Interview Nachhaltigkeit 2.0: Gemeinwohlökonomie für Unternehmen

23 Januar, 2020

Ein Interview mit Dieter W. Horst und Nadja Schneider. In Zeiten des Klimawandels und zunehmender Ressourcenverknappung gewinnt Nachhaltigkeit immer mehr an Bedeutung für Unternehmen und ihre Geschäftsmodelle.

Bestehende Standards geben den organisatorischen Rahmen vor, aber helfen nur beschränkt bei der Verzielung. Der Ansatz „Gemeinwohlökonomie“ schafft Abhilfe. Nachhaltigkeits-Experte Dieter W. Horst und Gemeinwohl-Expertin Nadja Schneider stellen ihn vor.

Herr Horst, Sie haben als einer der ersten in Deutschland Umweltmanagement und dann Nachhaltigkeitsmanagement in Unternehmen eingeführt; wenn Sie auf die letzten dreißig Jahre zurückschauen, ist es bestimmt spannend die Entwicklungsschritte unternehmerischer Verantwortung nachzuvollziehen.

Dieter W. Horst: Tatsächlich haben wir damals – also Anfang der neunziger Jahre – uns einfach die ISO-Norm für Qualität genommen, „Qualität“ durch „Umwelt“ ersetzt und losgelegt. Schließlich gab es zu dem Zeitpunkt weder EMAS noch die ISO 14001 oder die ISO 26000. Die Unternehmen wollten vor allem eine „rechtssichere“, „gerichtsfeste“ Organisation des betrieblichen Umweltschutzes, es stand also die Einhaltung von Gesetzen und Genehmigungen im Vordergrund. Die Kommunikation nach außen war damals – also Anfang der neunziger Jahre – noch nicht so wichtig. Die erste Prüfung eines Umweltberichts in Deutschland wurde dann auch erst 1998 bei mir angefragt. Und die Frage nach einem Nutzen des betrieblichen Umweltschutzes für die Umsetzung der Unternehmensstrategie, das wollte erstmals ein Mandant im Jahr 2003 wissen.

Das klingt so, als wäre bei der Entwicklung des Themas „das Pferd vom Schwanz her“ aufgezäumt worden?

Horst: Das stimmt. Und der Entwicklungsprozess ist immer noch nicht zu Ende. Mit dem erweiterten Thema Nachhaltigkeit tun sich heute noch immer viele Unternehmen schwer, wenn es um die Verbindung zur Unternehmensstrategie geht. Nachhaltigkeit wird immer noch häufig als add on zur Geschäftstätigkeit verstanden, wie man leicht an dem auch heute noch immer beliebten Slogan merkt, dass „Ökonomie und Nachhaltigkeit kein Widerspruch seien“. Tatsächlich fehlt aber in vielen Unternehmen bspw. eine Verzielung von Nachhaltigkeitsthemen auf den Führungsebenen oder eine inhaltliche Verknüpfung von Finanzdaten mit Nachhaltigkeitsdaten - wie eine PwC Studie von 2018 belegt.*

* Erstanwendung des CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetzes - Studie zur praktischen Umsetzung im Dax 160; PwC 2018

„Es fehlt in vielen Unternehmen eine Verzielung von Nachhaltigkeitsthemen auf den Führungsebenen.“

Das heißt, die holistische Sicht auf den Wertbeitrag eines Unternehmens für die Gesellschaft fällt immer noch schwer?

Horst: Richtig, auch deshalb, weil ein einheitlicher Rahmen zur Zielausrichtung und Beurteilung der Nachhaltigkeit eines Unternehmen in Bezug auf die Gesellschaft fehlt. 

Nadja Schneider: Der Ansatz der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) und der Gemeinwohlbilanz stößt genau in diese Lücke hinein. Bei der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) liegt der Fokus auf der Zielausrichtung eines Unternehmens. Es ist eine neue Art Wirtschaft zu denken und zu sehen. Der Mensch und die Umwelt werden in den Mittelpunkt gestellt und somit zum obersten Ziel des Wirtschaftens. Es handelt sich also um eine ganzheitliche Unternehmensausrichtung.

„Gemeinwohl-Ökonomie fokussiert auf die Zielausrichtung eines Unternehmens. Es ist eine neue Art Wirtschaft zu denken und zu sehen.“

Es geht also nicht mehr darum Geld um des Geldes Willen zu erwirtschaften, sondern Geld als Mittel zum Zweck, um das Wohlergehen von Mensch und Umwelt zu finanzieren? Werden also Unternehmen so zu karitativen Einrichtungen umgepolt?

Schneider: Ein Unternehmen sollte definitiv, auch bei der GWÖ, wirtschaftlich agieren. D.h. es müssen Gelder erwirtschaftet werden. Es geht jedoch darum ein Unternehmen aufzubauen, das finanziell langfristig plant und dabei einen starken Fokus auf Mitarbeitende, Kunden, Lieferanten, Eigentümer & Finanzpartner und das gesellschaftliche Umfeld legt.

Das heißt, der bisherige, auf kurzfristige finanzielle Erfolge ausgerichtete Zielrahmen eines Unternehmens wird holistisch erweitert. Wie funktioniert das praktisch?

Schneider: Die GWÖ ist vorrangig ein Instrument zur Mitarbeiter- und Kulturentwicklung, sprich die Entwicklung der gesamten Organisation steht im Fokus. Denn in zwanzig verschiedenen Themenfeldern bewerten sich die Unternehmen anhand eines definierten Thementableaus (s. Abb. 1) und Punktesystems selbst und sehen in den Bewertungsstufen der einzelnen Themen automatisch, was für Schritte zu gehen sind, um auf die nächste Stufe zu gelangen. Die Angemessenheit der Selbsteinstufung sowie die Vergleichbarkeit mit anderen Unternehmen wird durch ein externes Audit und durch die Veröffentlichung der Gemeinwohlbilanz (GW-Bilanz) sichergestellt.

Die GWÖ ist also so eine Art Landkarte, die bei der Zielbestimmung hilft und gleichzeitig auf dem Weg Orientierung gibt?

Schneider: Ja, das stimmt. Das Punktesystem stellt eine Art Reifegradmodell dar. Gleichzeitig bestimmt jedes Unternehmen selbst, wie weit es gehen möchte. Wenn zum Beispiel beim Thema „Eigentum und Mitentscheidung“ die Geschäftsführung keine Erweiterung der Eigentümerschaft auf die Mitarbeiter möchte, dann bleibt das Unternehmen eben bei 2 von 10 Punkten stehen.

Die GWÖ ist also nicht ein Standard, dessen Elemente zu 100% erfüllt werden müssen? Es geht also weniger um einen Normierungsprozess, als vielmehr um Verzielung und Orientierung?

Schneider: Das stimmt. Bei der GWÖ geht es darum sich mit den eigenen Entscheidungen auseinanderzusetzen und diese aktiv zu treffen. Und zwar nicht nur auf Ebene des Top-Managements, sondern auf allen Ebenen des Unternehmens in integrativen Prozessen der Entscheidungsfindung und -umsetzung. Das führt übrigens auch zu einer höheren Mitarbeiterzufriedenheit und -bindung, da die intrinsische Motivation und Selbstverantwortung gefördert werden. Und positive Effekte einer GWÖ Orientierung auf die ethische und finanzielle Performance wurden ebenfalls festgestellt.*

* Sanchis et al. (2019): Analyzing the Economy for the Common Good Model. Statistical Validation of its Metrics and Impacts in the Business Sphere. València

Und die Gemeinwohlbilanz gewährleistet dann die nötige Rechenschaftslegung nach innen wie nach außen? Haben das nicht schon andere Standards geleistet wie jener der Global Reporting Initiative oder der Deutsche Nachhaltigkeitskodex?

Schneider: Ja und das ist auch gut so. Gleichzeitig kritisiert die GWÖ bei den CSR-Instrumenten der ersten Generation die begrenzte Messbarkeit, Rechtsverbindlichkeit, Vergleichbarkeit und Verknüpfung von Strategie und Maßnahmen und sieht sich daher als erstes CSR-Instrument der zweiten Generation. Mit dem Rahmen der GWÖ und der Gemeinwohlbilanz kann ein Unternehmen umfassender, transparenter und leichter verständlich die eigenen, individuellen CSR-Maßnahmen berichten - weil jetzt zwei Ebenen der Kommunikation genutzt werden. So folgt dem Slogan „Wir sind grün“ die zweite Ebene, nämlich „Wir sind grün, weil wir wissen, dass xy fehlt und wie wir das angehen bzw. warum wir das nicht angehen“.

So sehr diese Klarheit zu begrüßen ist, gibt es doch auch kritische Stimmen, die die GWÖ mit Konzepten des Kommunismus und Sozialismus in Verbindung bringen.

Schneider: Das ist richtig, aber es muss jedoch fairerweise gesagt werden, dass sich die GWÖ auf ihrer Website ausführlich mit dieser Kritik auseinandersetzt. Christian Felber, der das alternative Wirtschaftsmodell initiierte, verweist darauf, dass das „rechte Maß gefunden werden will – demokratisch“. Und die GWÖ-Bewegung versteht sich als „work in progress“ mit dem Anspruch der ständigen Weiterentwicklung und stetigen Lernens.

Jetzt nehmen wir mal an, ich möchte mich als Unternehmen nach der GWÖ ausrichten. Was sollte ich denn bei der Einführung der GWÖ beachten?

Schneider: Die GWÖ versteht sich als demokratische Bewegung. Das sollte sich auch in der Umsetzung widerspiegeln. So gilt es die Mitarbeiter mitzunehmen, indem sich das Unternehmen einerseits mit den eigenen und andererseits mit den GWÖ-Werten und Inhalten auseinandersetzt und dann diskutiert, hinter welchen Werten und Ansätzen der GWÖ man als Unternehmen steht. Das kann im Umkehrschluss eben auch heißen, dass man sich mal bewusst gegen etwas entscheidet. Den Prozess einer Einführung der GWÖ sollte man darüber hinaus als Change Prozess mit vielen kleinen Schritten ansehen: D.h. damit das große Ganze funktioniert, die nachhaltige, holistische Ausrichtung funktioniert, sind die vielen Ansichten und Bedürfnisse aller Stakeholder an Bord zu holen, zu bewerten und zu priorisieren. Denn es geht um persönliche Werte und schlussendlich die Umsetzung in allen Unternehmensprozessen und letztendlich im Alltag jedes einzelnen Mitarbeiters, Kunden und Lieferanten.

Dieter W. Horst

Dieter W. Horst arbeitet seit knapp dreißig Jahren als Nachhaltigkeitsexperte. Auf seinem Karriereweg half er, den Nachhaltigkeitsgedanken in der deutschen Wirtschaft zu entwickeln und zu verankern – durch eine Vielzahl von Projekten zu Nachhaltigkeitsmanagement und -reporting.

Nadja Schneider

Nadja Schneider ist Wirtschaftspsychologin, Change Management Expertin und arbeitet im Bereich Nachhaltigkeit bei PwC. Sie hat zur Gemeinwohl-Ökonomie wissenschaftlich geforscht und auch das GWÖ-Konzept in der betrieblichen Praxis umgesetzt.

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