„Auf kurze Sicht könnte sich die Personalsituation sogar noch zuspitzen“

05 Juli, 2016

Von fehlenden Fahrzeugführern bis zu dringend gesuchten Bürokräften: Seit Jahren leiden Transport- und Logistikunternehmern unter einem eklatanten Arbeitskräfteengpass. Im Zuge von Automatisierung und Digitalisierung könnte sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt entspannen, zeigt eine Studie von PwC in Kooperation mit dem WifOR-Institut in Darmstadt. Bloß: Bis es soweit ist, wird es noch einige Jahre dauern, sagen der PwC-Branchenexperte Dietmar Prümm und Till Lohmann, PwC-Spezialist für Personalmanagement.

Im Gespräch mit Dietmar Prümm und Till Lohmann.

Die Studie von WiFOR und PwC kommt zu dem Ergebnis, dass aus dem aktuellen Engpass von rund 110.000 Beschäftigten bis 2030 ein Überschuss von 200.000 Arbeitskräften wird.  Können sich die Personalmanager in der Transport- und Logistikbranche entspannt zurücklegen?

Dietmar Prümm: Schön wäre es – doch diese Schlussfolgerung lässt unsere Studie definitiv nicht zu. Was stimmt: Automatisierung und Digitalisierung sorgen dafür, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt auf lange Sicht entspannen wird. Auf kurze Sicht ist davon aber noch nicht viel zu spüren. In den kommenden fünf bis zehn Jahren wird das Arbeitskräfteangebot in jedem Fall knapp bleiben.

Was heißt das konkret?   

Prümm: Gerade was das Angebot von Fachkräften angeht, steht zu befürchten, dass sich die Situation zunächst einmal weiter zuspitzt. So werden unseren Prognosen zufolge 2020 noch rund 10.000 Fahrzeugführer, etwa 9000 Bürokräfte im Finanz- und Rechnungswesen und gut 5000 ingenieurtechnische Experten fehlen. Bei vielen dieser anspruchsvollen Tätigkeit dürfte sich der Mangel erst in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre in einen Überschuss verkehren.

Was sind die Gründe dafür?

Till Lohmann: Die Transport- und Logistikbranche leidet, was das Personalmanagement betrifft, unter einer Reihe von strukturellen Problemen, die sich nicht von heute auf morgen lösen lassen. So gilt die Branche gerade bei gut ausgebildeten Kandidaten häufig als wenig attraktiv – auch wenn dieses Urteil nicht immer berechtigt ist. Hinzu kommt, dass die Branche es versäumt hat, einen Generationenwechsel vorzubereiten. Unter allen Branchen, die wir im Rahmen der Studie untersucht haben, ist die Logistik am stärksten von Überalterung betroffen.

Schlagwörter wie Automatisierung oder Digitalisierung klingen zunächst einmal abstrakt. Wie darf man sich die Auswirkungen dieser Trends auf den Arbeitsalltag in der Transport- und Logistikindustrie konkret vorstellen?

Prümm: Nehmen Sie zum Beispiel die Warenlager: Bereits heute gibt es Läger, die fast vollständig automatisierte sind. Auf Sicht werden sich solche Systeme flächendeckend durchsetzen. Hinzu kommt der zunehmende Einsatz von Robotern. Die Zahl der Aufgaben, die in den Warenlagern von Hand ausgeführt werden, dürfte darum merklich sinken. Menschen werden dann nur noch für einige sehr gezielte Arbeiten benötigt, etwa für die Wartung.

Auch von autonom fahrenden Lastwagen liest man in letzter Zeit immer wieder…

Prümm: Technisch wird der selbst fahrende Lkw in absehbarer Zeit Realität sein. Ob bereits 2030 sämtliche Transportfahrzeuge vollautonom unterwegs sein werden, bleibt jedoch abzuwarten. Schließlich hängt das nicht nur von der technischen Machbarkeit ab, sondern auch von regulatorischen und juristischen Fragestellungen ab – so zum Beispiel von der Haftungs- und Versicherungsfrage. Trotzdem könnte sich auch in diesem Bereich der Arbeitskräftemangel im Laufe des kommenden Jahrzehnts deutlich reduzieren. Schließlich gibt es ja auch teilautonome Lösungsansätze, so zum Beispiel das Platooning, bei dem mehrere, vernetzte Lkw von nur einem Fahrer gesteuert werden.

Die Studie von PwC und WiFOR beschränkt sich nicht auf quantitative Prognosen. Sie zeigt auch, dass sich die typischen Berufsbilder in der Transport- und Logistikbranche verändern wird.

Prümm: Das ist richtig. Das Anforderungsniveau wird deutlich steigen: Entwicklungen wie die Robotik, die engere Vernetzung im Zuge der Industrie 4.0 und der zunehmende Einsatz von Data Analytics erfordern von den Mitarbeitern ganz neue Kompetenzen. Entsprechend wird der Akademikeranteil in der Branche deutlich steigen – bis 2030 um mehr als die Hälfte, während umgekehrt der Anteil an Hilfsarbeitern deutlich sinken dürfte.

Welche Schlüsse müssen die Personaler daraus ziehen?

Lohmann: Während sich der Arbeitskräftemangel insgesamt reduziert, wird die Branche um bestimmte Mitarbeiter künftig sogar noch stärker kämpfen müssen, etwa um Ingenieure und Informatiker. Die Transport- und Logistikunternehmen müssen sich daher als attraktive Arbeitgeber positionieren, Entwicklungs- und Karrierepfade aufzeigen, ihr Recruiting verbessern. Und das vorhandene Fachpersonal muss im Umgang mit neuen Technologien geschult werden. Unternehmen, die es nicht schaffen, neben der Technologie auch ihre Mitarbeiter auf höhere Niveaus zu bringen, werden in Zukunft nur begrenzt wettbewerbsfähig sein.

 

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Dietmar Prümm
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Till R. Lohmann
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