Interview: „Intelligente Frühwarn- und Prognosemodelle sind jetzt wichtiger denn je.“

12 Juni, 2020

Ein Interview mit Prof. Dr. Rüdiger Loitz. Die Corona-Pandemie hat deutlich negative Auswirkungen auf die Wirtschaft. Das zeigt unter anderem die Finanzberichterstattung der Unternehmen.

Prof. Dr. Rüdiger Loitz, Partner bei PwC Deutschland und Leiter des Bereichs Capital Markets & Accounting Advisory Services über die Auswirkungen der Krise und Maßnahmen, die Unternehmen jetzt helfen können.

Die Corona-Pandemie beeinflusst die Wirtschaft seit März 2020 sehr negativ. Was davon finden Sie in der Finanzberichterstattung wieder?

Rüdiger Loitz: Beispielsweise sind eine Mehrheit der DAX30- und MDAX-Unternehmen, die ihre Jahresabschlüsse für 2019 bis Mitte April 2020 veröffentlicht haben, in der Berichterstattung schon auf die COVID19-Krise eingegangen. Fast alle von ihnen äußern sich dazu.

Mit welchem Tenor?

Rüdiger Loitz: Im Vordergrund stehen gedämpfte Erwartungen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung im Jahr 2020. Hauptursache sind sinkende Absätze zum Beispiel infolge des Shutdowns in vielen Ländern. Folgerichtig korrigieren die Unternehmen ihre Wachstumsziele und berichten im Rahmen der Prognoseberichterstattung auch von Unsicherheiten im Hinblick auf die künftige Entwicklung. Hinzu kommen Schwierigkeiten bei der Vorratsbeschaffung, die zu Produktionsausfällen führen oder führen können. Bei der Risikoberichterstattung wird über derartige operative Risiken und andere Risiken im Zusammenhang mit der COVID19-Krise berichtet.

Gibt es auch Schwierigkeiten bei der Finanzberichterstattung?

Rüdiger Loitz: Zunächst einmal sind alle Unternehmensbereiche betroffen. Die Finanzberichterstattung ist jetzt vor allem deshalb schwierig, weil selbst die kurzfristige Zukunft kaum zuverlässig prognostizierbar ist. Die Unsicherheit ist momentan so groß, dass kaum Aussagen über den Status quo hinaus möglich sind. Diese Unsicherheit betrifft zum einen die Corona-Krise selbst, aber auch ihre Darstellung in der Berichterstattung.

Die Covestro AG gibt beispielsweise in ihrem Lagebericht für das Geschäftsjahr 2019 an, dass die Prognose für das Geschäftsjahr 2020 die für das erste Quartal absehbaren Geschäftsbeeinträchtigungen in China aufgrund des Coronavirus zwar berücksichtigt. Die weiteren Folgen seien aber noch nicht absehbar.

Wie sieht es mit der internen Berichterstattung aus?

Rüdiger Loitz: Sie ist ebenfalls betroffen. Einige Unternehmen denken über Maßnahmen nach, um kurzfristig die Liquidität sicherzustellen oder sie haben bereits etwas unternommen. Vor diesem Hintergrund beschäftigt die Unternehmen vor allem die Entwicklung ihrer Finanzkennzahlen und Covenants. Deren laufende Überwachung erhöht die Anforderungen insbesondere an das Controlling und die interne Management-Berichterstattung.

Die Pandemie begann in China, schnell war die ganze Welt betroffen. Zeigt sich dies ebenfalls schon in der Finanzberichterstattung der Unternehmen?

Rüdiger Loitz: Ja. Stand China zu Beginn als Absatzmarkt und Handelspartner noch klar positiv im Fokus der Berichterstattung, so fokussieren sich die betroffenen Unternehmen vermehrt auf die für sie relevanten Regionen. Die Berichterstattung erfolgt hier bereits differenzierter.

Gibt es Branchen, die stärker betroffen sind als andere?

Rüdiger Loitz: Extrem schnell hat die Pandemie vor allem den Transport- und Logistiksektor getroffen, inklusive der Flughäfen und Fluggesellschaften. Bestes Beispiel hierfür ist die Lufthansa AG, die von der größten Herausforderung ihrer Geschichte spricht. Drastische Folgen hat die Krise auch jetzt schon für das Hotelgewerbe, die Finanzwirtschaft, die Automobilindustrie und für alle Konsumgüterhersteller, die keine Grundversorger sind. Wir gehen davon aus, dass zum Beispiel die Immobilienwirtschaft und die Informationstechnologie ebenfalls hart getroffen werden. Letztgenannte insbesondere deshalb, weil viele Unternehmen ihre Ausgaben für IT senken. Dabei sollten sie allerdings beachten, dass sich ein „Investitionsstau“ in der IT mittel- bis langfristig sehr nachteilig auswirken kann. 

Und welche Branchen trifft es wahrscheinlich weniger hart?

Rüdiger Loitz: Teile des Gesundheitswesens, Gebrauchsgüterhersteller und Grundnahrungsmittelproduzenten sind momentan noch weniger stark betroffen. Aber letztlich zieht diese Krise und der zu erwartende Konjunktureinbruch an keinem Wirtschaftssektor einfach so vorbei.

Was raten Sie Unternehmen, um die Folgen der Corona-Krise abzufedern?

Rüdiger Loitz: An allererster Stelle sollte stehen, die Auswirkungen von COVID-19 möglichst präzise zu verstehen – nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern mindestens für die gesamte Branche. Nur aus diesem Verständnis heraus lassen sich bestmögliche Maßnahmen ableiten. Wenn das gelingt, können sich in der Krise auch neue Chancen eröffnen.

Woran denken Sie genau?

Rüdiger Loitz: Schon vor der Krise waren viele Unternehmen dabei, sich in bestimmten Märkten, Geschäftsfeldern und Abteilungen neu auszurichten. Insofern beschleunigt die Krise im Idealfall Transformationsprozesse, die schon vorher begonnen hatten. Dazu gehören zum Beispiel der Einsatz intelligenter, digitaler Prognose- und Frühwarnsysteme in der Finanzberichterstattung. Anhand von Finanzkennzahlen, Werttreibern und mit branchenspezifischem Benchmarking lassen sich daraus Maßnahmen ableiten, die echten Mehrwert liefern – auf dem Weg aus der Krise und darüber hinaus.

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