Interview zur klimabezogenen Berichterstattung

16 Dezember, 2019

Ein Interview mit Nicolette Behncke. Die Europäische Kommission hat am 20. Juni 2019 einen Nachtrag zur klimabezogenen Berichterstattung als eine Orientierungshilfe zur Erstellung eines nichtfinanziellen Berichts veröffentlicht. Nicolette Behncke erklärt im Interview, was der Nachtrag beinhaltet und welche Neuerungen er für Unternehmen mit sich bringt.

Was müssen Sie jetzt über die neue Leitlinie zur Berichterstattung über klimabezogene Informationen beachten? – Ein Interview mit Nicolette Behncke, Partnerin und Expertin für Sustainability bei PwC Deutschland.

Im Sommer 2019 wurde der Nachtrag zur klimabezogenen Berichterstattung als Ergänzung der unverbindlichen Leitlinien für die Berichterstattung über nichtfinanzielle Informationen veröffentlicht. Warum ist diese Konkretisierung notwendig?

Der Klimawandel und seine Folgen gehören zu den aktuell sehr intensiv diskutierten Themen in Politik und Wirtschaft, insbesondere in Europa. Auch wenn zahlreiche Unternehmen bereits klimaspezifische Informationen in ihrer Berichterstattung bereitstellen, gab es hierzu bislang noch keine explizite Orientierungshilfe seitens der EU. Mit der Veröffentlichung der unverbindlichen Leitlinien wird diese Lücke geschlossen und Unternehmen dazu ermutigt, ihre bisherige Zurückhaltung in Bezug auf klimabezogene Angaben, insbesondere im Hinblick auf die finanziellen Auswirkungen des Klimawandels, aufzugeben. Auch wenn die meisten Unternehmen die Bedeutung der Auswirkungen des Klimawandels auf die Geschäftsaktivitäten erkennen, fällt es vielen schwer, das Thema in eine Berichterstattung zu gießen. Ein Grund hierfür könnte die mangelnde Einbindung in Governance- beziehungsweise interne Berichtsprozesse sein. Der Nachtrag zur klimabezogenen Berichterstattung soll der fehlenden Transparenz innerhalb klimabezogener Angaben entgegenwirken.

Müssen Unternehmen somit in Zukunft entsprechend der EU Guideline bezüglich klimabezogener Angaben berichten?

Nein. Genau wie die unverbindlichen Leitlinien für die Berichterstattung über nichtfinanzielle Informationen schafft auch der Nachtrag keine neuen rechtlichen Verpflichtungen: Sie dienen lediglich als Orientierungshilfe für die prinzipienorientierten nichtfinanziellen Berichtspflichten, die aus der CSR-Richtlinie resultieren.

Zur klimabezogenen Berichterstattung bietet der Nachtrag eine gute und integrierte Hilfestellung für Unternehmen, da die Inhalte auf den bekannten Empfehlungen der Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) basieren und im Kontext des Aktionsplans „Finanzierung nachhaltigen Wachstums“ der EU-Kommission stehen.

Weswegen sollten Unternehmen freiwillig klimabezogene Angaben machen?

Hier gilt es ganz klar, die Orientierungshilfen zu nutzen, um sich vorzubereiten und Schritte einzuleiten, die in naher Zukunft ohnehin erforderlich sein und relativ kurzfristig umgesetzt werden müssen.

„Spätestens wenn die Inhalte der unverbindlichen Leitlinien in die geplante Anpassung der CSR-Richtlinie eingebettet werden, reden wir von einer Pflicht, die aller Wahrscheinlichkeit nach auf Unternehmen zukommen wird.“

Aber unabhängig von der Regulierung, ist es empfehlenswert, sich jetzt systematisch ein besseres Verständnis über klimabedingte Risiken und Chancen zu erarbeiten – durch ein integriertes Risiko- und Chancenmanagement, das den Klimawandel und seine Folgen unternehmensspezifisch adressiert. Nur so können sachkundige Entscheidungen getroffen werden. Eine Berichterstattung hierüber signalisiert dem Kapitalmarkt und anderen Stakeholdern, dass man sich um das Thema kümmert und die Folgen abschätzen kann, sprich auskunftsfähig ist.

Können wir in Zukunft mit einem zusätzlichen Klimabericht rechnen?

Dieser Nachtrag unterstützt keine eigenständige Klimaberichterstattung. Vielmehr wird die Einbindung der klimarelevanten Angaben in andere finanzielle und nichtfinanzielle Informationen befürwortet. Die EU-Kommission plädiert für eine Integration aller nichtfinanziellen Angaben inklusive Klimaangaben in dem Lagebericht.

Welche neuen inhaltlichen Ansätze bringt die Leitlinie mit sich?

Bemerkenswert ist die erweiterte Auslegung des Wesentlichkeitsverständnisses und das Verständnis klimabedingter Risiken und Chancen mit detaillierten Ausführungen zu den zwei Wirkungsrichtungen von nichtfinanziellen Risiken.

Warum ist die Erweiterung des Wesentlichkeitsverständnisses bemerkenswert?

Die Erweiterung ist deshalb bemerkenswert, weil der Berichtsumfang damit deutlich wachsen wird. Es sind zwei Seiten zu beleuchten: Wie beeinflusst das Klima meine Geschäftstätigkeit und wie beeinflusse ich das Klima mit meiner Geschäftstätigkeit. Unternehmen werden angehalten, klimabezogene Angaben zu machen, wenn das Thema Klima unter einer dieser beiden Perspektiven ein wesentliches Thema ist. Sollte ein Unternehmen der Ansicht sein, Klima sei aus beiden Perspektiven nicht bedeutsam, dann muss es hierzu explizit Stellung nehmen.

Ist ein ähnlicher Ansatz auch bei klimabedingten Risiken vorgesehen?

Ja genau. Für die Klimaberichterstattung ist entsprechend des Nachtrags zu beurteilen, welche wesentlichen Risiken durch das Klima für das Unternehmen bestehen (Übergangsrisiken und physische Risiken) sowie welche wesentlichen Risiken aus der Unternehmenstätigkeit für das Klima resultieren. Die beiden Wirkungsrichtungen hat die EU-Kommission hervorgehoben und mit Beispielen untermauert.

Wird dieser Risikoansatz derzeit noch nicht so umgesetzt?

Vor allem im DACH-Raum beschreibt ein Großteil der Unternehmen klimabezogene Risiken und Chancen, jedoch quantifizieren sie diese noch nicht.

„Wir sehen zunehmend Unternehmen – insbesondere in den bereits von Klimarisiken betroffenen Sektoren – die sich mit der finanziellen Bewertung von Klimawandelfolgen auseinandersetzen.“

Welche klimabezogenen Angaben empfiehlt die Guideline?

Der Nachtrag beginnt mit Empfehlungen zur Beschreibung des Geschäftsmodells. Unternehmen sollten darlegen, welche Auswirkung der Klimawandel auf ihr Geschäftsmodell hat und wie ihre Tätigkeiten das Klima auf kurze, mittlere und langfristige Sicht beeinflussen kann. Beschreibungen

  • zu den Auswirkungen klimabedingter Risiken und Chancen auf das Geschäftsmodell, die Strategie und die Finanzplanung,
  • wie sich das Geschäftsmodell des Unternehmens sowohl positiv als auch negativ auf das Unternehmen auswirken kann.
  • der Resilienz des Geschäftsmodells und der Strategie des Unternehmens, unter Berücksichtigung verschiedener Klimaszenarien in verschiedenen Zeithorizonten

werden empfohlen. Daneben sollte auch berichtet werden, wenn Geschäftsmodelle oder Unternehmensstrategien zur Bewältigung von physischen Risiken und Übergangsrisiken oder zur Nutzung von klimabedingten Geschäftsmöglichkeiten angepasst werden.

Darüber hinaus verlangt der Nachtrag Angaben zu Governance und Kontrollsystemen (z.B. Einbindung in das Risikomanagement).

Das hört sich nach vielen qualitativen Informationen an. Gibt es auch eine Anleitung für quantitative Informationen?

Ja, die gibt es auch, aber die quantitativen Informationen sollen nicht losgelöst berichtet werden. Es ist wichtig, dass sie zur Klimastrategie, zu den Zielvorgaben und Maßnahmen passen. Außerdem sollten Unternehmen zwecks Vergleichbarkeit in Erwägung ziehen, unter anderem die folgenden empfohlenen Indikatoren anzugeben:

  • Treibhausgasemissionen betreffend Scope 1, Scope 2 und Scope 3,
  • Verbrauch von Energie aus erneuerbaren und nicht erneuerbaren Quellen,
  • Anteil der klimabezogenen grünen Anleihen und/oder Schuldtitel,
  • Anteil des Umsatzes, der durch Produkte oder Dienstleistungen, einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz oder zur Anpassung an den Klimawandel leistet und
  • Angaben des Buchwerts gefährdeter Sachwerte aus physischen Risiken

Warum sollten sich die Unternehmen und insbesondere auch der Aufsichtsrat jetzt mit den unverbindlichen Leitlinien befassen?

Stakeholder haben eine klare Erwartungshaltung und äußern diese auch immer lauter: Vor allem kapitalmarktorientierte Unternehmen spüren den Druck, klimabezogene Angaben zu berichten. Zudem kann der Nachtrag als richtungsweisend für die mittelfristig anstehende CSR-Richtlinien-Anpassung eingestuft werden. Schließlich übernimmt der Aufsichtsrat eine Überwachungsfunktion, die über seine Prüfungspflicht der nichtfinanziellen Berichterstattung konkretisiert wurde. Der Aufsichtsrat könnte erwarten, dass der als Orientierungshilfe dienende Nachtrag bezüglich des hochbrisanten aktuellen Themas in der Berichterstattung Beachtung findet, so dass diesem insgesamt eine hohe Ausstrahlungskraft zukommen könnte.

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Nicolette Behncke

Nicolette Behncke

Partnerin, Sustainability Services, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-3080

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