„Die Globalisierung lässt sich nicht zurückdrehen“

26 Juli, 2018

Drei Fragen an Claus Brandt 

Die zunehmend protektionistische Handelspolitik der USA droht globale Wertschöpfungsketten und die mit ihnen verbundenen Handelsströme nachhaltig zu verändern. Die deutsche Schifffahrtsindustrie ist von diesen Entwicklungen unmittelbar betroffen. Wie die Branche die Situation wahrnimmt, wie gut sie auf mögliche Veränderungen vorbereitet ist und warum sich der Erhalt einer deutschen Handelsflotte lohnt, erklärt Claus Brandt, Leiter des maritimen Kompetenzzentrums von PwC in Deutschland.

Herr Brandt, zuerst haben die USA Strafzölle auf Stahl und Aluminium verhängt, dann auf Computerchips und andere Vorprodukte aus China und nun geraten auch die Automobilexporte aus Europa ins Visier. Trotzdem glauben die deutschen Reeder, dass sich der eingeschlagene Wachstumskurs fortsetzt. Unterschätzen die Unternehmen die Gefahren, die eine Ausweitung des Handelskonflikts mit sich bringen würde? 

Ich glaube, dass sich viele der befragten Entscheider nicht haben vorstellen können, wie schnell der Handelskonflikt mit den USA eskaliert. Würden wir die Befragung heute wiederholen, wären die kurzfristigen Wachstumserwartungen sicherlich etwas weniger optimistisch. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Grundannahme der Reeder richtig ist: Mittelfristig werden die wechselseitigen Strafzölle wieder verschwinden und das Handelsvolumen wieder steigen. Denn Protektionismus schadet auch denjenigen, die eigentlich geschützt werden sollen. Die Globalisierung lässt sich nicht zurückdrehen.

Aber viele Unternehmen werden sich auf eine Durststrecke einstellen müssen, oder?

Viele Reeder mussten in den vergangenen Jahren einen harten Konsolidierungskurs fahren. Es wäre bitter, wenn die gerade begonnene Wachstumsphase durch den aktuellen Handelskonflikt schon wieder beendet würde. Auf der anderen Seite glaube ich, dass die Unternehmen dank der Modernisierung von Flotten und Prozessen gut auf die Herausforderungen vorbereitet sind. Auch wenn viele Reedereien derzeit das Potenzial der Digitalisierung noch nicht ausschöpfen.

Sie haben in der Studie auch Einschätzungen zur Zukunft der deutschen Handelsflotte abgefragt. Ist der Unterhalt einer eigenen Flotte vor dem Hintergrund zurückliegender Krisen und der vielfältigen Unwägbarkeiten überhaupt noch sinnvoll? 

Oberflächlich betrachtet könnte man zu dem Schluss kommen, dass Deutschland keine eigene Handelsflotte braucht. Die Versorgungssicherheit ließe sich auch mit ausländischen Schiffen gewährleisten – das sehen auch die deutschen Reeder so. Aber langfristig würde mit einem Verzicht auf die eigene Handelsflotte auch das damit verbundene Know-how verloren gehen, beispielsweise für den Schiffbau oder auch das Management globaler Lieferketten. Häfen und Wasserstraßen könnten nicht mehr durch deutsche bzw. europäische Lotsen bedient werden. In der Konsequenz könnte die Exportnation Deutschland das Wissen darüber verlieren, wie sich Exporte effizient organisieren lassen. Und das wäre sicherlich keine sinnvolle Entwicklung.

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Dr. André Wortmann

Dr. André Wortmann

Koordinator Transport und Logistik, PwC Deals, PwC Germany

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