Ein Interview mit Erik Hummitzsch, Deal-Advisory Leader bei PwC Deutschland: Der PwC-Deals-Experte erklärt, warum wir derzeit einen K-förmigen Markt erleben, warum Unternehmen planen sollten, als wäre eine Marktblase bereits Realität – und warum Abwarten im aktuellen Marktumfeld das größte Risiko ist.
Erik Hummitzsch ist Mitglied der Geschäftsführung, Leiter Deal-Advisory und Co-Leiter Consulting Solutions bei PwC Deutschland. Er begann seine Karriere vor mehr als 25 Jahren bei PwC in London und wechselte später nach Deutschland. Seitdem hat er auf über 350 Deals-Projekten Private-Equity- und Corporate-Kunden beraten.
Die Analyse Global M&A Industry Trends 2026 stellt heraus, dass sich die Entwicklung des vergangenen Jahres praktisch nahtlos fortgesetzt hat. Korrekt?
Erik Hummitzsch: Ja und nein. In der Tat haben wir auch 2025, wie im Vorjahr, deutlich mehr Megadeals – Deals mit mehr als fünf Milliarden US-Dollar Volumen – gesehen. Sie waren der Haupttreiber dafür, dass der globale Gesamtdealwert trotz praktisch konstantem Volumen um deutliche 36 Prozent gestiegen ist. Es gibt aber wichtige Unterschiede.
Welche?
Hummitzsch: Der Markt hat sich 2024 nach einem sehr schwachen Jahr 2023 wieder erholt. 2025 hat sich das extrem zugespitzt – wir beobachten einen sogenannten K-förmigen Markt.
Was ist damit gemeint?
Hummitzsch: Kurz gesagt: Große Käufer mit viel Kapital und technologiegetriebene Unternehmen setzen sich vom Rest des Markts ab. Kleinere und mittlere Unternehmen sind eher oder sogar sehr zurückhaltend.
Weil KI nach wie vor im Fokus ist und enorme Investitionen erfordert?
Hummitzsch: Ganz genau! Die Top-Unternehmen und -Investoren analysieren sehr genau, inwiefern KI Industrien, Sektoren und geografische Schwerpunkte verändert – und zwar mittel- und langfristig. Sie wissen, wie KI ihr Wettbewerbsumfeld prägt. Und sie erkennen, wie Akquisitionen ihnen helfen, Vorteile zu sichern und ihre Position zu stärken.
Mehr denn je kommt es darauf an, das verfügbare Kapital strategisch optimal einzusetzen – übrigens zunehmend auch für kapitalintensive KI-Infrastruktur, etwa Rechenzentren, aber auch Chips und andere Assets.
Das ist eine echte Verschiebung, wenn sich Tech-Giganten mit M&A den Zugang zu Energiekapazitäten für ihre Rechenzentren sichern. Solche Deals haben wir so vor fünf Jahren noch nicht gesehen. Kurzfristig kann KI die M&A-Aktivitäten aber auch bremsen.
Warum?
Hummitzsch: Die massiven Investitionen binden Kapital, das im M&A-Markt fehlt. Aber mittelfristig rechne ich mit einer regelrechten Investitionswelle, die Deals gleichsam erzwingt.
Inwiefern verändert die Technologie das M&A-Geschäft selbst?
Hummitzsch: KI beschleunigt Prozesse und Deal-Timelines, macht die Due Diligence präziser und bestimmt auch die Post-Merger-Integration.
Investitionsentscheidungen werden damit deutlich datengetriebener als noch vor wenigen Jahren.
Und damit auch besser?
Hummitzsch: Ja, wenn man die Technologie richtig einsetzt. Sie definiert den gesamten Transaktionsprozess neu und erlaubt es, die wichtigsten Werthebel zu identifizieren und umzusetzen. Käufer sollten auch potenzielle Übernahmeziele darauf hin analysieren, wie KI deren Geschäft in den kommenden drei bis fünf Jahren verändern wird und mit welchen Strategien sie darauf reagieren.
Wie können sich Dealmaker, Private-Equity-Unternehmen und andere Player darauf einstellen, dass der KI-Boom möglicherweise nicht von Dauer ist? Immerhin ist das ein mögliches Szenario. Ist Abwarten vielleicht doch die bessere Strategie?
Hummitzsch: Nein, das ist es ganz sicher nicht. Das Risiko, Chancen und wichtige Weichenstellungen zu verpassen, ist einfach zu groß. Sie sollten stattdessen so planen, als wäre eine Marktblase schon Realität. Sie brauchen also eine präzise, differenzierte Szenarioplanung, auch für den Worst Case. Dazu braucht es Liquidität und flexible Finanzierungsoptionen, aber auch spezifisch formulierte MAC-Klauseln, die zum Beispiel auch bei gezielten regulatorischen Eingriffen greifen.
Rund 40 Prozent der globalen CEOs planen, innerhalb der kommenden drei Jahre eine größere Akquisition durchzuführen. Im Nahen Osten sind es 80 Prozent, in Deutschland hingegen nur etwa 20 Prozent. Wie erklären Sie sich diese große Diskrepanz?
Hummitzsch: Eine große Rolle spielt sicherlich die notwendige wirtschaftliche Transformation von Staaten wie Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten – weg vom Öl, hin zu anderen Industrien wie Technologie, Erneuerbare Energien und Pharma. Hinter den Deals stehen oft Staatsfonds mit enormem Kapital. In Deutschland wirken bürokratische Hürden hinderlich. Die Energieversorgung ist eher ein Unsicherheitsfaktor, und bei vielen kleineren und mittleren Unternehmen steht die Restrukturierung im Vordergrund, weniger die Expansion. Es sind praktisch zwei Modelle:
Im Nahen Osten gestalten die Player die Zukunft, während man in Deutschland eher geneigt ist, die Gegenwart zu verwalten – mit dem Risiko, an der globalen Dynamik nicht zu partizipieren.
Auch beim Thema KI hinken deutsche Unternehmen bisher hinterher…
Hummitzsch: Ja, und zwar deutlich! Der aktuelle Global CEO Survey 2026 von PwC hat ermittelt, dass der Großteil der deutschen Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten mit KI weder höhere Umsätze noch geringere Kosten realisiert hat. Nur elf Prozent berichteten von höheren Umsätzen, und erst 16 Prozent von geringeren Kosten – gegenüber 29 beziehungsweise 26 Prozent auf globaler Ebene. Doch es gibt auch positive Zeichen.
An welche denken Sie?
Hummitzsch: Deutschland ist für ausländische Investoren nach wie vor ein attraktiver Standort. Das hat der jüngste Private Equity Trend Report klar gezeigt. Vor allem europäische Investoren zeigten eine hohe Aktivität, insbesondere im Bereich der industriellen Fertigung, der sogar knapp vor dem Technologiesektor lag. Auch hier spielen geopolitische Rahmenbedingungen eine Rolle. Besonders auffällig: So wollen mehr als 40 Prozent der CEOs aus der industriellen Fertigung in Europa und Nordamerika ihr Geschäft im Bereich Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung ausbauen.
Sie sprechen die geopolitischen Verhältnisse an. Inwiefern beeinflussen diese den globalen M&A-Markt?
Hummitzsch: Sie verhindern M&A-Transaktionen nicht, sondern teilen den Markt in eher sichere und eher unsichere Regionen. Das erklärt auch die Dominanz der US-Investoren, auf die 60 Prozent des gesamten Dealwerts entfallen.
In Teilen Europas und Asiens sind Deals stärker risikobehaftet. Das senkt das Dealvolumen in diesen Regionen.
Gibt es weitere Auswirkungen?
Hummitzsch: Deals dienen auch dazu, Lieferketten zu stärken und Zugang zu kritischen Ressourcen zu sichern. Die geopolitischen Unsicherheiten erklären natürlich auch den eingangs angesprochenen Anstieg an Megadeals – das Kalkül der kapitalstarken Player ist einfach, dass ihre Größe sie am besten vor geopolitischen Schocks schützen kann. Und wir sehen ein gewisses „Friend-Shoring“ – also eine Konzentration von Deals in Regionen mit geteilten politischen Werten.
Erik Hummitzsch
Mitglied der Geschäftsführung, Leiter Deal-Advisory und Co-Leiter Consulting Solutions, PwC Germany