„Was die digitale Mobilität betrifft, zeigen die meisten deutschen Städte noch zu wenig Initiative“

29 Mai, 2017

Hamburg, Stuttgart und Berlin sind in Sachen digitaler Mobilität die fortschrittlichsten deutschen Metropolen, zeigt eine PwC-Studie. Was andere Städte tun müssten um aufzuholen, erklärt der PwC-Partner und Digitalisierungs-Experte Felix Hasse.

PwC hat mit wissenschaftlicher Begleitung durch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt untersucht, welche Fortschritte die 25 größten deutschen Städte in Bezug auf digitale Mobilität machen. Was sind die Ergebnisse?

Felix Hasse:  Was Themen wie Carsharing, Elektromobilität, digitale Infrastruktur oder Mobilitäts-Apps betrifft, hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren sehr viel getan. Dieses positive Resümee darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir im internationalen Vergleich noch deutlich zurückliegen – gemessen etwa an einer Stadt wie Amsterdam, wo mehr als 5000 Elektrowagen unterwegs sind und es über 3000 Ladesäulen gibt. Von solchen Werten sind wir hierzulande weit entfernt. So kommt selbst Stuttgart nur auf knapp 400 Stationen. Und das ist wohlgemerkt die deutsche Stadt mit dem dichtesten Netz an Ladesäulen.

Wie ist dieser Rückstand zu erklären?

Hasse: In unserer Untersuchung haben wir festgestellt, dass die wichtigsten Initiativen hierzulande von großen Konzernen oder digitalen Startups ausgehen. Die besten Beispiele sind die Carsharing-Projekte von BMW (DriveNow) und Mercedes (Car2Go) oder Ridesharing-Anbieter wie Uber und Clevershuttle. Auch das gemeinsame Smart-City-Projekt des Softwarekonzerns SAP und der Energieversorgers EnBW  fällt in diese Kategorie. Die beiden Unternehmen rüsten in Karlsruhe und weiteren baden-württembergischen Kommunen momentan die gesamte Fahrbahnbeleuchtung um. Durch den Einsatz von Sensoren gehen die Lampen nur noch dann an, wenn sich auch wirklich ein Bus, Auto oder Fahrrad auf der Straße befindet. Alle diese Initiativen sind für sich genommen großartig. Das Problem allerdings ist: Wo solche Pilotprojekte fehlen, passiert ansonsten oft nicht viel. Viele Städte tun sich mit dem Thema noch sehr schwer.

Sie haben die Ergebnisse ihrer Untersuchung in einem Ranking abgebildet. Dabei kam Hamburg auf den ersten Platz vor Stuttgart und Berlin, gleich dahinter folgten München und Köln. Sind nur die großen Metropolen überhaupt in der Lage, ihre mobile Infrastruktur konsequent zu modernisieren?

Hasse: Auf den ersten Blick liest sich unsere Ranking tatsächlich so. Vier der fünf Topplätze werden von den Städte belegt, die mehr als eine Millionen Einwohner haben – und nur die Stuttgart mit seiner großen Automobilindustrie vermag in die Phalanx einzudringen. Trotzdem: Auch wenn die Größe einer Stadt natürlich  ein wesentlicher Faktor für die Digitalisierung der Mobilität ist, heißt das nicht, dass die übrigen Kommunen der Entwicklung tatenlos zusehen müssen.

Gibt es auch Beispiele für Städte, die sich auch ohne das Engagement von Großkonzernen innovative Lösungen einfallen lassen?

Hasse: In jedem Fall. So ging der erste Platz in der Kategorie „ÖPNV“ an Leipzig. Dafür sorgte vor allem die nutzerfreundliche „Leipzig mobil“-App. Diese bietet nicht nur Echtzeitinformationen zur Verkehrslage und Mobile Payment, sondern ermöglicht dem Nutzer, durch die Integration von Bike und Carsharing eine lückenlose Mobilität von Tür zu Tür. Ergänzend dazu können  Abonnenten des „Leipzig mobil“-Pakets das umfangreiche Bikesharing-Angebot der Stadt jeden Monat zehn Stunden lang kostenlos nutzen. 

In Ihrer Studie zeigt sich eine starke Spreizung zwischen den Top-Platzierten und den hinteren Plätzen. Während Hamburg auf 76,7 von 100 möglichen Punkten kommt, erreichten andere Städte gerade mal Werte zwischen 30 und 40. Was können diese Städte von den Topplatzierten lernen, um nicht den Anschluss zu verlieren?

Hasse: Hamburg verdankt seinen Spitzenplatz  vor allem seiner „Verkehr 4.0“ genannten ITS-Strategie – das Kürzel steht für „Intelligente Transportsysteme“. Dieses Konzept ist auf den Verkehr im Großbereich des Hafens ausgerichtet und lässt sich damit natürlich nicht eins zu eins auf andere Städte übertragen. Trotzdem hält das Projekt eine eindeutig Lehre bereit: Wenn es um die Modernisierung der mobilen Infrastruktur geht, muss die öffentliche Hand selbstbewusst vorangehen, statt sich allein auf die Initiative der Privatwirtschaft zu verlassen. Das Beispiel München wiederum zeigt, dass es nicht immer die Großprojekte sein müssen, die eine Stadt nach vorne bringen. So befinden sich allein im Quartier Münchner Freiheit inzwischen fünf exklusive Carsharing-Stellplätze. Auch solche lokalen Initiativen tragen in Summe dazu bei, dass München in der Kategorie „Sharing-Lösungen“ die modernste deutsche Stadt ist.

Parallel zur Untersuchung der 25 größten Städte hat PwC eine Umfrage unter 100 Nahverkehrsunternehmen bzw. ÖPNV-Verbünden gemacht, um zu erfahren, wie kleinere Städten mit den neuen Mobilitätstrends umgehen. Welche Erkenntnisse haben Sie dabei gewonnen?  

Hasse: Positiv lässt sich festhalten, dass das Thema „Digitalisierung der urbanen Mobilität“ die kommunale Agenda definitiv erreicht hat. So gaben 62 Prozent der Befragten an, dass sich Betrieb und Vertrieb in den vergangenen fünf Jahren durch die Digitalisierung erheblich verändert hätten. Und sogar 87 Prozent meinten, dass sich durch die neuen technologischen Möglichkeiten die Kundenbedürfnisse verändert hätten. Zudem erwarten sogar 88 Prozent, dass die Digitalisierung in den kommenden fünf Jahren einen starken bis sehr starken Einfluss auf die eigene Organisation haben wird. Leider ziehen viele ÖPNV-Anbieter aber nur zögerlich die nötigen Schlüsse. So hat bislang nur ein von drei Nahverkehrsunternehmen eine Digitalisierungsstrategie entwickelt. Immerhin: 45 Prozent planen eine solche.

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Leiter Kompetenzteam Smart Cities, PwC Germany

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