Interview: Vom Start-up zum Familienunternehmen

13 Dezember, 2018

Jedes Familienunternehmen hat einmal als Start-up angefangen – auch wenn man es damals anders nannte. Sind die Gründer von heute also die Familienunternehmer von morgen?

Einen Automatismus gibt es nicht, sagen Verena Pausder, Spross des Bielefelder Familienunternehmens Delius und selbst Gründerin und CEO von Fox & Sheep sowie der HABA Digitalwerkstatt, und Dominik von Au, Partner bei PwC Deutschland und Geschäftsführer der INTES Akademie für Familienunternehmen. Ob aus einem heutigen Start-up tatsächlich ein Familienunternehmen wird, hängt für sie von zahlreichen Faktoren ab.

Vom Start-up zum Familienunternehmen - Meeting in einem Start-up

Sind die heutigen Start-ups die Familienunternehmen der Zukunft?

Verena Pausder: Jedes Familienunternehmen war ja mal ein Unternehmen in erster Generation und wurde mit der Idee gegründet, etwas zu schaffen, das nachhaltigen Bestand hat. Aber die heutigen Start-ups werden nicht per se die Familienunternehmen der Zukunft sein. Vor allem deshalb nicht, weil sie qua Finanzierungsstruktur, nämlich der massiven Beteiligung von Venture Capital oder Private Equity, einen Exit brauchen, um in den Augen ihrer Investoren erfolgreich zu sein. Familienunternehmen hingegen sind auf langfristige Profitabilität ausgerichtet und werden im Idealfall gar nicht verkauft. 

Dominik von Au: Ich glaube, dass Familienunternehmer, die ihr Unternehmen an die nachfolgende Generation weitergeben möchten, anders handeln als Inhaber, die nur im Rahmen der eigenen Lebensspanne planen. Sie stellen den Gedanken der Stabilität und Profitabilität vor pures und meist fremdfinanziertes Wachstum.

„Im späten Stadium eines Start-ups sind viele Gründer eher angestellte Manager mit Equity-Paket als Familienunternehmer. Das macht sie aber nicht per se zu schlechteren Unternehmern.“

Verena Pausder, Unternehmerin und Digitalexpertin

Wer einen Exit anstrebt, gilt demnach nicht als Familienunternehmer?

Verena Pausder: Ich sehe das so. Außerdem führt die Finanzierung von Start-ups mit Venture Capital dazu, dass der Gründer häufig schon früh nicht mehr die Mehrheit der Anteile am Unternehmen hält – in späteren Finanzierungsrunden kann der Anteil auf unter zehn Prozent verwässert werden. Daher sind viele im späten Stadium eines Start-ups eher angestellte Manager mit Equity-Paket als Familienunternehmer. Das macht sie aber nicht per se zu schlechteren Unternehmern, die Zielsetzung ist einfach eine andere.

Dominik von Au: Gründer, die tatsächlich mit der Prämisse des schnellen Ausstiegs antreten, fehlt ein wesentliches Merkmal des Familienunternehmens: der dynastische Wille. Wird der Anspruch nicht verfolgt, das Unternehmen in die nächste Generation zu führen, bleibt es ein Inhaberunternehmen solange die Gründerfamilie maßgeblich beteiligt ist. Aber es ist eben – noch – kein Familienunternehmen. Wenn darüber hinaus die sogenannte dominante Inhaberstellung, also der geschäftsprägende Einfluss des Inhabers – wie von Verena angesprochen – aufgrund frühzeitiger Verwässerung der Anteile verlorengeht, kann im Vergleich zu Familienunternehmen der sogenannte Inhaberbonus bei wichtigen Entscheidungen sowie in der Unternehmensführung nicht ausgespielt werden.

„Viele Start-ups haben das Potenzial, eines Tages ein Familienunternehmen zu sein. Wenn auch nicht immer im klassischen, industriell geprägten Sinn.“

Dominik von Au, Family Governance Leader bei PwC Deutschland und Geschäftsführer der INTES Akademie für Familienunternehmen

Tun Sie da zahlreichen Gründern möglicherweise nicht unrecht?

Dominik von Au: Natürlich gilt das Gesagte nicht für jedes einzelne Start-up. Viele bringen die Grundvoraussetzungen mit, eines Tages ein Familienunternehmen zu sein. Zudem kann der erfolgreiche Verkauf eines ersten Start-ups auch Kapital generieren. Das könnte dann den Grundstock bilden, um ein weiteres Unternehmen zu gründen, sodass man dann weniger externes Kapital benötigt und langfristig doch die Möglichkeit erhalten bleibt, maßgebliche Entscheidungen als Inhaber zu treffen. Gründer können zudem auch mit mehreren Start-ups Kapital sammeln und dies in ein Family-Office überführen. Dann sind sie am Ende doch Familienunternehmer – nur eben nicht im klassischen, industriell geprägten Sinn.

Verena Pausder: Man hat ja als VC-finanziertes Start-up die Möglichkeit zu überlegen, an wen man verkauft. Eine gute Möglichkeit ist es, an ein Familienunternehmen zu verkaufen. Das wäre für Deutschland sehr wichtig, damit der Mittelstand zukunftsfähig und Know-how in Deutschland bleibt. Familienunternehmen müssen allerdings erst mal Vertrauen herstellen in die dort gestarteten Geschäftsmodelle und auch erkennen, dass die heutige Start-up-Szene nicht die „New Economy reloaded“ ist mit künstlich aufgeblasenem Umsatz. Bei zahlreichen Start-ups entstehen Produkte und Technologien, die der Mittelstand selbst schon längst hätte entwickeln müssen. Daher geht es bei Überlegungen für eine entsprechende Akquisition auch um den strategischen Wert, der erkannt werden muss.

Macht es einen Unterschied, wenn die Start-up-Gründer aus einer Unternehmerfamilie stammen?

Dominik von Au: Familienunternehmen sind geprägt von einem familiären Werte- und Selbstverständnis, das oft von Generation zu Generation weitergegeben wird. Entsprechend wirkt das sicherlich auch im eigenen Start-up kulturprägend. Man denkt dann womöglich in langfristigeren Strukturen und eine kurzfristige Shareholder-Value-Optimierung ist nicht unbedingt oberstes Ziel. Doch selbst wenn, ist das insgesamt nicht verwerflich. Denn letztlich werden sich aus der Fülle der Start-ups auch einige Familienunternehmen entwickeln. Wichtig ist, dass der Austausch zwischen Familienunternehmern und Gründern endlich verbessert wird, sodass sie zu mehr „Smart Capital“ kommen – zu Kapital, das um Erfahrungswissen, Netzwerke etc. angereichert wird und mit dem sie zugleich ihre Unabhängigkeit von institutionellen, kurzfristig denkenden, internationalen Investoren erhöhen können.

Verena Pausder: Die Herkunft kann durchaus einen Unterschied machen. Aber die Fallzahl von Unternehmernachwuchs, der selbst ein Start-up gründet, ist noch gering. Doch das dürfte sich demnächst ändern, Familienunternehmen stellen sich ja zunehmend diese Frage. Zudem gilt: Wer vom Familienunternehmen geprägt ist, verkauft auch eher an den Mittelstand als an eine anonyme VC-Gesellschaft, um die Wertschöpfung im Land zu halten. Daran hat man als Kind eines Familienunternehmers hohes Interesse, damit wir ein innovatives, zukunftsfähiges Land bleiben. Ich habe selbst erlebt, dass man Dinge für die nächsten Generationen baut und nicht für die kommenden zehn Jahre. Davon müssen wir uns auch in der Start-up-Welt eine Scheibe abschneiden.

Dieser Artikel ist Teil der Initiative „Next 20 Years“. Eine Übersicht aller Inhalte finden Sie hier.

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Verena Pausder

Verena Pausder

Verena Pausder ist Gründerin der Firma Fox & Sheep in Berlin, Geschäftsführerin der bundesweiten HABA Digitalwerkstätten und Initiatorin von StartupTeens, einer Initiative, die Jugendliche ans Unternehmertum heranführt. Sie ist Mitglied im Innovation Council von Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitales, sowie Mitglied im Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. 2016 wurde Verena Pausder vom Weltwirtschaftsforum zum Young Global Leader ernannt. (Foto: Kim Keibel)

Dominik von Au

Dominik von Au

Dominik von Au ist Partner und Family Governance Leader bei PwC Deutschland sowie Geschäftsführer der INTES Akademie für Familienunternehmen. Er begleitet Unternehmerfamilien bei der Strukturierung ihrer Nachfolgeplanungen und der Erstellung von Familienverfassungen und wirkt bei bedeutenden Initiativen für Familienunternehmen mit, unter anderem als Mitglied der Kommission Governance Kodex für Familienunternehmen.

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Dr. Peter Bartels

Global Leader Entrepreneurial & Private Business,
Mitglied der Geschäftsführung, PwC Germany

Tel.: +49 40 6378-2170

Dr. Dominik von Au

Geschäftsführer der INTES Akademie für Familienunternehmen und PwC Partner, PwC Germany

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