Die typischen Täterprofile von Wirtschaftskriminellen

16 September, 2010

Bestechung, Unterschlagung und Bilanzfälschung: Durch wirtschaftskriminelle Straftaten entsteht deutschen Unternehmen jährlich ein Schaden von rund sechs Milliarden Euro. Doch was bringt Mitarbeiter dazu, der eigenen Firma zu schaden? Aus welchen Motiven begehen die Täter wirtschaftskriminelle Handlungen? Das hat PwC zusammen mit Professoren und Studenten der Hochschule Pforzheim untersucht. Denn: Nur wer die Motive der Täter versteht, kann auch wirksame Präventionsmaßnahmen entwickeln.

Wirtschaftskriminelle Delikte sind in deutschen Firmen längst keine Einzelfälle mehr. Jedes zweite Unternehmen ist in den vergangenen Jahren zum Opfer einer Wirtschaftsstraftat geworden. Vor allem Branchen mit hohem Umsatz wie die Versicherungs- oder Finanzbranche sind gefährdet. Neben dem finanziellen Verlust entsteht einem Unternehmen dabei ernster immaterieller Schaden: Der Ruf der eigenen Marke leidet, die Geschäftsbeziehungen werden beeinträchtigt, die Arbeitsmoral der übrigen Mitarbeiter sinkt, die Aktienkurse fallen.

Wirtschaftstäter durchlaufen diese charakteristischen Phasen:

  • Anfangs versuchen sie, ihre beruflichen oder privaten Ziele auf legalem Weg zu erreichen.
  • In der zweiten Phase erfahren sie Misserfolge.
  • Danach suchen die Täter nach neuen, auch illegalen Möglichkeiten.
  • In der vierten Phase, wenn sich Erfolge einstellen, fühlen sie sich bestärkt. Der Wunsch nach weiteren Erfolgen wird größer als die Angst vor Entdeckung.
  • In der fünften Phase gibt es kein Zurück mehr. Um ihr Handeln zu rechtfertigen, passen die Täter ihr persönliches Rechtsbewusstsein ihrem Handeln an. Mit der Aufdeckung der Tat tritt der Realitätsschock ein.

Doch obwohl Wirtschaftskriminalität großen Schaden in Unternehmen anrichtet, weiß man bislang wenig über die Motive der Täter. Geld, die persönliche Bereicherung des Straftäters, ist häufig nur das vordergründige Motiv. Dahinter stecken meist tiefere Bedürfnisse nach Anerkennung und Selbstbestätigung. Die Gründe der Täter zu verstehen, hilft dabei, die richtigen Gegenmaßnahmen zu entwickeln. PwC hat daher zusammen mit der Hochschule Pforzheim in der Studie "Wirtschaftskriminalität. Eine Analyse der Motivstrukturen" nach den Ursachen für wirtschaftskriminelle Handlungen gesucht.

Ein Viertel der Täter stammt aus dem Top-Management

Das Risiko für Unternehmen ist auch deshalb besonders hoch, weil einige der Täter an den Schaltstellen der Firma sitzen und besonders viel Handlungsspielraum haben: Fast ein Viertel der polizeilich registrierten Täter stammt aus dem Top-Management. Doch die meisten Firmen unterschätzen die Gefahr. Nur zehn Prozent halten es für wahrscheinlich, selbst Opfer einer Wirtschaftsstraftat zu werden. Die Gelegenheit zu wirtschaftskriminellen Taten entsteht in Unternehmen oft durch zu schwache Kontrollen. Nach Analysen von PwC waren bei 37 Prozent aller wirtschaftskriminellen Delikte mangelnde interne Kontrollen die Ursache.

Die Täter zeigen häufig ähnliche Charakterzüge

Ziel der Untersuchung war es, Einblicke in die Rahmenbedingungen von Wirtschaftskriminalität zu gewinnen und die Motive der Täter zu verstehen. Dabei hat sich gezeigt, dass sich bestimmte Charakteristika der Täter über verschiedene Fälle hinweg wiederholen. Daraus lassen sich fünf Prototypen von Wirtschaftsstraftätern ableiten. Keiner der Täter entspricht diesen Grundtypen ganz, dennoch lassen sich wichtige Schlüsse daraus ziehen, die bei der Vorbeugung helfen.

  1. Der egozentrierte Visionär ist ein ehrgeiziger, selbstbewusster und zielstrebiger Charakter, der auf seinen Vorteil bedacht ist und sich bewusst über Regeln hinwegsetzt, um seine Ziele durchzusetzen. Er entspricht am ehesten dem gängigen Bild des Wirtschaftskriminellen. Der egozentrierte Visionär verfolgt materielle Ziele, um sich einen luxuriösen Lebensstil leisten zu können.
  2. Der frustrierte Visionär ist intelligent und gebildet, aber scheitert immer wieder an seinen hohen Erwartungen an sich selbst. Er will etwas Besonderes schaffen; seine Ziele sind daher weniger egoistisch, sondern sozial und ideell motiviert. Er fühlt sich oft enttäuscht und zu wenig unterstützt, erfährt nicht die Anerkennung, die ihm seiner Meinung nach zusteht.
  3. Der narzisstische Visionär hat ein übersteigertes Selbstbild und sucht in seinem Umfeld nach Bestätigung. Dafür setzt er Geld und beruflichen Erfolg ein. Der narzisstische Visionär ist stark mit sich selbst beschäftigt; Kritik und Niederlagen verkraftet er nur schlecht.
  4. Für den Abhängigen sind soziale Beziehungen und die enge Bindung zu anderen Menschen existenziell. Er verkraftet das Alleinsein nur schwer. Dadurch quälen ihn Verlustängste. Das lässt ihn die Fremdbestimmung durch andere akzeptieren. Stellen Menschen materielle Forderungen an ihn, erfüllt er diese - auch wenn er dadurch sein eigenes Rechtsbewusstsein verletzt.
  5. Der Naive hat einen geringeren Bildungsgrad und eine einfachere Persönlichkeitsstruktur. Er orientiert sich stark an Zielen von außen, versucht, pflichtbewusst und gewissenhaft zu handeln. Der Naive ist schnell überfordert, wenn er komplexe Entscheidungen treffen soll, handelt unüberlegt und leichtgläubig. Ihm kann man kaum bewusst illegales Handeln vorwerfen.

Hinter dem Geld stecken tiefere Bedürfnisse

Wie sich bei den fünf Täterprofilen zeigt, ist Geld immer nur ein sogenanntes Quasibedürfnis, damit die Straftäter sich tiefere Wünsche erfüllen können. Dem egozentrierten Visionär erlaubt Geld ein luxuriöses, unabhängiges Leben. Dem frustrierten Visionär hilft Geld, sich selbst etwas zu beweisen und Anerkennung für seine Ziele zu bekommen. Der narzisstische Visionär sucht über Geld Selbstbestätigung. Der Abhängige möchte dazugehören und bindet über Materielles Menschen an sich. Der Naive will seine eigene Existenz und die seiner Familie sichern. Wirkliche Ursachen für wirtschaftskriminelle Handlungen sind also Misserfolge, Enttäuschungen, zu wenig Anerkennung oder Ablehnung.

Der Wirtschaftskriminalität vorbeugen

Bei diesen Ursachen muss die Prävention von Wirtschaftskriminalität ansetzen. Wichtig ist, dass Integrität als Unternehmenswert bereits in der Firmenstrategie verankert ist. Richtlinien sind dann wirkungsvoll, wenn sie handlungsleitend und glaubwürdig sind, auch von der Unternehmensspitze gelebt werden und bei Verstößen entsprechende Konsequenzen folgen. 

Solche Maßnahmen wirken allerdings nicht auf alle Täterprofile gleich stark: Naiven und Abhängigen geben Richtlinien eine erste Orientierung. Doch egozentrische und narzisstische Visionäre lassen sich davon weniger beeinflussen, da sie sich stärker an eigenen Zielen orientieren. Aufbauend auf der Unternehmensstrategie kann Integrität im Compliance-Management eines Unternehmens weiter präzisiert werden. Unternehmen, die klare Werte vorgeben, erhöhen zumindest die Hemmschwellen für Wirtschaftsstraftäter.

Eine wichtige Rolle spielen auch interne Kontrollen, über die die Mitarbeiter informiert werden. Sie haben eine deutliche Abschreckungswirkung und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Wirtschaftskriminalität frühzeitig aufgedeckt wird. Allerdings müssen diese Kontrollen genauso wie Sanktionen gleichmäßig und ohne Ausnahmen durchgeführt werden. Vor allem bei frustrierten Visionären kann ein Ausbau des Kontrollsystems aber dazu führen, dass er das Betriebsklima als von Misstrauen geprägt empfindet - das kann seine Kriminalitätsbereitschaft erhöhen. Um allen Täterprofilen gerecht zu werden, ist daher ein Präventions-Mix in Unternehmen am wirkungsvollsten, das ist ein wichtiges Ergebnis der Studie.

Im Gespräch mit Steffen Salvenmoser, Partner bei PwC im Bereich Forensic Services:

Wirtschaftskriminalität hat zugenommen. Worauf führen Sie das zurück?

Steffen Salvenmoser: Wir vermuten, dass die statistische Zunahme auf verbesserte Kontrollen zurückzuführen ist. Darauf deuten die Analysen hin. In Unternehmen, die verstärkt gegen Wirtschaftskriminalität vorgehen, wird die Zahl der entdeckten Fälle zunächst steigen, da sie einen größeren Teil des bisherigen Dunkelfelds aufdecken. Das wird auch als "Kontrollparadox" bezeichnet.

Wie können Unternehmen sich schützen?

Salvenmoser: Wichtig ist die Stärkung des Wertebewusstseins aller Mitarbeiter. Besonders effektiv sind Leitlinien, wenn sie nicht nur in Broschüren oder im Internet, sondern in Schulungen und Gesprächen mitgeteilt werden. In Gesprächen kann man auch Ideen der Mitarbeiter aufgreifen und Missverständnissen vorbeugen - das wirkt zum Beispiel bei frustrierten Visionären präventiv. Allerdings zeigt sich in der Praxis auch, dass solche Maßnahmen nicht allen Täterprofilen gerecht werden. Am effektivsten ist daher eine Mischung aus verschiedenen Maßnahmen: Kontrollen, Leitlinien, aber auch einem Wertemanagement im Unternehmen.

Wie wirkungsvoll sind Hinweisgebersysteme?

Salvenmoser: Darüber wird seit einiger Zeit in Deutschland diskutiert. Anfangs gab es Befürchtungen, die Hotlines könnten für Konflikte im Unternehmen sorgen. Doch das hat sich nicht bestätigt. Stattdessen erhöhen sie die Chancen, Verdachtsmomente frühzeitig zu erkennen. Entscheidend ist allerdings, dass die Firma Vertraulichkeit gewährleistet.

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