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Interview: „Wir erwarten noch in diesem Jahr eine Rückkehr zum Wachstum“

05 Juli, 2021

Ein Interview mit Dr. Ralph Niederdrenk und Isabella Calderon Hoyos. Die Zeitarbeitsbranche verzeichnet den stärksten Einbruch seit Jahren, rechnet aber noch in diesem Jahr wieder mit Wachstum. Das hat die Kurzstudie „Zeitarbeitsbranche aktuell 2021“ der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland ergeben. Dr. Ralph Niederdrenk, Partner in der PwC Deals Strategy Group, und Isabella Calderon Hoyos, Senior Managerin bei PwC Deutschland, erklären die Hintergründe.

Herr Dr. Niederdrenk, wie stark hat die Coronavirus-Pandemie die Zeitarbeitsbranche getroffen?

Ralph Niederdrenk: Ganz massiv. 2020 wurden 15,5 Prozent weniger Arbeitskräfte vermittelt, insgesamt etwa 750.000. Das ist rund eine Viertelmillion weniger als noch im Jahr 2018. Damit befinden wir uns derzeit ungefähr wieder auf dem Niveau von 2007. Und fast alle der von uns Befragten nennen, kaum überraschend, als Hauptgrund für diesen Einbruch die Coronavirus-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen.

Welche Branchen hat es besonders stark erwischt?

Niederdrenk: Die Gastronomie, das haben etwa 70 Prozent der Befragten bestätigt. Auch Hotellerie und Tourismus haben deutlich weniger Zeitarbeitskräfte nachgefragt. In der Luftfahrt geben etwa 40 Prozent massive Einbrüche an, das ist etwa so viel wie im Einzelhandel oder im Anlagen- und Maschinenbau. 

Tatsächlich zeigen unsere Ergebnisse, dass die Pandemie sich auf beinahe alle Branchen sehr negativ ausgewirkt hat, auch auf das Versicherungswesen oder Bankdienstleistungen.

Gab es auch Ausnahmen? 

Niederdrenk: Die gab es, aber nur vereinzelt. Nur die Baubranche und medizinische Sektoren zum Beispiel die Pflege, haben mehr Zeitarbeiter:innen benötigt. 

Die Automobilindustrie, eine der traditionell nachfragestärksten Branchen für Zeitarbeit, haben Sie jetzt noch nicht genannt … 

Isabella Calderon Hoyos: Der Automobilsektor war auch stark betroffen, das hat etwas mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen bestätigt. Allerdings lag das nicht nur an COVID-19, sondern am Transformationsprozess der Branche. Und der hat schon früher eingesetzt. 

Sie meinen die Umstellung auf alternative Antriebe wie Hybrid- und Elektromotoren. 

Calderon Hoyos: Genau, und dieser Prozess wird sich sicher in den nächsten fünf bis zehn Jahre fortsetzen. Und zwar in der gesamten automobilen Wertschöpfungskette, also auch in der Chemieindustrie, bei den Komponentenherstellern, den Autohändlern und bei den Werkstätten.

Wie gehen die Zeitarbeitsunternehmen damit um – und was würden Sie ihnen raten?

Niederdrenk: Sie versuchen, sich mehr und mehr von der Automobilindustrie zu lösen. Das ist sicher sinnvoll, genau wie mehr Investitionen in effizientere digitalisierte und automatisierte Prozesse. Und mehr als zwei Drittel der von uns Befragten nennen genau dies als wirksamen Schutz gegen wirtschaftliche Schwächephasen. Aus meiner Sicht der richtige Weg, den die Branche engagiert weiter beschreiten sollte. 

Calderon Hoyos: Sinnvoll ist ebenfalls eine stärkere Spezialisierung auf nachfragestarke Nischen. Das nennen ebenfalls gut zwei Drittel der Zeitarbeitsunternehmen.

Mehr Effizienz bringen auch flexiblere Kostenstrukturen – und die werden künftig noch wichtiger. Denn mit Zeitarbeitskräften können nachfragende Unternehmen zusätzliche Aufträge annehmen und saisonale oder zeitweilige Nachfrageverschiebungen besser steuern.

Die Zeitarbeit erhöht also ihre Flexibilität.

Calderon Hoyos: So ist es, und das Bedürfnis von Unternehmen unterschiedlichster Branchen nach flexiblen Personalkostenstrukturen treibt auch die Veränderung der Zeitarbeitsunternehmen selbst weiter voran. Etwa 60 Prozent von ihnen planen, spätestens ab 2022 ihre Kostenstrukturen noch flexibler zu gestalten.

Der Fachkräftemangel ist ja für viele Branchen ein Problem. Auch für die Zeitarbeitsbranche?

Niederdrenk: Ja. Auch hier gilt es, qualifizierte Mitarbeiter:innen zu finden und zu halten. Etwas mehr als jedes zweite Zeitarbeitsunternehmen will deshalb die Arbeitskräfte besser bezahlen oder mit einem besseren Serviceangebot überzeugen. Geringfügig mehr wollen einfach auch am Markt präsenter sein.

Wie ist denn die Stimmung der Zeitarbeitsunternehmen derzeit?

Niederdrenk: Grundsätzlich herrscht nach dem Corona-Einbruch wieder mehr Zuversicht. Mehr als zwei Drittel glauben, dass sich die Branche spätestens 2022 erholt haben wird. Und wahrscheinlich kehrt sich der Trend noch im laufenden Jahr um, sodass wir für 2021 mit einem durchschnittlichen Wachstum von etwa 11 Prozent rechnen können, im Einzelfall sogar mit fast doppelt so viel.

Das Niveau der sehr starken Jahre 2017 oder 2018 wird allerdings künftig aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr erreicht.

Die Zeitarbeit gilt stets als frühzyklischer Indikator für die konjunkturelle Entwicklung. Ist das aktuell auch so?

Niederdrenk: Ja, das war zur Zeit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise im zweiten Halbjahr 2008 so und gilt auch im Corona-Jahr 2020. Insofern ist es ein gutes Zeichen für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung, dass die Zeitarbeit optimistisch in die Zukunft blickt.

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Dr. Ralph Niederdrenk

Dr. Ralph Niederdrenk

Partner, Deals Strategy Leader, PwC Germany

Tel.: +49 89 5790-5320

Isabella Calderon Hoyos

Isabella Calderon Hoyos

Senior Manager, PwC Germany

Tel.: +49 89 5790-6514

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