Argentinien und Brasilien – die zwei größten Volkswirtschaften Südamerikas im Vergleich

15 März, 2017

Welche Chancen und Herausforderungen bietet die wirtschaftliche sowie politische Entwicklung in Südamerika? Welche Rahmenbedingungen sind aktuell für Investitionen und Exporte ausschlaggebend? Trotz vorherrschender Krise und Rezession in den meisten südamerikanischen Ländern, bleiben zumindest Argentinien und Brasilien bedeutende Märkte für deutsche Exporteure und Investoren. Sie tragen gemeinschaftlich zu mehr als der Hälfte der südamerikanischen Wertschöpfung bei und bieten Branchenvielfalt sowie Potential für zahlreiche Geschäftsvorhaben. Dabei deuten die aktuellen Entwicklungen gerade in ganz unterschiedliche Richtungen.

Als Teil der BRIC-Staaten und neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt, stand Brasilien im globalen Augenmerk bis Anfang dieses Jahrzehnts für hohes Wachstums- und Investitionspotential. Brasilien ist zudem seit Jahrzehnten wichtigstes Zielland deutscher Exporteure und Investoren in Südamerika. Bis vor wenigen Jahren prosperierte die brasilianische Wirtschaft angesichts der hohen Rohstoffpreise – die Arbeitslosigkeit sank, die Löhne stiegen, der Zugang zu Kapitalmärkten wurde erleichtert und schließlich wurde auch ein hohes Niveau an ausländischen Direktinvestitionen verzeichnet. Doch spätestens als 2014 der Abwärtstrend der Rohstoffpreisentwicklung einsetzte sowie zudem die niedrige Produktivität und steigende Verschuldung des Privatsektors hervortraten, ging der Wirtschaftsboom zu Ende. Seither befindet sich das Land in einer Rezession und das Vertrauen der Investoren, Unternehmen und Konsumenten in die Politik sowie die Wirtschaft steht auf wackeligen Beinen.

In Brasilien ist der Automobilsektor die bedeutendste Industriebranche, welche jedoch an Wettbewerbsfähigkeit verliert und Rückgänge verzeichnet. Der Außenhandel wird dabei nach wie vor von Rohstoffen dominiert. So ist es nicht verwunderlich, dass im Zuge der mit niedrigen Rohstoffpreisen einhergehenden wirtschaftlichen Entwicklung Brasiliens sich der Außenhandel in den letzten Jahren verschlechtert hat. Hier würde ein erneuter Anstieg der Rohstoffpreise zu Entlastungen führen. Eine zusätzliche Belastung resultierte daher, dass der halbstaatliche Ölkonzern Petrobras als wichtigstes Unternehmen des Landes gegenwärtig in einem schweren Korruptionsskandal mit weitreichenden Folgen für Politik und Wirtschaft des Landes versinkt. Im Ergebnis befindet sich das Land in einer schweren Krise.

Weitere Steuersenkungen und kurzfristige Konsumanreize dürften jedoch nicht mehr greifen, um die Konjunktur kurzfristig anzukurbeln. So muss die Politik nun andere Maßnahmen ergreifen, um den Weg aus der Rezession zu bereiten. Zu einer der Maßnahmen gehört das neue PPI-Investitionsprogramm (Programa de Parcerias de Investimentos), welches bis 2018 Privatisierungen und Konzessionsvergaben mittels Ausschreibungen vorsieht. Hier können sich auch für ausländische Investoren Chancen ergeben. Trotz dieser Offenheit setzt Brasilien jedoch auch weiterhin auf protektionistische Maßnahmen, um die inländische Industrie - insbesondere die Autoindustrie - zu schützen. So wurden steuerliche Schutzmaßnahmen eingeführt, welche beispielsweise brasilianische Hersteller von Kfz-Teilen ganz oder teilweise von Steuern befreien. Zusätzlich wurden Markteintrittsbarrieren geschaffen, wie z.B. Local-Content-Regelungen, wodurch ein Mindestanteil an lokaler Wertschöpfung erreicht werden soll. Auf eine Aufhebung der Handels- und Markteintrittsbarrieren lassen dabei jedoch die Verhandlungen um ein Freihandelsabkommen zwischen Mercosur und der EU hoffen. Es ist jedoch nach wie vor offen, wann das Abkommen abschlussfähig sein wird. Bis dahin verbleiben die protektionistischen Maßnahmen und bürokratische Handelsbarrieren. Zusätzlich belastet die weitreichende Korruption das Land erheblich. Als direkte Folge daraus bestehen erhebliche Unsicherheiten bezogen auf die politische und wirtschaftliche Entwicklung Brasiliens. Das Land birgt aber weiter Potenzial, denn trotz der vorgenannten herausfordernden Rahmenbedingungen ging der Zustrom ausländischer Investitionen in den letzten Jahren nur unwesentlich zurück und ist das Land nach wie vor mit Abstand führend in der Region. Für 2017 wird sogar ein Anstieg der deutschen Direktinvestitionen in Brasilien erwartet.

Während Brasilien zurzeit die absolut höchsten Direktinvestitionen in Südamerika aufweist, kann der Nachbar Argentinien in 2016 mit positiven Wachstumsraten aufwarten und bietet als zweitgrößte Volkswirtschaft Südamerikas ein ähnlich breites Spektrum an Handels- und Investitionspotentialen. Ganz gegenläufig zur brasilianischen Wirtschaftsentwicklung erholt Argentinien sich gerade von jahrelangen Konjunkturtalfahrten und wird im Zeitraum von 2017 bis 2019 laut Prognosen des Internationalen Währungsfonds wieder einen deutlichen Anstieg der Wirtschaftsleistung verzeichnen können. Diese Entwicklung lässt sich maßgeblich auf die politische Neuausrichtung des seit 2015 regierenden argentinischen Präsidenten Maurico Marci zurückführen. Marci fokussiert seither den Weg vom Protektionismus hin zur Wirtschaftsliberalisierung sowie Weltmarktintegration.

So bestehen für Argentinien positive Wachstumsaussichten. Dabei hat das Land mit seinem Hauptsektor, der Agrar- und Ernährungsindustrie, welche rund ein Drittel aller Arbeitsplätze sichert, eine stabile Stütze für die wirtschaftliche Entwicklung. Nichtsdestotrotz gibt es auch in dieser Zeit Herausforderungen. So findet der Außenhandel Argentiniens derzeit in einem schwierigen globalen Umfeld statt, da u.a. seine größten und bedeutendsten Handelspartner Brasilien und China unter einer Rezession bzw. einer Wachstumsverlangsamung leiden. Insbesondere die Automobilindustrie, ein weiterer wichtiger Sektor des Landes, ist stark exportorientiert und leidet daher unter der Rezession des Haupthandelspartners Brasilien. Deutschland ist viertgrößter Lieferant Argentiniens und beliefert das Land hauptsächlich in den Sektoren Maschinen, Automobil sowie Medizin. Das gesamte Ausfuhrvolumen deutscher Produkte nach Argentinien ist in 2015 nach vorangehendem Rückgang um 9,0 Prozent auf EUR 2,7 Mrd. gestiegen. Allerdings dürfte eine anhaltende Rezession Brasiliens die Konjunkturaussicht der argentinischen Automobilindustrie weiter eintrüben, was sich wiederum auf die deutschen Exporte innerhalb der entsprechenden Lieferketten niederschlagen könnte. So wird bereits im ersten Halbjahr 2016 ein erneuter Rückgang um 2,1 Prozent deutscher Exporte nach Brasilien verzeichnet. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass auch in Argentinien immer noch Bürokratie und Korruption weit verbreitet sind. Das Land ist zwar auf dem Weg der Besserung, aber die Ausgangsposition ist vergleichsweise schlechter als die Brasiliens und die neue Regierung muss hier noch das Vertrauen ausländischer Investoren und Exporteure zurückgewinnen.

Insgesamt ist festzuhalten, dass beide Länder für die deutsche Industrie eine große Bedeutung haben und außerdem wirtschaftlich eng miteinander verbunden sind. Selbst bei positiven Wachstumsaussichten in einem Land verbleiben allerdings aufgrund der lokalen Strukturen aber auch externer Faktoren zahlreiche Risiken für Exporteure und Investoren.

Gegen solche Risiken und Ungewissheiten bieten die Investitionsgarantien des Bundes eine wirkungsvolle Absicherungsmöglichkeit.

Für Investitionen deutscher Unternehmen bieten die Investitionsgarantien des Bundes eine langfristige Absicherungsmöglichkeit politischer Risiken, wie etwa Enteignung oder auch Devisenbewirtschaftung. Grundsätzlich ist die Voraussetzung einer Investitionsgarantie ein bilateraler Investitionsförderungs- und -schutzvertrag zwischen Deutschland und dem entsprechenden Anlageland. Zwischen Deutschland und Argentinien besteht ein solches Abkommen, allerdings können derzeit aufgrund eines Schadensfalles noch nicht wieder Investitionsgarantien übernommen werden. Sobald der Schadensfall bilateral zwischen Deutschland und Argentinien gelöst wurde, würde die Bundesregierung die Übernahme von Investitionsgarantien für deutsche Projekte in Argentinien erneut prüfen. Anträge können bereits heute – aktuell noch gebührenfrei - gestellt werden. Für Investitionen in Brasilien ist eine vollumfängliche Absicherung mittels Investitionsgarantien auf Grundlage der nationalen Rechtsordnung bereits heute grundsätzlich möglich.

Im Gespräch mit Bernd Papenstein, Partner bei PwC und Experte für Wirtschaftsförderung

Welche Chancen sehen Sie für deutsche Unternehmen im brasilianischen Markt?

Bernd Papenstein: Brasilien befindet sich in einer tiefen Rezession. Nur durch strukturelle Reformen wird das Land wieder auf einen Wachstumspfad zurückfinden können. Das betrifft insbesondere die marode Infrastruktur. Deutsche Unternehmen können diese Chance nutzen und sich insbesondere am Infrastrukturausbau beteiligen. Infolge der hohen Staatsverschuldung sieht die politische Agenda vorrangig einen Sparkurs vor. Vor diesem Hintergrund kann davon ausgegangen werden, dass zahlreiche attraktive Angebote für die Beteiligung privater Unternehmen an Infrastrukturprojekten geschnürt werden. Darüber hinaus steigt in der Krisenzeit durch die internationale Konkurrenz der Druck auf das brasilianische Wirtschaftsumfeld, die Produktivität und Innovation zu erhöhen. Gerade hier können deutsche Produzenten von Investitionsgütern ansetzten, deren Produkte sich nach wie vor eines guten Images von hoher Qualität, Produktivität und Haltbarkeit erfreuen. Insbesondere der für Innovation bekannte deutsche Mittelstand kann punkten.

Welche Chancen können sich für deutsche Unternehmen im argentinischen Markt ergeben?

Papenstein: Argentiniens Märkte weisen eine Branchenvielfalt auf, die in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs lukrative Möglichkeiten für eine Vielzahl von Geschäftsaktivitäten bieten. Unterstützt werden diese durch den gegenwärtigen politischen Kurs, wodurch zuletzt ein deutlich liberaleres Wirtschaftsumfeld geschaffen wurde. Jahrelanger Protektionismus vorangehender Regierungen hat zu einem Investitionsrückstau in vielen Bereichen der Wirtschaft geführt, sodass sich nunmehr zahlreiche Geschäftschancen ergeben können. Lediglich die stagnierende Automobil- sowie Bauindustrie bieten derzeit noch ein schwieriges Umfeld. Doch mit Erholung der brasilianischen Wirtschaft, wird auch die argentinische Automobilindustrie an Fahrt gewinnen und hierauf sollten deutsche Unternehmen vorbereitet sein. Hier können sich insbesondere deutsche Unternehmen mit Ihrer Expertise von der internationalen Konkurrenz absetzen.

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