Working Capital Management im Maschinenbau: Unternehmen lassen viel Geld liegen

07 Juni, 2018

Weltweit sind fast 180 Milliarden Euro im Umlaufvermögen und in der Vorratshaltung von Maschinenbauunternehmen gebunden. Allein in der EU beläuft sich die Summe auf 26,5 Milliarden Euro. Zu diesem Ergebnis kommt die PwC-Studie „Produktion unter Druck: Working Capital Management im Maschinen- und Anlagenbau“. Die deutschen Maschinenbauer schneiden beim Management ihres Umlaufvermögens besonders schlecht ab und verlieren dadurch wichtige Mittel für Investitionen – allen voran in Technologie und Digitalisierung. Wie groß das Problem für die Branche ist und welche Auswege sich für den Maschinenbau anbieten, beleuchten unsere Experten Dr. Frank Schmidt, Leiter des Bereichs Industrielle Produktion bei PwC in Deutschland, und Simon Böhme, PwC-Experte für Working Capital Management.

 

Beim Management seines Umlaufvermögens schneidet der deutsche Maschinenbau schlecht ab. Wie können die Unternehmen sich das leisten?

Simon Böhme: Ausschlaggebend dafür ist die günstige Lage auf den Kapitalmärkten, insbesondere das niedrige Zinsniveau. Viele Unternehmen profitieren von billigen Krediten, wodurch das Problem momentan schlicht weniger sichtbar ist. Unsere Analyse zeigt allerdings, dass deutsche Maschinenbauer im internationalen Vergleich deutlich mehr Geld liegen lassen als die ausländische Konkurrenz. So weisen sie zum Beispiel deutlich höhere Durchlaufzeiten im Bestandsvermögen auf: In deutschen Unternehmen beläuft sich die so genannte Bestandsreichweite in Tagen (DIO) auf rund 89. Weltweit liegt der Schnitt bei knapp 65, in der EU bei knapp 63 Tagen. Dies verdeutlicht, welche Mittel die Unternehmen durch ein intelligentes und nachhaltiges Working Capital Management heben können. Und das lohnt sich, spätestens wenn die Zinsen wieder steigen.

Warum ist diese Situation gerade für Maschinenbauer gefährlich?

Frank Schmidt: Maschinenbauer stehen klassisch unter einem sehr hohen Innovationsdruck. Wenn sie ihr Produktportfolio nicht kontinuierlich weiterentwickeln, werden sie vom Wettbewerb verdrängt. Durch frei werdende Mittel können sie notwendige Investitionen in Forschung und Entwicklung, Nachhaltigkeit oder Zukunftstechnologien vornehmen. Um weltweit konkurrenzfähig zu bleiben und gleichzeitig ihre hohen Qualitätsstandards zu halten, müssen die deutschen Maschinenbauer derzeit massiv in die digitale Transformation investieren. Dies betrifft nicht nur technische, sondern auch unternehmerische und kulturelle Aspekte. Industrie 4.0 meint ja nicht nur die Einführung smarter Fabriken und vernetzter Maschinen. Vielmehr geht es um die Überprüfung der Geschäftsmodelle und die Weiterbildung von Mitarbeitern in Richtung Programmierung und Umgang mit Robotern, Künstlicher Intelligenz und Virtual Reality. Das alles kostet Geld.

Wie können die Unternehmen vorhandene Potenziale konkret heben?

Simon Böhme: Die Innenfinanzierung ist die günstigste Form der Finanzierung. Daher ist das Management des Umlaufvermögens ein ganz elementarer Hebel im Wertschöpfungsprozess. Ein wichtiger Ansatzpunkt für Unternehmen ist etwa die Minimierung der Zeitspanne zwischen Wareneingang und Entnahme und damit die Reduktion unnötiger Vorräte. Das gelingt, indem sie ihre Lagerbestände produktspezifischer gestalten und die Koordination zwischen Einkauf, Planung, Produktion und Auslieferung verbessern. Weitere Potenziale liegen in Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten oder einem optimierten Forderungsmanagement, sei es durch veränderte Zahlungsmodi, die Einführung eines Zentraleinkaufs oder durch regelmäßig überprüfte und angepasste Rahmenverträge.

Welche Rolle spielt das Umlaufvermögen für die digitale Transformation?

Frank Schmidt: Working Capital Management ist der Schlüssel zu mehr Liquidität. Unternehmen sollten seine Bedeutung für die Absicherung notwendiger Investitionen noch stärker berücksichtigen. Zugespitzt formuliert: Die Mittel für die digitale Transformation sind längst vorhanden, sie müssen lediglich freigesetzt werden. Und dabei ist jeder Mitarbeiter vom Einkauf bis hin zu den Operations gefordert, nicht nur die Finanzfunktion. Digitale Technologien, zum Beispiel Tracking oder Datenanalyse in Echtzeit, können ebenfalls einen wertvollen Beitrag leisten. Es klingt paradox, aber der Maschinenbau in Deutschland kann derzeit Mittel für die Digitalisierung mittels Digitalisierung freisetzen.

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Dr. Frank Schmidt

Leiter Tax & Legal Frankfurt, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-6711

Simon Boehme

Director, PwC Germany

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