Unternehmen und der neue IFRS 16 – Eine Kurzumfrage

03 Januar, 2017

Der neue Leasingstandard IFRS 16 wurde vor knapp einem Jahr verabschiedet. Wir haben uns gefragt: In welchem Umfang haben sich die Unternehmen mit dem neuen Standard bereits beschäftigt? Wurden beispielsweise bereits Implementierungsprojekte gestartet?

Dem wollten wir auf den Grund gehen und haben im Rahmen einer Kurzumfrage im Frühjahr 2016 den Status quo bei Unternehmen in Deutschland hinsichtlich der neuen Leasingbilanzierung abgefragt.

Teilgenommen haben insgesamt 135 Unternehmen mit Sitz in Deutschland, davon waren ca. 70% kapitalmarktorientiert.

Status quo zur neuen Leasingbilanzierung im Unternehmen

Die Unternehmen sind sich der Komplexität des neuen IFRS 16 bewusst - über die Hälfte der Befragten haben sich schon mit dem neuen Standard auseinandergesetzt; ein weiteres Drittel sogar (sehr) intensiv.

Mehr als ein Drittel aller Teilnehmer gaben an, dass sie keinen Überblick über die Anzahl ihrer nationalen Leasingverträge haben. Hinsichtlich der Leasingverträge auf internationaler Ebene sind es sogar fast die Hälfte.

Was den zu investierenden Zeitaufwand zur Umsetzung des neuen Leasingstandards angeht, sind sich die Unternehmen uneinig. Die Schätzungen verteilen sich relativ gleichmäßig und schwanken zwischen 1 und 24 Monaten. Der finanzielle Implementierungsaufwand bereitet den meisten Befragten - zumindest auf dem Stand zu Beginn des Jahres 2016 und auf damaliger Informationsbasis - allerdings keine große Sorgen, ca. 60% rechnen mit Kosten von weniger als 100.000€. Kaum ein Unternehmen schätzt den Aufwand auf über 1 Mio. €. Diese Einschätzung ist vor allem vor dem Hintergrund fehlender Informationen zu konzernweit vorliegenden Verträgen unseres Erachtens allerdings durchaus fraglich. Zudem ist zu hinterfragen, ob lediglich auf die Kosten externer Berater und ggf. für die Anschaffung neuer Software abgestellt wurde. Es bleibt offen, ob die internen Kapazitäten für die Ist-Analyse, die Umsetzung von Prozessänderungen und Systemeinführungen, die Umsetzung von Bilanzierungsanweisungen sowie für Schulungen etc. mit berücksichtigt wurden. Die in einem anderen Zusammenhang gegebenen Antworten lassen vermuten, dass dies eher nicht der Fall war.

Herausforderungen und Auswirkungen der neuen Leasingbilanzierung

Als besonders problematisch im Rahmen der Umsetzung sehen die Unternehmen in der Tat den Prozess an sich und die Organisation der Einführung des neuen Standards, wobei ein Viertel der befragten Unternehmen zudem eine große Herausforderung hinsichtlich der IT-Systeme wahrnehmen. Fachliche Herausforderungen spielen für die Unternehmen eine untergeordnete Rolle. Die Annahme, dass der neue Standard gegenüber IAS 17 keine wesentlichen neuen fachlichen Herausforderungen birgt, deckt sich grundlegend mit unserer Einschätzung. Auf der anderen Seite ist die aus unserer Sicht neue „fachliche“ Herausforderung, dass für eine Vielzahl von Verträgen jetzt Einschätzungen beispielsweise hinsichtlich der möglichen Ausübung von Optionen getroffen werden müssen, und dass regelmäßige Rechenoperationen zur Ermittlung von Nutzungsrechten und entsprechenden Verpflichtungen auszuführen sind, und das an Stellen, an denen bisher nur Operating Leases erfasst wurden. Die Umsetzung setzt damit entweder voraus, dass bereits in der Vergangenheit ein ausgereifter Prozess zur bilanziellen Einschätzung aller vorliegenden Verträge auf allen mit Leasing in Kontakt stehenden Ebenen eines Konzerns, implementiert war, und dass dieser auch entsprechende Kapazitäten für die neuen Aufgaben vorhält, oder dass neue Wege zur Abwicklung neuer Aufgaben gefunden werden müssen. Hierzu braucht es unseres Erachtens, zumindest bei entsprechender Wesentlichkeit, entweder eine Automatisierung und Zentralisierung, oder geschultes Personal an vielen Stellen eines Unternehmens.

Besonders große Auswirkungen der neuen Leasingbilanzierung werden von den Anwendern bei den Anhangangaben und bei der Trennung von Leasing- und Nicht-Leasingkomponenten erwartet. In Bezug auf Organisation und Prozesse rechnet man im Rechnungswesen/Controlling, sowie im Einkauf/Vertrieb mit der stärksten Betroffenheit. Weniger berührt sein werden, nach Ansicht der Befragten, die Kapitalflussrechnung, Mitarbeitervergütungen, GuV oder Geschäftsmodelle. Insbesondere hinsichtlich der Auswirkungen auf Kennzahlen und EBIT bzw. EBITDA ist aus unserer Sicht dabei fraglich, ob man alle Effekte bereits vollständig durchdacht hat. Allein aufgrund von Hochrechnungen aus bisher unter IAS 17 vorliegenden Anhangangaben müssten sich unseres Erachtens zumindest bei einigen Konzernen durchaus relevante Effekte ergeben, wenngleich diese natürlich zu erklären sind. Um aus Standardänderungen und daraus resultierenden Kennzahlenänderungen resultierende Effekte auf die Boni und damit Mitarbeitervergütungen zu verhindern, wäre unseres Erachtens auch eine Analyse der Vergütungssysteme durchaus angeraten, um bereits im Rahmen der Zielvereinbarung zum erstmals betroffenen Geschäftsjahr eine Verzerrung zu verhindern. Bestrebungen, Leasingmodelle anzupassen, um beispielsweise Ausnahmeregelungen in Anspruch zu nehmen, zeichnen sich bereits jetzt am Markt ab. Inwiefern entsprechende Bemühungen zu Anpassungen von finalem Erfolg gekrönt sind, lässt sich aufgrund beidseitiger Interessenslagen auf Leasingnehmer- und -geberseite derzeit noch nicht abschließend beurteilen.

Was die Betroffenheit der IT-Systeme angeht, rechnet die Mehrheit der Unternehmen mit Auswirkungen bei der Vertrags- und Datenerfassung, auf die Datenqualität und notwendige Schnittstellen durch die neue Leasingbilanzierung. Diese Einschätzung teilen wir.

Leasingbilanzierung und Vertragsverwaltung

Im Schnitt besitzen die befragten Unternehmen nach Schätzung zum Stand der Befragung zwischen 1.000 und 100.000 Leasingverträge. Die Vertragsverwaltung erfolgt dabei nur bei wenigen Unternehmen bisher zentral.

Gesammelt werden die Leasingverträge in ganz unterschiedlichen Bereichen. Bei einem Drittel der Befragten ist es das Rechnungswesen/Controlling, bei einem weiteren Drittel sind es Rechtsabteilungen und verschiedene andere Fachabteilungen. Fast ein Drittel der Teilnehmer gab sogar an, nicht zu wissen, wo die Verträge gesammelt werden.

Aufbewahrt werden die Leasingverträge überwiegend sowohl digital als auch physisch.

Ein Vertragsmanagementsystem liegt bei den meisten Unternehmen gar nicht oder nur teilweise vor. Auch geeignete IT-Lösungen zur Bilanzierung von Leasingverhältnissen sind bei fast allen nicht vorhanden. Texterkennungssoftware oder ähnliche Anwendungen zur automatischen Datenerfassung werden von über einem Drittel abgelehnt, 44% kann derzeit noch keine Aussage dazu machen.

Kurzfristig erwarten die Teilnehmer keinerlei Auswirkungen auf die Attraktivität des Finanzierungsinstruments „Leasing“ durch den neuen Standard, mittel-/langfristig sind sich die Befragten diesbezüglich unschlüssig, wobei ca. ein Fünftel keine Angaben hierzu machte.

Auch die Ergebnisse unserer Umfrage deuten weiter darauf hin, dass es noch Aufklärungsbedarf innerhalb der Unternehmen hinsichtlich der Betroffenheit ( bspw. Anzahl und Verortung von Verträgen, Auswirkungen) und auch Entscheidungsbedarf (bspw. künftiger Prozess und Verantwortlichkeiten, Auswahl einer geeigneten Software), was das Vorgehen der Implementierung angeht, gibt. Das Zeitfenster bis zur erstmaligen Anwendung erscheint nach wie vor lang, bei einer Konzentration auf die Monate zwischen den Abschlüssen und vor dem Hintergrund der vielen zu bewältigenden Herausforderungen ist es jedoch objektiv betrachtet gerade noch ausreichend. Deshalb sollten auch die Unternehmen, die dies noch nicht getan haben, jetzt dringend mit der Implementierung des neuen Standards beginnen, um am 1. Januar 2019 startklar zu sein.

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Andrea Bardens

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