„Der öffentliche Dienst muss sein Image gegenüber jungen Menschen verbessern“

03 März, 2017

Der Fachkräftemangel macht der gesamten Wirtschaft zu schaffen. Doch der öffentliche Dienst wird in ganz besonderem Maß davon betroffen sein. Warum das so ist und was Bund, Länder und Kommunen tun können, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken, das erläutern Peter Detemple, Partner und Experte für den Bereich Öffentlicher Sektor und Alfred Höhn, Leader Government & Public Sector Europe and EMEA. Beide sind überzeugt: Der öffentliche Dienst muss als Arbeitgeber attraktiver werden.

Im Gespräch mit Peter Detemple, Partner und Experte für den Bereich Öffentlicher Sektor und Alfred Höhn, Leader Government & Public Sector Europe and EMEA.

Herr Detemple, warum ist der öffentliche Dienst vom Fachkräftemangel ganz besonders betroffen?

Peter Detemple: Die öffentliche Verwaltung ist besonders dienstleistungsintensiv. Während die produzierende Industrie den Mangel an Fachkräften bis zu einem gewissen Grad durch Automatisierung kompensieren kann, müssen Bund, Länder und Kommunen andere Antworten finden. Die Zeit drängt: Im Jahr 2030 werden im öffentlichen Dienst nach unseren Berechnungen 816.000 Stellen mangels geeigneter Bewerber nicht besetzt werden können, es werden 194.000 Lehrkräfte fehlen! Damit ist dieser Sektor die Branche mit dem größten absoluten Mangel. Und das in einem Bereich, in dem die Aufgaben und Anforderungen aufgrund der zunehmenden gesellschaftlichen Komplexität immer weiter wachsen.

Wo sehen Sie Ansatzpunkte, um das zu verhindern?

Detemple: Der öffentliche Dienst muss beginnen, sein Image gegenüber jungen Menschen zu verbessern und als Arbeitgeber offensiv auf sich aufmerksam  machen. Denn er hat in diesem Punkt ein massives Imageproblem: Zwar gelten die Arbeitsplätze als sicher und familienfreundlich, aber gerade ambitionierte Studenten und Führungskräfte vermissen Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten und gehen lieber in die freie Wirtschaft. Den meisten ist nicht bewusst, wie vielfältig die beruflichen Möglichkeiten sind, die der öffentliche Dienst bietet. Im Hinblick auf die Berufswahl wäre eine Imagekampagne nach Vorbild des Handwerks ein guter Weg, Akzente zu setzen. Auch Praktikantenprogramme können als Recruiting-Instrument dienen: In der Privatwirtschaft ist die Zahl der Praktikanten doppelt so groß wie im öffentlichen Dienst. Behörden und Verwaltungen lassen also die Chance ungenutzt, sich Schülern und Studenten als Arbeitgeber vorzustellen.

Kommt auf die Beschäftigten im öffentlichen Dienst in Zukunft immer mehr Arbeit zu?

Alfred Höhn: Natürlich wird es angesichts eines drohenden Fachkräftemangels immer wichtiger, die Effizienz der Verwaltung zu erhöhen. Da kann die Digitalisierung mit sinnvollen Projekten oder ein gezieltes Outsourcing von Dienstleistungen sicher zum Teil Entlastung schaffen. Doch es muss auch die Frage nach einer motivierenden Verwaltungskultur gestellt werden: Der Anteil der Fehltage ist im öffentlichen Dienst überdurchschnittlich groß – offensichtlich auch infolge psychischer Belastungen: Die Bundesverwaltung verzeichnete 2014 eine Abwesenheitsquote von 15,5 Fehltagen, bei den AOK-Versicherten betrug sie nur 13 Fehltage. Die Wahrscheinlichkeit, aus psychischen Gründen arbeitsunfähig zu werden, ist im öffentlichen Dienst um zwei Drittel erhöht. Beamte scheiden zudem doppelt so häufig aufgrund von Dienstunfähigkeit aus dem Dienst aus als andere Beschäftigte. Das spricht nicht für ein motivierendes Arbeitsumfeld. Es muss zur Chefsache werden, eine wertschätzende Vertrauenskultur zu etablieren, die Mitarbeitern mehr Eigenverantwortung und Gestaltungsspielräume zugesteht. Ein weiterer Ansatz könnte sein, das Potential älterer Mitarbeiter besser zu nutzen – mit Expertenpools oder flexiblen Ruhestandsregelungen.

Stimmt denn die Bezahlung im öffentlichen Dienst?

Höhn: Teils, teils: Bei einfachen und mittleren Tätigkeiten liegt das Gehaltsniveau derzeit deutlich über dem der Beschäftigten insgesamt. Doch ausgerechnet Spezialisten und Führungskräfte, die in Zukunft fehlen, sind im Vergleich zur Privatwirtschaft einkommensmäßig heute schon benachteiligt. Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, muss der öffentliche Dienst sein Gehaltsgefüge überarbeiten. Da Personalknappheit im Beamtenrecht kein Kriterium für die Bewertung von Stellen ist, muss eine Höherbewertung von IT- und Gesundheitsberufen mit der zunehmenden Bedeutung der Themen in einer alternden und digitalen Gesellschaft begründet werden. Zudem finden sich im Hochschulbesoldungsrecht Beispiele für eine Prämierung besonderer Leistungen, die ebenfalls auf die allgemeine Besoldung übertragen werden könnten.

Das ist aber mit enormen Kosten verbunden...

Detemple: Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, müssen öffentliche Arbeitgeber mit finanziellen Mehrbelastungen rechnen. Das ist einfach so. Diese können jedoch durch planvolle Effizienzsteigerungen im Rahmen gehalten werden. Spätere Notlösungen wie Zeitarbeit oder ein überstürztes Outsourcing werden hingegen in aller Regel noch teurer. Unterm Strich hat der öffentliche Dienst mit seinen sicheren, familienfreundlichen und am Gemeinwohl orientierten Arbeitsplätzen aber Stärken, die ihm klare Vorteile gegenüber privatwirtschaftlichen Unternehmen verschaffen können. Er muss sie nur richtig nutzen.

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Alfred Höhn

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Peter Detemple

Partner Public Sector Services, PwC Germany

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