Nase im Wind – Digitalisierung braucht Unternehmertum

30 August, 2018

Von Jan-Hendrik Goldbeck. Um die Digitalisierung zu meistern, gibt es für Familienunternehmen nicht nur den einen Königsweg in die Zukunft. Viel wichtiger sind eine starke Vernetzung innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette und der ständige Dialog mit Kunden, Lieferanten und Subunternehmern. 

Nicht zuletzt ist auch die strategische Suche nach neuen unternehmerischen Chancen ausschlaggebend. Eine grundsätzliche Offenheit für die Kooperation mit anderen wird im digitalen Zeitalter zu einer existenziell wichtigen Haltung.

Es gibt keinen vorgezeichneten Königsweg

Viele Familienunternehmen haben immer noch eine gewisse Angst vor der Digitalisierung. Je kleiner die Unternehmen sind, desto größer die Angst oder – besser – die Sorge, falsche Entscheidungen zu treffen. Das ist für mich durchaus verständlich. Denn das Panorama der Möglichkeiten, das die Digitalisierung bereithält, ist beinahe unendlich. Aber was davon ist für die eigene Firma das jeweils Richtige?

Wo müssen wir uns verändern, wo müssen wir uns treu bleiben? Und: Welchen Grad der Vernetzung benötigen wir? Wie weit können wir es uns erlauben, uns gegenüber anderen zu öffnen, ohne unsere Wettbewerbsstellung in Gefahr zu bringen? Größere Unternehmen tun sich mit diesem Prozess etwas leichter. Denn je größer ein Unternehmen ist, desto mehr Möglichkeiten bieten sich, extern Wissen aufzusaugen, sich mit verschiedensten Parteien qualifiziert auszutauschen und festen Grund unter die Füße zu bringen. Sicher ist: Neue Technologien, Prozessinnovationen und Geschäftsmodelle werden viele Branchen radikal verändern.

Um in dieser Situation den eigenen Weg zu finden, ist es erforderlich, immer wieder die Nase in den Wind zu halten und wahrzunehmen, was sich für mich als Familienunternehmer in meiner Branche und in der für mich maßgeblichen Welt tut.

Für uns gilt dabei dieselbe Gewissheit wie für die Mehrzahl der Familienunternehmen in dieser schnelllebigen Zeit: Es gibt keinen eindeutig vorgezeichneten Königsweg in die Zukunft. Deshalb ist die Vernetzung, der ständige Dialog mit Kunden, Lieferanten und Beratern und die strategische Suche nach unternehmerischen Chancen von ganz besonderer Bedeutung.

Mehr Vernetzung innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette

Denn worauf es heute im Rahmen der Digitalisierung mehr denn je ankommt, ist das Verständnis für die Interaktion innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette: Kunden, Lieferanten und Subunternehmer können und sollten dazu aktiv einbezogen werden. Die Stärke des Mittelstands ist ja gerade, miteinander unkompliziert kooperieren zu können. Und der mittelständische Unternehmer kann neben seinem Fach- und Branchenwissen eben auch menschliche Nähe und persönliche Verbindlichkeit einbringen. 

Das persönliche Vertrauen wird umso relevanter, je komplexer ein Sachverhalt, eine Kooperation oder das spezifische Produkt ist. Und ein gestandenes Familienunternehmen kann hier durch die individuelle Glaubwürdigkeit Sicherheit, Solidität und Nachhaltigkeit vermitteln.

Leider gibt es bislang nur wenige Plattformen, auf denen die Akteure einer bestimmten Wertschöpfungskette diesen Diskurs gezielt vorantreiben können. Doch im Nukleus der Veränderung stehen ja gerade die Effizienzvorteile, die durch neue Technologien und den Blick über den bisherigen eigenen Tellerrand hinaus, gemeinsam mit Lieferanten und Kunden, geschaffen werden. So könnte zum Beispiel ein externer Katalysator in Form eines „Round Tables“, in dem man gemeinsam neue Wege und Möglichkeiten skizziert, als Initialzündung dienen.

Datenpooling als wichtiges Kooperationsfeld

Eine konkrete Möglichkeit zur Kooperation könnte etwa ein gemeinsames Datenpooling sein. Denn Daten als „Währung“ der Zukunft sind die entscheidende Grundlage für die Nutzung künstlicher Intelligenz und digitaler Automatisierung. Wir als Familienunternehmer haben doch die Kenntnisse über die spezifischen Kundenbedürfnisse, über die eigene Wertschöpfungskette sowie die eigenen Bedürfnisse selbst in der Hand. Wir wissen genau, was funktioniert und was nicht. Wenn sich hier unterschiedliche Unternehmen zusammentun, können sie eine substanzielle Datenbasis über die gesamte Wertschöpfungskette aufbauen, um zu analysieren, wie die Vorprodukte zusammenwirken müssen, damit das Endprodukt attraktiv wird.

Die Offenheit, gemeinschaftlich etwas Besseres zu erreichen, ist von grundlegender Bedeutung.

Ich bin überzeugt: Gerade hier ist die Offenheit, gemeinschaftlich etwas Besseres zu erreichen, sowohl im Kontext der Digitalisierung als auch darüber hinaus, von grundlegender Bedeutung. Dazu braucht man den Willen, sich selbst zu öffnen, und das Interesse, neue Wege zu gehen, etwa durch Kooperationen mit Start-ups oder auf Feldern, an die man bisher noch nicht gedacht hat. Mit dieser Haltung kommen wir schon ein gutes Stück weiter. Auf jeden Fall schafft sie Möglichkeiten, über den eigenen Horizont hinaus zu innovieren.

Zeit für Reflexion und Inspiration schaffen

Und was kann ich als Unternehmer ganz unmittelbar tun, um mein Unternehmen durch die aktuellen Umbrüche zu steuern? Wenn man das Gefühl hat, dass man nicht ganz richtig aufgestellt ist – und ich glaube, dieses Gefühl überkommt einen als Unternehmer in Zeiten der Digitalisierung häufiger – sollte man sich regelmäßig und bewusst Zeitfenster schaffen, um diesen Fragen nachzugehen. Wer sich mehrere Stunden oder ganze Tage im Monat freihält für Recherchen, Gespräche, für den Check der Vielzahl von Möglichkeiten, die sich am Markt bieten, wird deutlich davon profitieren.

Ich weiß, genau das fällt nicht immer leicht. Denn die Auswirkungen der Digitalisierung sind ja oftmals gerade nicht die Themen, die im direkten Zusammenhang mit dem Tagesgeschäft stehen. Fatalerweise sind es aber möglicherweise genau diese Fragen, die einem Unternehmen früher oder später die Geschäftsgrundlage entziehen können. Und wenn diese Erkenntnis zur Gewissheit wird, ohne dass man die eigenen Lösungen auf den Weg gebracht hat, ist es leider zu spät.

Dieser Artikel ist Teil der Initiative „Next 20 Years“. Eine Übersicht aller Inhalte finden Sie hier.

Über den Autor

Jan-Hendrik Goldbeck

Jan-Hendrik Goldbeck steht für die zweite Generation beim familiengeführten Baudienstleister Goldbeck mit Stammsitz in Bielefeld, den er seit 2008 gemeinsam mit seinem Bruder Jörg-Uwe führt. Die Gesamtleistung des Unternehmens lag im Geschäftsjahr 2016/17 bei 2,5 Milliarden Euro. Rund 6.000 Mitarbeiter sind an 46 Standorten in Deutschland und dem europäischen Ausland tätig.

Contact us

Dr. Peter Bartels

Global Leader Entrepreneurial & Private Business,
Mitglied der Geschäftsführung, PwC Germany

Tel.: +49 40 6378-2170

Dr. Dominik von Au

Geschäftsführer der INTES Akademie für Familienunternehmen und PwC Partner, PwC Germany

Tel.: +49 228 36780-50

Follow us