Innovationsschub im Gesundheitswesen: Wie Startups die Coronakrise bewältigen

09 Juli, 2020

Ein Interview mit Dr. Thomas Solbach, Partner bei Strategy&, und Michael Burkhart, Partner bei PwC und Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft. In ungewissen Zeiten greifen Verbraucher häufiger zu etablierten Angeboten. Für Startups sind Wirtschaftskrisen deshalb eine besondere Herausforderung. Doch im Gesundheitsbereich ist das aktuell anders: Der Corona-Lockdown zwingt das Gesundheitswesen dazu, neue, häufig digitale Wege zu gehen.

So bekommen gerade Startups, die in diesem Bereich maßgeschneiderte Lösungen anbieten, ungeahnt Rückenwind. Dr. Thomas Solbach und Michael Burkhart wundert das nicht. Die beiden Experten haben Angebot und Nachfrage im Bereich der digitalen Gesundheitsversorgung genauer unter die Lupe genommen und erklären, wie Startups auch langfristig von diesem Schwung profitieren.

Wie geht es Startups in der Gesundheitsbranche gerade?

Thomas Solbach: Es geht ihnen augenscheinlich gut. Das sagen jedenfalls die meisten der 27 Startups, die wir für unsere „Digital Healthcare“-Studie befragt haben. 82 Prozent sehen die Corona-Krise als Chance für ihr Geschäftsmodell, 72 Prozent rechnen in diesem Jahr mit mehr Investitionen und 80 Prozent berichten von einer verstärkten Nachfrage ihrer Kunden nach Produkten und Dienstleistungen sowie einer wachsenden Zahl von Neukunden.

In Zeiten, in denen Ärzte und Patienten persönliche Interaktionen wegen der Infektionsgefahr meiden, sind digitale Lösungen gefragter als je zuvor.

Michael Burkhart: Gerade Startups mit digitalen Innovationen hatten es im Gesundheitsbereich hierzulande bisher nicht leicht. Sie sind wegen der strengen regulatorischen Rahmenbedingungen und datenschutzrechtlichen Bedenken oftmals vor hohe Hürden gestellt. Das hat natürlich eine gewisse Berechtigung: Schließlich haben wir es im Gesundheitswesen mit hochsensiblen, persönlichen Daten zu tun. Doch während des Lockdowns mussten Ärzte und Patienten notgedrungen auf Video-Sprechstunden ausweichen und haben gelernt, solche Möglichkeiten zu nutzen und diese fest in den Arbeitsalltag zu integrieren. Ich gehe davon aus, dass sie das auch in Zukunft tun werden, wenn es zum Beispiel um die Versorgung im ländlichen Raum geht.

Sie haben für die Studie nur deutsche Unternehmen befragt. Warum?

Solbach: Im Bereich digitaler Gesundheitsangebote bildet Deutschland derzeit einen der am deutlichsten wachsenden Märkte weltweit. Dazu trägt maßgeblich das Digitale-Versorgung-Gesetz, kurz DVG, bei, das im Dezember 2019 in Kraft getreten ist. Es liefert die rechtliche Grundlage, um digitale Lösungen in die Praxis umzusetzen. Ärzte können jetzt Gesundheits-Apps per Rezept verordnen und Online-Sprechstunden anbieten. Auch die elektronische Gesundheitsakte wird endlich verbindlich eingeführt. Das alles sind gute Voraussetzungen für Digital-Health-Startups, um sich auf dem Markt zu etablieren.

Wie ist es denn um die Akzeptanz auf Seiten der Patienten bestellt?

Burkhart: Die Deutschen stehen den Neuerungen nicht euphorisch, aber überwiegend positiv gegenüber. Das macht unser Healthcare-Barometer 2020 deutlich.

Drei Viertel der Befragten würden es begrüßen, wenn Rezepte gleich elektronisch an die Apotheke übermittelt würden. Video-Sprechstunden fanden 54 Prozent gut, 46 Prozent zeigten sich eher verhalten.

Bei Notfall-Apps halten sich Befürworter und Skeptiker die Waage. Doch diese Meinungen wurden Ende 2019 eingeholt. Ich könnte mir denken, dass die Offenheit gegenüber digitalen Angeboten nach den Erfahrungen der vergangenen Monate deutlich zugenommen hat. An manchen Stellen können Anbieter heute wahrscheinlich offene Türen einrennen.

Wie können Startups den Schwung aus der Krise für ihre weitere Entwicklung nutzen?

Solbach: Da empfehle ich unsere Studie (lacht). Sie beinhaltet konkrete Anregungen für verschiedene Handlungsfelder. Neben Strategien für die Bewältigung der Krise geht es beispielsweise darum, wie Startups neugewonnene Kunden an sich binden und die Weichen für das weitere Wachstum stellen.

Firmengründer sollten ihrem Instinkt vertrauen und überlegen, von wem sie sich finanzieren lassen möchten. Bei solchen Anfragen können sie nur gewinnen: Eine Absage eröffnet immerhin die Chance auf ein fundiertes Feedback.

Burkhart: Besonders hilfreich finde ich den Hinweis, relevante Daten beim derzeit verstärkten Einsatz einer Software zu protokollieren, um Entscheidern und Leistungserbringern im Gesundheitswesen die positiven Effekte digitaler Lösungen demonstrieren zu können. So können sich Produkte, die in der Krise nur eine Notfall-Lösung waren, zum Standardangebot weiterentwickeln.

Thomas Solbach

Dr. Thomas Solbach ist Partner bei Strategy& Deutschland und leitet die EMEA Pharma Life Sciences Commercial Practice. Vom Frankfurter Büro aus berät er Kunden aus den Bereichen Biopharma, Diagnostik und Digital Health vor allem bei der Entwicklung von Strategien, Fähigkeiten und innovativen Geschäftsmodellen, mit einem besonderen Fokus auf Präzisionsmedizin.

Michael Burkhart

Michael Burkhart ist Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland sowie Standortleiter Frankfurt. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung bei PwC. Seine Branchenexpertise umfasst das gesamte Gesundheitswesen – von Krankenhäusern über gesetzliche Krankenkassen, Pflegeheime, Diagnostikunternehmen, Medizinprodukte und Organisationen des öffentlichen Sektors.

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