Öl- und Gasbranche im Fokus – Investitionen in Zeiten niedriger Preise und schwacher Nachfrage

Nov 22, 2016

Die Öl- und Gasbranche befindet sich weltweit unter Druck. Seit nunmehr zwei Jahren leidet die Branche unter dem starken Rückgang der Preise. Zahlreiche Erdöl produzierende Länder durchleben wirtschaftliche Krisen, große Ölunternehmen wie u. a. BP und Royal Dutch Shell verzeichnen Gewinnrückgänge und kündigen die Streichung tausender Jobs an. Ob die Talsohle dieser Entwicklung bereits erreicht ist, kann derzeit nicht abschließend beurteilt werden. Bei genauerer Betrachtung wird gleichwohl deutlich, dass gerade vor dem Hintergrund dieser Rahmenbedingungen Ausrüstungsinvestitionen im Öl- und Gassektor erforderlich und ein entscheidender Faktor für zukünftige Wettbewerbsfähigkeit sind.

Angesichts des derzeitigen Ölpreises stellt sich die Frage: Sehen wir temporäre Preisausreißer? Die knappe Antwort lautet Nein. Der Ölpreis lag über Jahre hinweg auf einem ähnlich niedrigen Niveau. Noch zu Beginn des Jahres 2009 war er so hoch wie heute, wohlgemerkt inmitten der Finanzkrise. In den Folgemonaten stieg der Preis stetig an, bis er von Januar 2011 bis Juli 2014 ein Niveau von durchschnittlich 110 US Dollar erreichte. Seitdem sank er kontinuierlich und hat sich derzeit bei einem Preis von etwa 40-50 US Dollar eingependelt - mit den entsprechenden Folgen für die Ölproduzenten.

Doch was sind die Gründe für den starken Rückgang? Es ist eine Kombination aus angebots- und nachfrageseitigen Effekten. Während es im Jahr 2014 und zu Beginn des Jahres 2015 das Überangebot an Öl war, das den Preis fallen ließ, kam zuletzt die weltweite Nachfrageschwäche als Faktor hinzu. Durch die anhaltend hohe Ölproduktion der OPEC-Staaten, die einen weltweiten Anteil an der Ölförderung von ca. 40 % auf sich vereinen, und immer günstigerer Schieferölproduktion (Fracking) vor allem in den USA wurde der Markt mit Öl überflutet. Zusätzlich hat die Rückkehr des Irans an den Weltmarkt auch im Jahr 2016 zu angebotsseitigen Zuwächsen geführt. Seit der zweiten Jahreshälfte 2015 addieren sich Nachfrageeffekte hinzu: schwache lokale Nachfrage in den Erdöl exportierenden Ländern, schwächer als erwartete Erholung in der Eurozone und das schwächste Wachstum seit 25 Jahren in China.

Wie stark die Erdöl exportierenden Länder vom niedrigen Ölpreis betroffen sind, hängt maßgeblich von den Ölförderkosten und damit der Profitabilität des Sektors ab. Bei Preisen von über 100 US Dollar je Barrel spielte dieser Faktor eine untergeordnete Rolle. Die Margen waren so hoch, dass ausreichend Gewinne gemacht wurden. In Zeiten von Preisen um 50 US Dollar je Barrel ergibt sich ein anderes Bild. Für Länder wie Brasilien oder das Vereinigte Königreich, deren Förderkosten Schätzungen zufolge bei 40-50 US Dollar je Barrel liegen, ist eine profitable Förderung von Öl bei gegebenem Absatzpreis nahezu nicht mehr möglich. Geologische Gegebenheiten sind es z. B. in Venezuela, Ecuador oder Nigeria, welche die Förderung teurer und das Ölgeschäft weniger lukrativ machen. Daneben zählten auch die USA oder Kanada zu den Ländern mit relativ hohen Förderkosten in der klassischen Ölförderung. Der technische Fortschritt im Bereich der Fracking-Förderung macht die Produktion in diesen Ländern heute jedoch flexibler und günstiger. Zahlreiche Unternehmen können dadurch auch bei den jetzigen Preisen noch profitabel wirtschaften. Dies gilt dauerhaft auch für Länder wie dem Iran, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder auch dem Irak. Mit Förderkosten um die 10 US Dollar je Barrel ist dort auch bei niedrigen Absatzpreisen eine profitable Förderung möglich.

Unabhängig von den Förderkosten stehen die meisten Erdöl exportierenden Länder zurzeit vor dem gleichen Dilemma: Produktionsausweitung oder -senkung? Die im September 2016 getroffene Entscheidung der OPEC‑Staaten, die Fördermengen um 750.000 Barrel pro Tag zu reduzieren, zeigt, dass der Wunsch nach höheren Preisen dominiert. Die Märkte reagierten positiv auf die Meldung und ließen den Preis mit 53 US Dollar je Barrel auf den bis dahin höchsten Stand in 2016 steigen. Gleichwohl ist fraglich, inwieweit sich alle OPEC‑Staaten an den Beschluss halten und ob u. a. auch Russland, das ebenfalls eine Begrenzung der Produktionsmengen ins Spiel gebracht hatte, die Produktion tatsächlich zurückfährt. Angola, Nigeria und das vor der Staatspleite stehende Venezuela zum Beispiel erwirtschaften 90 % ihrer Exporterlöse durch die Ausfuhr von Öl. Aufgrund des niedrigen Ölpreises befinden sich diese Länder im wirtschaftlichen Niedergang und sind auf jedes exportierte Barrel Öl angewiesen. Der Iran, der nach der Lockerung der Sanktionen an den Weltmarkt zurückkehren möchte, könnte ebenfalls nicht ohne weiteres gewillt sein, die niedrigen Produktionsmengen einzuhalten und auf lukrative Ölgeschäfte zu verzichten.

Kann in den nächsten Jahren somit wieder mit steigenden Preisen gerechnet werden? Zumindest bis Ende 2017 werden nach Angaben des Institute of International Finance (IIF) keine signifikanten Veränderungen beim Ölpreis erwartet. Eine entscheidende Komponente wird sein, inwieweit sich die OPEC-Staaten an die Produktionsdrosselung halten und wie sich die weltweite Produktion entwickelt. Insgesamt werden moderate Produktionsausweitungen prognostiziert, die Hand in Hand mit der positiven Entwicklung der weltweiten Nachfrage gehen dürften. Ab 2018 erwartet IIF durch eine stärkere globale Nachfrage ein leichtes Anziehen des Preises. Ein Niveau von 60 US Dollar je Barrel könne sich bis 2020 einstellen. Andere Prognosen sehen aufgrund der Bemühungen um Energieeffizienz und der Entwicklung alternativer Energien sogar den Gipfel der Nachfrage bereits erreicht. Ein Preisschub ist insofern nicht zu erwarten.

Neben der Lage am Ölmarkt ist die Entwicklung im Gassektor ebenfalls herausfordernd. Nicht nur der Ölpreis ging in den vergangenen zwei Jahren drastisch zurück, auch der Gaspreis entwickelte sich mit gleichgerichteter Tendenz. Der Gasmarkt weist jedoch die Besonderheit auf, dass längerfristige Abnehmerverträge zwischen Ländern oder privaten Abnehmern dazu führen, dass der Markt weitaus weniger volatil ist und zeitversetzt reagiert. Den Marktteilnehmern wird dadurch eine rechtzeitige Anpassung an die Preissituation ermöglicht.

Die Länder, welche maßgeblich von der Öl- und Gasförderung abhängen, haben infolge der gesunkenen Einnahmen aus den Sektoren tiefgreifende wirtschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Die Profite der Öl- und Gasunternehmen sind insgesamt ebenfalls gesunken. Vor diesem Hintergrund sind weitreichende Sparmaßnahmen eingeleitet worden, wodurch wichtige Investitionen in effizientere Produktionsmöglichkeiten zunächst zurückgestellt oder nur eingeschränkt getätigt wurden. Gerade diese Investitionen werden jedoch benötigt, um die Branche durch reduzierte Förderkosten nachhaltig gegen negative Preisschocks zu stärken. Es gilt die Effizienz auf den Förderfeldern zu erhöhen und die Produktionskosten so zu senken. Hierfür stehen technische Lösungen bereit.

Gegeben der Prognose des IIF, dass ein signifikanter Anstieg der Öl- und Gaspreise in den nächsten Jahren unwahrscheinlich erscheint, sind Investitionen zur Steigerung der Effizienz essentiell, um am Markt bestehen zu können. Hierbei sind viele Erdöl exportierende Entwicklungs- und Schwellenländer auf neue Technologien angewiesen. Für deutsche Unternehmen bieten sich in diesem Zusammenhang Absatzmöglichkeiten. Gleichzeitig hat sich wegen der gesunkenen Einnahmen das wirtschaftliche und als Folge der Krisen auch das politische Risiko in vielen Erdöl exportierenden Ländern erhöht. Auch steigt mit dem Rückgang der zur Verfügung stehenden Devisen die Nachfrage nach langfristigen Finanzierungen.

Für nahezu alle Länder bestehen Deckungsmöglichkeiten, die eine Absicherung von politischen Risiken ermöglichen. Deutsche Investoren haben die Möglichkeit durch Investitionsgarantien des Bundes ihre Direktinvestitionen im Ausland gegen politische Risiken abzusichern. Voraussetzung für Investitionsgarantien ist grundsätzlich ein bilateraler Investitionsförderungs- und -schutzvertrag zwischen Deutschland und dem entsprechenden ausländischen Partnerland, der ebenfalls mit einer Vielzahl von Erdöl und Gas exportierenden Ländern besteht.

Im Gespräch mit Bernd Papenstein, Partner bei PwC und Experte für Wirtschaftsförderung

Welche Chancen sehen sie für deutsche Unternehmen in der Öl- und Gasbranche?

Die Öl- und Gasbranche befindet sich in einer turbulenten Phase. Das bedeutet kurzfristig höhere Risiken, aber dennoch mittel- bis langfristig sehr gute Chancen. Das Preisumfeld und die Unsicherheit am Markt haben dazu geführt, dass Ausgaben gekürzt und Investitionen zurückgestellt werden mussten. So wurden zum Beispiel LNG‑Projekte in Afrika (LNG ‑ liquefied natural gas) nicht wie geplant durchgeführt. Dies liegt nur zum Teil daran, dass sich die Projekte angesichts der derzeitigen Preise zumindest weniger gut rechnen. Daneben fehlen einigen Ländern schlicht die finanziellen Mittel, um die Investitionen durchzuführen. Auslandsinvestitionen sind für diese Länder deswegen langfristig von elementarer Bedeutung. Deutsche Unternehmen können dies für sich nutzen und ihr etabliertes Know‑How einbringen. Das ist im Ausland nach wie vor gefragt. Deutsche Unternehmen könnten sich auch hier als Technologieführer einbringen und wichtige Absatzpotenziale abschöpfen.

Welche Länder bieten die besten Perspektiven für deutsche Ausrüster? Auf welche würden Sie derzeit setzen?

Hier sehe ich vor allem drei Märkte. Zuallererst den Iran. Die Lockerung der Sanktionen zu Beginn des Jahres hat den Iran zurück auf die ökonomische Weltkarte gebracht. Der Investitionsnachholbedarf ist enorm. Darüber hinaus ist die USA ein nicht zu unterschätzender Markt. Zu Zeiten, in denen Investitionen in Großprojekte zurückgestellt werden, bieten die kleinen und rentablen Schieferölproduzenten weiterhin attraktive Möglichkeiten. Im Gassektor zeigen Meldungen vom russischen Gaskonzern Gazprom über Rekordabsätze in Europa, dass in der Gasbranche trotz der Herausforderungen weiter hohe Umsätze erwirtschaftet werden können. Russland als Markt spielt dabei eine entscheidende Rolle. Es gilt für deutsche Unternehmen, gerade jetzt bereit zu stehen, wenn deutsches Know-How gefragt ist.

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Bernd Papenstein

Partner, Öffentlicher Sektor Leader, PwC Germany

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Michael Huber-Saffer

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