Die Kunst der effizienten Entscheidung

28 Juni, 2018

Martina Merz. Warum sind viele Familienunternehmen über Generationen hinweg so enorm erfolgreich? Warum finden sie – trotz schwieriger wirtschaftlicher Umfelder, technologischer Umbrüche und gesellschaftlichem Wandel – über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg mit fast schlafwandlerischer Sicherheit den jeweils richtigen Weg in die Zukunft? 

Was macht sie bisweilen so verdammt stark? Einer der Gründe ist ihre effektive und über Generationen hinweg gelernte Entscheidungskultur. Doch: Strukturelle Herausforderungen werden auch für Familienunternehmen zum Stresstest.

Warum sind viele Familienunternehmen über Generationen hinweg so enorm erfolgreich? 

Die besondere Stärke von Familienunternehmen hat ihren Ursprung meiner Erfahrung nach in einem wesentlichen, gerade Familienunternehmen eigenen Merkmal: einer über Generationen gelernten, sehr effektiven Diskussions- und Entscheidungskultur. Die kommt genauso zum Tragen, wenn Familienmitglieder lediglich als Gesellschafter fungieren, wie wenn sie im eigenen oder im familienfremden Unternehmen operativ tätig sind.

Wie kommt das? Ich sehe da gleich mehrere Gründe. So haben Familiengesellschafter Unternehmertum und das Geschäft des Unternehmens quasi mit der Muttermilch aufgenommen. Von Kindheit an haben sie immer wieder an Gesprächen, die sich um das Geschäft der Firma drehen, teilgenommen oder diese mitverfolgt. Diese Diskussionen sind für sie quasi eine natürliche Lebensumgebung. Daraus kann so etwas wie eine Barrierefreiheit in Bezug auf die Aufnahme von geschäftsrelevanten Informationen resultieren. Und das führt dazu, dass Familiengesellschafter meist viel Offenheit in Bezug auf Neues mitbringen, was wiederum Innovation und kontinuierliche Verbesserung fördert.

Vielfalt der Perspektiven

Auch die zunehmende Buntheit und Vielfalt der Lebenshintergründe der Gesellschafter gereicht Familienunternehmen zum Vorteil. Denn Gesellschafter und Inhaber haben oft hochqualifizierte, sehr breit ausgebildete Lebenspartner – Exzellenz verbindet sich mit Exzellenz. Hier setzt sich die eben genannte Barrierefreiheit fort, denn sie können auch zu Hause Themen zur Entwicklung ihrer Firmen auf hohem Niveau besprechen und ausdiskutieren. Und in Diskussionen über mittel- und langfristige Planungen sitzen naturgemäß die Vertreter unterschiedlicher Generationen, mit jeweils verschiedenen Bildungshintergründen, an einem Tisch. Allein dadurch entsteht eine sehr umfassende, aus vielen Perspektiven gespeiste Entscheidungsfindung. 

Es wird sehr viel tiefer und auch kontroverser diskutiert.

Nach meiner Erfahrung wird in diesen Runden sehr viel tiefer diskutiert und vor allem sehr viel kontroverser als in anderen Umfeldern. Und das in der Regel auch ohne dass Spuren zurückbleiben. Die Diskussion wird so lange fortgesetzt, bis es ein Ergebnis gibt, das von den beteiligten Familienmitgliedern akzeptiert werden kann. Eine Trennung wegen „unterschiedlicher Geschäftsauffassungen“ bedeutet in der Konsequenz oft eine nachhaltige Spaltung vom Familienstamm.

Pluspunkt Timing und Intuition

Diese spezielle Familienherkunft und deren inhärente Kraft speist noch eine weitere, nicht zu unterschätzende Fähigkeit: Familienunternehmer vertrauen in Bezug auf Geschäftliches besonders stark auf ihre Intuition, weil Hirn und Bauch durch die fehlende Trennung von Firma und Privatleben öfter harmonieren. Das führt in entscheidungsrelevanten Gesprächen dazu, dass sie oft sehr schnell wissen, wo die „Pain points“ sind. Für mich ist es immer wieder verblüffend zu erleben, wie direkt und offen sie diese in geschäftlichen Verhandlungen ansteuern und ansprechen, im Guten wie im Schlechten.

Zudem nehme ich wahr, dass bei Familienunternehmen die Entscheidungsprozesse häufig sehr gut zur Art ihres Geschäftes passen. Ich erlebe Familiengesellschafter überwiegend als detailliert, schnell, pragmatisch, bestens mit Unterlagen vorbereitet. Ein herausragendes Merkmal ist das außergewöhnliche Gespür für das Timing und die Synchronisierung von Zeit und Inhalt in Bezug auf Entscheidungen: Familien-Manager treffen Entscheidungen häufig erst exakt zu dem Zeitpunkt, zu dem man sie auch wirklich treffen muss. Das bedeutet, sie können dann punktgenau die jeweils maximal benötigte Kompetenz einbringen.

Ihre Intuition macht Familienunternehmer sicherer. Sie gehen Entscheidungen nicht aus dem Weg.

Diese Kunst der Entscheidung, die Familienunternehmen meist inhärent ist, verwundert mich nicht. Wenn einem das Unternehmen gehört, hat man das natürliche Interesse, effizient zu sein. Man braucht weniger Alibi und Bestätigung und diskutiert auch nicht lange hin und her, um andere zu beeindrucken. Familienunternehmen sind aus diesen Gründen in der Regel entscheidungsfreudiger als im Streubesitz befindliche Unternehmen. Ihre Intuition macht sie oft sicherer, sie gehen den Entscheidungen nicht aus dem Weg.

Stresstest: Strukturelle Entscheidungen 

Die genannten Eigenschaften werden allerdings gerade bei strukturellen, existentiellen Entscheidungen wie Übernahmen, Teilverkäufen, Gründung von Gemeinschaftsunternehmen oder großen Investitionen zum „Stresstest“. Gefahr droht insbesondere dann, wenn es gleichzeitig um die Eigentümerstruktur geht. Dann nämlich sind die Risiken für den Entscheidungsprozess größer als anderswo. Er läuft dann längst nicht mehr so flüssig und kann sich übermäßig lange hinziehen. Es wird kontrovers diskutiert und entschieden. Manchmal geht das „mit Volldampf“ schief. Dann wird häufig das Management nach Zahlen, Daten und Szenarien befragt, externe Berater werden hinzugezogen. In diesem Fall spielt die Qualität der hinzugezogenen Berater die entscheidende Rolle. Denn bei schlechter Unterstützung oder anhaltendem Hin-und-Her kann eine Spirale ins Scheitern entstehen. 

Krisen gemeinsam meistern

Der anhaltende Erfolg der Familienunternehmen zeigt, dass solche Krisenmomente fast immer gut ausgehen. Und das auch deswegen, weil Krisen und Fehler die Familie in der Regel noch stärker zusammenschweißen: Falls es mal schiefgeht, halten die Familienmitglieder oft erst recht zusammen und bringen das Problem wieder in Ordnung. Man stellt sich der Verantwortung auch bei Fehlentscheidungen und rückt das gerade. Man kann sagen: Auch in Krisen zeigt sich die besondere Entscheidungsfreude von Familienunternehmen. 

Dieser Artikel ist Teil der Initiative „Next 20 Years“. Eine Übersicht aller Inhalte finden Sie hier.

Über die Autorin

Martina Merz

Martina Merz ist Aufsichtsrätin in fünf Unternehmen in fünf Ländern und Beirätin in zwei weiteren Unternehmen sowie Resident im Start up-Accelerator CODE_n in Stuttgart, einem Hub für digitale Pioniere. Zuvor war sie lange im Management von Bosch sowie CEO bei einem Automobilzulieferer. 

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Dr. Peter Bartels

Global Leader Entrepreneurial & Private Business,
Mitglied der Geschäftsführung, PwC Germany

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Dr. Dominik von Au

Geschäftsführer der INTES Akademie für Familienunternehmen und PwC Partner, PwC Germany

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