„Das Effizienzpotenzial im deutschen Gesundheitssektor liegt bei fast 40 Milliarden Euro.“

02 Mai, 2018

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Interviewserie zum Koalitionsvertrag mit Alfred Höhn, Leiter des PwC-Bereichs Öffentlicher Sektor

Personenbild Alfred Höhn

Der Koalitionsvertrag ist das Grundlagenpapier einer jeden Bundesregierung. Er gibt vor, wohin Deutschland sich entwickeln soll. Einen schnellen Überblick über die Koalitionsziele und deren Realisierbarkeit gibt diese Interviewserie mit PwC-Partner Alfred Höhn. In sieben Teilen beantwortet der Leiter des Bereichs Öffentlicher Sektor die aus PwC-Sicht wichtigsten Fragen zum Koalitionsvertrag.

Im ersten Teil ging es um digitale Infrastruktur und Verwaltung, im zweiten Teil um Mobilität und Verkehr, in Teil 3 um Bildung und Wissenschaft, in Teil 4 und die ländlichen Räume in Deutschland und nun, in Teil 5 um den Gesundheitsbereich, insbesondere um die Qualität in der Pflege. Dafür hat sich Alfred Höhn Unterstützung durch Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswesen und Pharma bei PwC Deutschland, dazu geholt.

Herr Höhn, die Bundesregierung will laut Koalitionsvertrag „sicherstellen, dass Kranke, Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderung eine gute, flächendeckende medizinische und pflegerische Versorgung erhalten.“ Dafür wolle sie „die Pflege und häusliche Versorgung verbessern, die Unterstützung für pflegende Angehörige ausbauen und die Arbeitsbedingungen in der Pflege attraktiv machen.“ Kurzum: Die Qualität in der Pflege hat höchste Priorität unter den Gesundheitsthemen. Zu Recht?

Alfred Höhn: Unbedingt. Die Qualität in der Pflege – und damit die Pflegebedürftigen und ihre Pfleger – leiden unter mehreren systemischen Einflüssen: Beispielsweise werden wegen des demografischen Wandels immer mehr Menschen pflegebedürftig. Deshalb und aufgrund falscher finanzieller Anreize explodieren die Kosten. Die Zahl der Pflegekräfte ist viel zu gering für eine gute Versorgung. Und es ist unklar, was gute Pflegequalität konkret ausmacht. Entsprechend diffus sind viele Maßnahmen, um die negativen Trends zu brechen.

Lassen Sie uns die Defizite genauer beleuchten. Zunächst: Was konkret bedeutet „immer mehr Pflegebedürftige“ und „Zahl der Pflegekräfte ist viel zu gering“?

Höhn: Zum Beispiel, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland zwischen 1999 und 2015 von rund zwei Millionen auf fast drei Millionen gestiegen ist. 2025 werden es mindestens 3,4 Millionen sein. Die Tendenz bleibt auf Jahrzehnte hinaus stark steigend. Heute schon fehlen 64.000 Pflegekräfte in Deutschland. Im Jahr 2025 könnten es 136.000 sein, prognostiziert das Statistische Bundesamt. Diese Schätzung ist aus PwC-Sicht allerdings geradezu optimistisch.

Da klingt es nach dem berühmten Tropfen auf dem heißen Stein, Herr Burkhart, wenn der Koalitionsvertrag ein Sofortprogramm für 8.000 neue Fachkraftstellen verspricht.

Michael Burkhart: So ist es. 8.000 zusätzliche Pflegestellen sind ja nur 13 Prozent des aktuellen Defizits. PwC hat bereits 2012 in der Studie „112 – und niemand hilft“ deutlich auf den Fachkräftemangel im Pflegesektor, aber auch auf den zunehmenden Ärztemangel hingewiesen. Damals schrieben wir unter anderem: „Die Verschärfung der physischen und psychischen Arbeitsbelastung der Pflegekräfte könnte dazu führen, dass 2030 fast 40 Prozent aller notwendigen Pflegekräfte fehlen werden.“ Daran hat sich heute – sechs Jahre später – nichts geändert.

„Es besteht ein dramatisch hoher Verbesserungsbedarf bei der aufwändigen Administration und Dokumentation sowie bei der intelligenten Vernetzung der Leistungserbringer.“

Alfred Höhn, Leiter des PwC-Bereichs Öffentlicher Sektor

Wie sind die Probleme lösbar? Der Koalitionsvertrag bleibt da eher abstrakt.

Höhn: Wir haben Leistungserbringer des Pflegesektors umfassend befragt. Sie bestätigten uns unter anderem einen dramatisch hohen Verbesserungsbedarf bei der aufwändigen Administration und Dokumentation sowie bei der intelligenten Vernetzung der Leistungserbringer. 

Ist das nicht ein Tenor in allen Branchen?

Burkhart: Durchaus – mit einem wichtigen Unterschied: Die Gesundheitsbranche, und damit auch der Pflegebereich, ist die am wenigsten digitalisierte Branche in Deutschland. Dabei könnte eine forcierte Digitalisierung der Pflege, sogenanntes eHealth, relativ schnell erhebliche zeitliche, finanzielle und qualitative Vorteile bringen. Dafür braucht es jedoch eine Gesamtstrategie, die in eine eHealth-Strategie eingebettet ist. Dieser Punkt kommt im Koalitionsvertrag zu kurz.

Wie hoch ist das monetäre Effizienzpotenzial?

Höhn: Nach unseren Berechnungen liegt es bei fast 40 Milliarden Euro. Würde dieses Potenzial auch nur annähernd gehoben, ließen sich zigtausende Fachkräfte für den Gesundheits- und Pflegebereich attraktiver bezahlen als bisher, zusätzlich ausbilden und unter besseren Bedingungen beschäftigen.

Welche Themen sollte eine eHealth-Gesamtstrategie beinhalten?

Burkhart: Beispielsweise muss eHealth die Pflegebedürftigen bei der Notfallhilfe, bei sozialen Interaktionen und bei anderen Alltagsbedürfnissen unterstützen. Die Angehörigen könnten über digitale Tools zuverlässiger und schneller den besten Pflegedienst finden, Termine mit Pflegediensten und Ärzten besser koordinieren, medizinische Diagnosen besser verstehen und Akutsituationen besser beurteilen.

„Der wichtigste Vorteil einer eHealth-Strategie ist die intelligente Vernetzung aller Akteure und der dadurch reduzierte administrative Aufwand.“

Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswesen und Pharma bei PwC Deutschland

Was brächte eHealth den Pflegediensten?

Burkhart: Die Leistungserbringer könnten ihre Administration und Dokumentation viel effizienter gestalten und die dort gesparte Zeit als echte Pflegezeit verwenden. Sie könnten ihr Personal und ihre Routen effizienter steuern, den heute häufig noch sehr langwierigen Informationsaustausch zwischen allen Beteiligten bei besserer Kommunikationsqualität verbessern und ihre Arbeitsabläufe und Qualitätssicherung transparenter gestalten. Es ist ganz klar: Der wichtigste Vorteil einer eHealth-Strategie ist die intelligente Vernetzung aller Akteure und der dadurch reduzierte administrative Aufwand.

Ehe eine digitale Transformation den Aufwand senkt, kostet sie zunächst einmal Geld. Wer soll das bezahlen?

Höhn: Der Innovationsfonds des Bundesgesundheitsministeriums sollte die Transformation fördern. Da das aber hinten und vorne nicht reichen würde, sind auch die Krankenkassen und die Leistungserbringer dringend gefragt. Bei letzteren müsste es zum Beispiel damit beginnen, dass sie in moderne Hardware investieren, beispielsweise in Tablets für ihre Mitarbeiter. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat völlig Recht, wenn er sagt: „Digitale Vernetzung kann Leben retten.“ 

Mit welchen prozessualen Instrumenten ließe sich die Pflegequalität steigern?

Burkhart: Eine Möglichkeit wäre ein flächendeckendes „Benchlearning“ für medizinische Einrichtungen. In den Niederlanden praktizieren dies 90 Prozent aller Pflegeeinrichtungen – und die Bewertung der Pflegequalität durch Gepflegte, Angehörige und Pfleger ist über zehn bis 15 Jahre hinweg gestiegen. Gerade das subjektive Qualitätsempfinden wird in Deutschland noch viel zu wenig betrachtet.

Warum, glauben Sie, würde „Benchlearning“ auch in Deutschland funktionieren?

Burkhart: Im Rahmen von PwC-Projekten haben wir es in diversen Seniorenheimen eines Betreibers getestet. Es deutschlandweit zu implementieren wäre ein langfristiges Projekt, für das unter anderem noch die Kostenübernahme geklärt werden müsste.

Alles, was Sie beide bislang erläutert haben, läuft auf eine sektorenübergreifende Versorgung hinaus. Doch auch hier bremsen hohe Barrieren. Was sagt der Koalitionsvertrag dazu?

Höhn: Dass die sektorenübergreifende Zusammenarbeit und Vernetzung ausgebaut werden soll und die Behandlungsverläufe sich ausschließlich am medizinisch-pflegerischen Bedarf der Patienten auszurichten haben.

„Die Behandlungs- und Pflegequalität darf nicht an Sektorgrenzen scheitern.“

Alfred Höhn, Public Sector Leader bei PwC Deutschland

Und wie sieht die Realität aus?

Höhn: In der Praxis werden niedergelassene Ärzte, Krankenhäuser, Rehabilitationseinrichtungen und Pflegeanbieter aus unterschiedlichen Geldtöpfen bezahlt und harmonieren deshalb eher schlecht. Aber Patienten sollte nicht interessieren müssen, in welchem bürokratisch definierten Sektor eine Leistung gelaufen ist. Die Behandlungs- und Pflegequalität darf nicht an Sektor-, also Finanzierungsgrenzen scheitern.

Deshalb soll laut Koalitionsvertrag eine neue Bund-Länder-Arbeitsgruppe die sektorenübergreifende Versorgung vorantreiben und dabei die Telemedizin einbeziehen.

Burkhart: Auch dies ist dringend nötig. Dabei muss es zudem darum gehen, die planerische Konzentration der Krankenhäuser und neue kommunale und regionale Medizinische Versorgungszentren voranzutreiben. Manche Bundesländer gehen mittlerweile voran.

Zum Beispiel?

Höhn: Nordrhein-Westfalens Sozialminister Karl-Josef Laumann will dafür sorgen, dass bis zu zehn Prozent der Medizin-Studienplätze in NRW an Bewerber gehen, die sich verpflichten, nach dem Studium bis zu zehn Jahre im ländlichen Raum zu arbeiten. Fast zwei Drittel der Landärzte sind über 60 Jahre alt! Aber das Gros der jungen Ärzte will in größeren Städten praktizieren.

Dennoch ist Ärztemangel inzwischen auch ein städtisches Problem.

Burkhart: Deshalb erprobt die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg seit kurzem unter anderem in Stuttgart ein Telemedizin-Projekt. Da können sich Kassenpatienten telefonisch und via Internet von Ärzten beraten lassen. Es ist das erste Projekt dieser Art in Deutschland. Und viele werden folgen müssen. Dennoch: Die Digitalisierung kann nicht alleiniger Heilsbringer sein. Effiziente Digitalisierung kennt nämlich keine Sektorengrenzen. Und genau deshalb muss parallel die übergreifende Versorgung deutlich besser werden.

Sich ärztlich beraten lassen ist noch keine medizinische oder pflegerische Behandlung. Wie sehen Sie das Behandlungsvergütungssystem in Deutschland, zumal es mehr die Quantität der Behandlungen belohnt als die Qualität?

Höhn: Das ist nach wie vor ein Problem, auch wenn die Qualität zunehmend in die Vergütung einfließen soll. Am besten wäre es natürlich, wenn die Menschen weniger krank würden, da sie dann weniger behandelt werden müssten. Erfolgreiche präventive Beratung müsste deshalb ebenfalls attraktiv honoriert werden, wenn nicht nur Patienten, sondern unser Gesundheits- und Pflegesystem als Ganzes wieder gesund werden soll.

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Alfred Höhn
Partner, Leiter Öffentlicher Sektor, PwC Germany
Tel.: +49 30 2636-1270
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