Digitalisierung verantwortungsvoll gestalten

05 November, 2018

Corporate Digital Responsibility erfordert eine kontinuierliche Bewertung der Digitalisierung und ihren Einfluss auf die Gesellschaft

Von Dieter W. Horst, Markus Vehlow und Angelika Pauer. Anfang Oktober 2018 legte die Initiative zu Corporate Digital Responsibility des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz ein erstes Positionspapier vor. Höchste Zeit, denn keine Innovation entwickelt sich so unglaublich schnell, so weltweit gleichzeitig und so tiefgreifend für jedermanns Leben wie die Digitalisierung.

Technologischer Fortschritt und neue Geschäftsmodelle sind dabei schon im Fokus der Unternehmen, übersehen wird oft die gesellschaftliche Dimension. Digitale Innovation muss aber ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft im Rahmen einer unternehmerischen digitalen Verantwortung (Corporate Digital Responsibility, CDR) kontinuierlich bewerten.

Digitalisierung verantwortungsvoll gestalten - Geschäftsfrau mit Tablet

Für eine erfolgreiche Digitalisierung bedarf es gesellschaftlicher Stabilität

Digitalisierung birgt, neben einem klaren Nutzen für Nachhaltigkeit, auch das Potenzial gesellschaftlicher Destabilisierung. Nachhaltigkeit (Corporate Responsibility, CR) hat bisher Gesellschaft und Unternehmen „über den Werkszaun“ hinaus miteinander verbunden. Jetzt aber muss Corporate Responsibility auch bewirken, dass Unternehmen im Digitalisierungsprozess nachweislich verantwortungsvoll handeln, damit Digitalisierung mit der gesellschaftlichen Stabilität einhergeht, die sie für ihren eigenen Erfolg benötigt.

Digitalisierung als Enabler von Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist die Selbstverpflichtung, über den Tellerand hinauszuschauen. Sie erweitert die traditionell auf Finanzziele und -daten fokussierten Entscheidungsräume von Unternehmen. Und erlaubt so einen holistischen Blick auf Wertschöpfungsketten und gesellschaftliche Einbettung von Unternehmen, Branchen und Produkten. Aber sie ist nicht nur die Pflicht zum Tellerrandblick, sondern auch Verpflichtung, etwas mit dem Gesehenen anzufangen. Denn das Erkennen von Auswirkungen der Geschäftstätigkeit ist eines, die anschließende Ausrichtung von Geschäftsmodellen und Produkten an diesen Erkenntnissen etwas anderes – vor allem wenn diese Neuausrichtung erst mittel- und langfristig Ergebnisse nach sich zieht. Die kognitive Dissonanz zwischen dem Wissen, was mittel- und langfristig das Richtige wäre, und der Bereitschaft dieses Wissen zur Verhaltensänderung in der Gegenwart zu nutzen, ist ein Phänomen, das dem Nachhaltigkeitsgedanken schon immer eigen war.

Durch die Möglichkeiten von Predictive Analytics und Big Data entsteht ein Instrument, das die Folgen von Entscheidungen profunder und anschaulicher macht und helfen wird, die kognitive Dissonanz zu Nachhaltigkeit leichter zu überwinden.

Corporate Responsibility gibt den Rahmen für eine Neuausrichtung der Unternehmensstrategie vor

Corporate Responsibility ist aber nicht nur Selbstverpflichtung, sondern sie gibt auch den inhaltlichen wie operativen Rahmen vor, um die Unternehmensstrategie erfolgreich mit Megatrends zu verknüpfen. Aktuelle Zielgröße hierfür: Die Sustainable Development Goals (SDG) der vereinten Nationen, die jedoch noch gemäß den individuellen Zielbeiträgen und Nachhaltigkeitsthemen einer Branche beziehungsweise eines Unternehmens intepretatorisch auszufüllen sind. Lösungskonzepte für die in den SDGs aufgerufenen Haupt- und Unterzielen können wiederum durch das Instrumentarium der Digitalisierung schneller, kreativer und praktikabler entwickelt werden – wie beispielsweise durch Design Thinking, disruptive Geschäftsmodelle oder Crowddevelopment. Und natürlich bietet das Internet eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten, um Beiträge zu den SDG, den Impact der eigenen Geschäftstätigkeit im Dialog mit Stakeholdern zu erörtern und dabei Erkenntnisse zur weiteren Unterenehmensausrichtung zu gewinnen. Diese Stakeholderorientierung 4.0 umfasst dann die traditionellen Stakeholder, die aber via Digitalisierung ganz neu involviert werden können sowie die im Zuge der Digitalisierung entstehende „virtuelle Belegschaft“ wie Clickworker, Crowddeveloper, oder Prosumer. 

Stakeholderorientierung 4.0 kann aber, wie Digitalisierung selbst, nur dann gelingen, wenn Daten in hoher Qualität und ausreichender Menge zur Verfügung gestellt werden – von Lieferanten, Mitarbeitern, Kunden, Geschäftspartnern oder staatlichen Stellen. Dafür sind jedoch Vertrauen, Transparenz über die Datenverwendung und die Validität der Daten auf einem ganz neuen Niveau erforderlich.

Insbesondere Vertrauen steigt in den Rang einer neuen „Währung“ auf (Rachel Botsman). Und es ist Corporate Digital Responsiblity, die den Schutz dieser neuen Währung gewährleisten muss und vor allem Anleitung geben muss, wie in Grauzonen verantwortungsvoll und transparent navigiert werden kann.

Ambivalenzen der Digitalisierung

Natürlich wird die Digitalisierung mit ihren technologischen Möglichkeiten in Sachen Entmaterialisierung wie dem 3D-Druck, mit den sich selbst wartenden Fabriken der Zukunft, mit sich automatisch optimierenden Transport- und Logistikaktivitäten auch einen unmittelbaren, direkten Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten. Über digitale Fingerabdrücke von Produkten und Rostoffen wird eine echte Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) gefördert, während die Vernetzung von Sensoren (Internet of Things) Material- und Energieverbräuche optimiert. Gleichzeitig schleppen die in der Digitalisierung zum Einsatz kommenden Geräte einen deutlichen „Rucksack“ ökologischer und sozialer Belastungen mit sich. Die Plattform-Economy mit ihrem Disruptionspotenzial, solo-selbstständige Clickworker-Arbeit und Konsumenten, die gleichzeitig auch Produzenten sind (Prosumer) können schwach entwickelten Volkswirtschaften helfen, sich auch bei mangelhafter Infrastruktur rasch zu entwickeln. In den entwickelten Volkswirtschaften stellen die gleichen Elemente jedoch gleichzeitig die traditionellen Rahmensetzungen der Erwerbsarbeit und der sozialen Sicherungssysteme in Frage.

Digitalisierung verantwortungsvoll gestalten - Zwei Geschäftsleute diskutieren

Nachhaltigkeit als Voraussetzung für Digitalisierung

Digitalisierung ist nicht nur Enabler von Corporate Responsibility, sondern bedarf auch selbst deren Unterstützung. Denn die durch Digitalisierung ausgelösten Transformationsprozesse erfolgen bereits heute in einer Geschwindigkeit, Reichweite und Auswirkungstiefe, welche die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und Wertschöpfungsketten destabilisieren kann.

Nur wenn die Akteure der Wirtschaft auch bei der Digitalisierung ihre unternehmerische Verantwortung bewusst wahrnehmen, wird Digitalisierung einen Beitrag zu einer verantwortbaren gesellschaftlichen Entwicklung leisten können. Digitale Innovation muss deshalb ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft kontinuierlich beobachten und bewerten. Dass Menschen und Unternehmen ihre Daten vertrauensvoll als „Treibstoff“ bereitstellen, dass Plattformunternehmen und ihre Clickworker rechtssicher und auf Augenhöhe zusammenfinden oder dass der neue Kollege und „Mitmensch“ Roboter im Guten angenommen wird – die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hierfür müssen Unternehmen aktiv mitgestalten. Oder Digitalisierung wird scheitern. Die immer noch andauernden Turbulenzen bei der Umsetzung der Datenschutzgrundverordnung geben einen kleinen Vorgeschmack drarauf, was passiert, wenn nicht von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik vorausschauend und gemeinsam Lösungsansätze erarbeitet werden, sondern durch Rechtsmittel „Ordnung“ geschaffen werden muss.

Corporate Responsibility, als Instrument um Gesellschaft und Unternehmen „über den Werkszaun“ hinüber miteinander zu verbinden, stellt bereits heute den ideellen wie methodischen Rahmen zur Verfügung, um Strukturen und Prozesse für die neue Digital-Verantwortung aufzusetzen sowie den digitalen gesellschaftlichen Impact zu ermitteln und zu kommunizieren. Sie kann Unternehmen helfen, den Wertbeitrag der Digitalisierung für eine nachhaltige, tragfähige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft vorausschauend zu ermitteln, um ein verantwortbares Fortschreiten der Digitalisierung entlang der Wertschöpfungsketten zu sichern.

Corporate Responsibility und Corporate Digital Responsibility erhöhen gemeinsam die Bereitschaft in der Gesellschaft, die fundamentalen Veränderungen der Digitalisierung konstruktiv aufzugreifen, indem sie das Vertrauen zwischen Menschen, Unternehmen, Institutionen und Systemen fördern.

Denn nur durch eine hohe Bereitschaft von Unternehmen und Menschen, Daten zu teilen, offen miteinander zu kollaborieren, Informationen weiterzugeben und Systeme oder Quellcodes zu öffnen, kann die nächste Stufe der Industrialisierung gelingen.

Contact us

Dieter W. Horst

Dieter W. Horst

Senior Manager, Sustainability Services, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-1397

Markus Vehlow

Markus Vehlow

Partner, Risk Assurance Solutions, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-2293

Angelika Pauer

Angelika Pauer

Senior Managerin, Corporate Digital Responsibility und Digital Ethics, PwC Germany

Tel.: +49 22 1208-4195

Follow us