Agrarwirtschaft in Sub-Sahara Afrika – Chancenmarkt für den deutschen Mittelstand?

22 Juni, 2016

Gesättigte Märkte in Europa und den USA, ein Abflachen des Wachstums in Asien und Schwierigkeiten in einigen Staaten Südamerikas lenken den Blickwinkel der Industrie in neue Richtungen. Das Interesse der deutschen Wirtschaft an unserem Nachbarkontinent Afrika hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Insbesondere Sub-Sahara Afrika wird seit Anfang dieses Jahrzehnts als Chancenregion wahrgenommen, als Region der Zukunft und der großen Potentiale. Der Agrarsektor tritt in diesen Zeiten des politischen und wirtschaftlichen Umbruchs als der Chancenmarkt schlechthin hervor. Die jahrelange Betrachtung Sub-Sahara Afrikas als Region der Krankheiten, Bürgerkriege und korrupter Regierungen hat sich relativiert. Die Region zieht Kapital und Produkte an und verlangt nach Innovation, Technologie sowie Branchen Know-how. Hierbei sind allerdings die Risiken nach wie vor nicht zu unterschätzen.

Hohe BIP Wachstumsraten von durchschnittlich rund fünf Prozent im Jahr in der vergangenen Dekade trieben die Entwicklung der meisten Länder Sub-Sahara Afrikas voran. Dabei geben die Länder dieser Region doch ein heterogenes Bild. Auszunehmen von dieser Entwicklung sind beispielsweise bisher noch Länder wie Süd Sudan oder Eritrea – Länder, die noch überwiegend an der Etablierung einer staatlichen Souveränität arbeiten und sich in einem früheren Entwicklungsstadium befinden. Südafrika stellt eine weitere Ausnahme vom positiven Trend der letzten Jahre dar, da es in seiner Entwicklung bereits wesentlich fortgeschrittener und durch diversifizierte Wirtschaftsstrukturen gekennzeichnet ist.

Urbanisierung und eine wachsende Mittelschlicht sind die Folge des wirtschaftlichen Wachstums in Sub-Sahara Afrika. Immer mehr junge Menschen wagen den Schritt heraus aus der heimischen, ländlichen Umgebung und suchen ihr Glück in den so genannten Mega-Cities. Dieser jungen und ambitionierten Generation wird Tatendrang, Technologie-Affinität und Innovativität nachgesagt. Zudem wird durch das Internet, Mobile Web, Mobile Banking und digitale Marktplätze mehr Transparenz bei Preisen und Produkten auf den Märkten der florierenden Länder Sub-Sahara Afrikas – insbesondere im Schwerpunktsektor Landwirtschaft – geschaffen. Diese Transparenz eröffnet bisher unbekannte Möglichkeiten insbesondere für Kleinstunternehmen und bildet die Grundlage für weiteres Wachstum durch u. a. eine merklich steigende Kaufkraft. Hierbei sind insbesondere Länder wie Kenia und Tansania aber auch nahezu alle westafrikanischen Länder hervorzuheben.

Ein zu beobachtender Effekt dieser wirtschaftlichen Entwicklung ist die Transformation weg von der Agrarwirtschaft als reine Subsistenzwirtschaft hin zur Massenproduktion, zum Handwerk und zur Dienstleistung. Dies bedeutet im Umkehrschluss allerdings nicht das Aus für die Agrarwirtschaft in Sub-Sahara Afrika. Vielmehr befindet sie sich in vielen Ländern der Region, wie zum Beispiel in Kenia, Tansania, Ruanda oder auch Togo und Ghana, vor einem entscheidenden Entwicklungsschritt: Landwirtschaft wird zu einem Wirtschaftsfaktor mit volkswirtschaftlicher Bedeutung. In Südafrika war dieser Wandel bereits zu beobachten.

Das Potential Sub-Sahara Afrikas für kommerzielle Agrarwirtschaft ist groß: Mit 200 Millionen Hektar befindet sich dort fast die Hälfte des unbeackerten Landes der Welt. Zudem werden bisher lediglich zwei Prozent der erneuerbaren Wasserressourcen genutzt. International wird ein Schnitt von fünf Prozent erreicht. Bereits heute ist Landwirtschaft die größte Quelle für Nahrung und Einkommen in Sub-Sahara Afrika. Sie bietet Arbeit für rund 60 Prozent der Bevölkerung – ausgenommen hiervon sind einige Ölstaaten, die Elfenbeinküste und Kamerun. Allein um dem immensen Bevölkerungswachstum der Region, was im vergangenen Jahr einen Anstieg der Einwohner Afrikas um rund 30 Millionen bewirkte, Rechnung tragen zu können, muss die Nahrungsmittelproduktion in Sub-Sahara Afrika in den nächsten 15 Jahren um 60 Prozent ansteigen. Geht man von einer zusätzlichen Diversifizierung der Wirtschaft aus und nimmt eine Kommerzialisierung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen an, so wird sich dieser Anstieg noch vervielfachen.

Diese demografischen Bedingungen in Kombination mit einer Vielzahl an natürlichen Ressourcen und der eingangs genannten ambitionierten jungen Generation können einen immensen wirtschaftlichen Sprung für die Region bedeuten. So kann die Region auch aus einer globalen Perspektive eine Chance auf konstante Nahrungsmittel- und Süßwasserversorgung bieten – auch vor dem Hintergrund einer steigenden Weltbevölkerung und Verknappung der Ressourcen in anderen Teilen der Welt. Allerdings ist Voraussetzung hierfür, dass das entsprechende Know-how und die entsprechende Technologie von außen zur Verfügung gestellt werden. Insbesondere Industrieländer wie Deutschland, die in der kommerziellen Agrarwirtschaft äußerst erfahren und technologisch mit führend sind, spielen hierbei eine entscheidende Rolle und können maßgeblich profitieren.

Was der Sektor konkret benötigt, um seine Ressourcen freizusetzen und zu nutzen, sind neue Technologien, wie zum Beispiel effiziente Bewässerungssysteme und Maschinen zum effektiveren Bestellen der Felder, Produkte zur Optimierung der Ernten, verlässliche Anbindung an das Stromnetz, effizientere Bewässerungssysteme und bessere Infrastruktur, die eine leichtere Anbindung zu regionalen Märkten ermöglicht. Ein großer Schritt in diese Richtung wurde bereits gemacht. Auf der UN-Klimakonferenz Ende des Jahres 2015 veröffentlichte die Weltbank ihren Plan, den afrikanischen Kontinent mit einem Kredit in Höhe von 16 Milliarden US-Dollar bei der Umsetzung der Ziele zum Klimaschutz und der Weiterentwicklung der Landwirtschaft zu unterstützen. Diese Mittel werden dem Kontinent dabei helfen, seine Ressourcen effizient und lukrativ nutzen zu können. Die African Union hat bereits 2014 mit der Malabo Declaration, einer Erklärung des Staatenverbundes zur Unterstützung des landwirtschaftlichen Wachstums und des Wandels für eine gleiche Verteilung des Wohlstands und verbesserte Lebensbedingungen in Afrika, zur landwirtschaftlichen Transformation aufgerufen, sodass auch politisch mit Unterstützung gerechnet werden kann.

Für den deutschen Mittelstand bedeutet dies, dass sich ein Markt mit immensen Potentialen entwickelt, der nicht nur rein wirtschaftliche Bedeutung hat, sondern auch politisch breite Anerkennung und Förderung findet. Es gilt nun, diesen für sich zu nutzen und sich durch Handel auf Augenhöhe von der bisherigen chinesischen Konkurrenz abzusetzen. Dies bedeutet, bei entsprechenden Exporten und Investitionen die Einbindung der lokalen Bevölkerung sicher zu stellen und lokale Arbeitskräfte durch zum Beispiel gezielte Trainings auch nachhaltig zu schulen und zu beschäftigen.

Nicht zu unterschätzen sind hierbei jedoch die sozialen und ökologischen Folgen, die eine Kommerzialisierung der Agrarwirtschaft mit sich bringt. Welches Ausmaß diese Konsequenzen annehmen werden und welche Risiken hiermit verknüpft sind, ist noch umstritten.

Dabei ist der Kontinent weiterhin nicht frei von wirtschaftlichen Problemen. Fallende Rohstoffpreise und die ausbleibende Nachfrage nach Rohstoffen aus China schwächen die treibenden Kräfte der Sub-Sahara Region. Ölnationen wie Nigeria, Mosambik und Angola haben mit steigender Verschuldung zu kämpfen und suchen händeringend nach einem Ausweg aus dem Ressourcenfluch. Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass insbesondere für diese Länder der Weg zur Diversifizierung über die Agrarwirtschaft von elementarer Bedeutung sein kann. Altbekannte Risiken wie Korruption und ethnische Konflikte sind nach wie vor präsent.

Vor diesem Hintergrund ist das Instrument, Investitiongarntien des Bundes, zur Förderung von Auslandsaktivitäten von besonderer Bedeutung. Die deutsche Bundesregierung bietet mithilfe dieses Sicherungsinstrumente die Möglichkeit, politische Risiken abzusichern, die von den Unternehmen nur bedingt beeinflusst werden können. Voraussetzung für die Nutzung der Investitionsgarantien ist grundsätzlich ein bilateraler Investitionsförderungs- und -schutzvertrag zwischen Deutschland und dem entsprechenden ausländischen Partnerland, der bis dato mit fast allen afrikanischen Ländern besteht.


Im Gespräch mit Bernd Papenstein, Partner bei PwC und Experte für Wirtschaftsförderung.

Welche Chancen sehen Sie für deutsche Unternehmen in der Partizipation am wirtschaftlichen Wandel in Sub-Sahara Afrika?

Bernd Papenstein: Die Wirtschaft vieler Länder Sub-Sahara Afrikas befindet sich an einem entscheidenden Entwicklungsschritt, der ihre zukünftige Performance stark beeinflussen wird. Die Agrarwirtschaft bietet hierbei einen soliden Ausgangspunkt in eine diversifizierte Ökonomie, die elementar für die Entwicklung der Region sein wird. Unternehmen, die sich rechtzeitig an dieser Entwicklung beteiligen und ihr Know-how zur Verfügung stellen, werden nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft von der Wirtschaftskraft Sub-Sahara Afrikas profitieren.

Bereits vor etwa zehn Jahren konnte Deutschland verfolgen, wie China den Boom in Afrika für sich nutzte und sich als Haupthandelspartner etablierte. Mit der Malabo Declaration nimmt Afrika nun den nächsten Schritt in Angriff und zählt auf die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft und auf die Erfahrungen der Industrieländer. Der Hype um die kostengünstige chinesische Unterstützung ist in Afrika abgeebbt, da Qualität und der sinnvolle Einsatz lokaler Arbeitskräfte darunter leiden. Der Kontinent verlangt nicht mehr nur nach materieller Unterstützung, sondern auch nach nachhaltiger Entwicklung und wirtschaftlicher Unabhängigkeit, was durch den Import chinesischer Güter nicht ausreichend gewährleistet werden kann. Jetzt ist der Zeitpunkt für die deutsche Industrie gekommen, sich an der Entwicklung Afrikas zu beteiligen und durch Handel auf Augenhöhe und Qualität zu überzeugen. Der Agrar-Sektor bietet ein breites Portfolio an Investitionsbedarf: Von elektrischer Versorgung und Infrastruktur, über Produkte zur Optimierung der Ernten, bis hin zu landwirtschaftlichen Maschinen wird alles benötigt. Für deutsche Unternehmen bedeutet dies ein diverses Feld an Handelsmöglichkeiten.

Welche Besonderheiten sind Ihrer Meinung nach bei Agrarwirtschaft in Sub-Sahara Afrika zu beachten?

Papenstein: In der Gesamtschau gilt beim Handel mit und bei Investitionen in den Agrarsektor Sub-Sahara Afrikas die gleiche Vorsicht walten zu lassen wie bei allen anderen Transaktionen mit unserem Nachbarkontinent. Sub-Sahara Afrika ist nach wie vor eine risikobehaftete Region, die insbesondere auch politische Risiken in sich birgt. Da der Agrarsektor meist in staatlicher Hand liegt, sollte demnach eine besonders sorgsame Risikoanalyse erfolgen.

Eine Besonderheit, die der Agrarsektor mit sich bringt, ist die Problematik des immer prominenter werdenden Land Grabbings – oder zu Deutsch des Landraubs. Bei Investitionen in die Landwirtschaft in Sub-Sahara Afrika ist daher unbedingt eine sensible Umwelt- und Sozialanalyse durchzuführen. Darüber hinaus sollte ebenfalls berücksichtigt werden, dass Eigentumsrechte in Sub-Sahara Afrika fragil sind. So kann zum Beispiel bei einem Regierungswechsel Land übereignet werden, was sowohl Investitionsverträge als auch langfristige Exportfinanzierungen untergraben kann. Bei Vertragsabschlüssen wird daher zu sorgsamer Prüfung der Pacht- und/oder Kaufverträge geraten. Staatliche Garantien können hier für zusätzliche Sicherheit sorgen und optimal in die Finanzierung eingebunden werden.

Wird diesen Herausforderungen in ausreichendem Maße Beachtung beigemessen, so stellt der Agrarsektor in Sub-Sahara Afrika einen Potentialmarkt dar, der Kapital und Produkte anzieht und nach Entwicklung verlangt.

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Bernd Papenstein

Bernd Papenstein

Partner, Deals: Leader Öffentlicher Sektor, PwC Germany

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