gefährlich werden.

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Dr. Ralph Niederdrenk

Partner, Deal Strategy Leader, PwC Germany

Tel.: +49 89 5790-5320

Dr. Martin Nicklis

PwC Experte Bau und Großanlagenbau, PwC Germany

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