Der Onlinehandel verschlechtert die Working-Capital-Situation der Handelsunternehmen

17 Mai, 2017

Effektives Management von Working Capital eröffnet Händlern Spielräume für Investitionen in die Zukunft. Dass die Unternehmen über derzeit ungenutztes Potenzial verfügen, zeigt die PwC-Studie „Cash for Growth – Working Capital in the Retail Sector“.

So bezahlen große Einzelhändler in der DACH-Region ihre Lieferanten im Schnitt inzwischen zwölf Tage früher als noch vor fünf Jahren – der Zeitraum bis zum Geldeingang von den Endkunden verlängerte sich indes. Warum das so ist und wie die Branche gegensteuern kann, erklären die Working-Capital-Experten Simon Boehme und Stephan Dellermann.

Die großen deutschen Lebensmittelhändler waren einmal bekannt dafür, dass sie ihre Waren sehr viel schneller verkaufen als bezahlen – und darum praktisch immer liquide sind. Indes kommt die PwC-Studie „Cash for Growth“ nun zum Ergebnis, dass sich die Working-Capital-Situation der 40 größten Handelsunternehmen in der DACH-Region über die vergangenen Jahre massiv verschlechtert hat. Was sind die Ursachen?

Simon Boehme: Zunächst muss man fairerweise sagen, dass die großen Lebensmittelhändler noch immer ein negatives Working Capital erreichen. Das ändert aber nichts an unserem generellen Befund. So liegt die Kapitalbindungsdauer bei den großen Handelsunternehmen in der DACH-Region inzwischen bei durchschnittlich 57 Tagen. Bei Sportartikeln und Luxusgütern beträgt die Kapitalbindung mittlerweile sogar 86 Tage.

Ist dies auf einen verzögerten Geldeingang bei den Händlern zurückzuführen oder bezahlen diese ihre Lieferanten mittlerweile früher?

Boehme: Vor allem Letzteres. Im Schnitt bezahlen die Handelsunternehmen ihre Lieferanten inzwischen 11,8 Tage früher. Das Problem wird allerdings noch dadurch verschärft, dass die Händler ihrerseits im Schnitt 0,5 Tage länger auf das Geld der Endkunden warten. Die einzige der drei Working-Capital-Kennziffern, die sich verbessert hat, ist die Lagerhaltung. Sie ist um 2,7 Tage zurückgegangen.

Woran liegt das?

Stephan Dellermann: Ein wesentlicher Grund für die Verschlechterung ist die 2013 eingeführte EU-Direktive zum Thema Zahlungsverzug. Sie macht den Einzelhändlern sehr viel striktere Vorgaben, was die Zahlungsverpflichtungen gegenüber Lieferanten betrifft. Daneben spielt aber auch der Aufstieg des Onlinehandels eine Rolle. Dort sind die Lieferketten deutlich komplexer als im stationären Handel.

„Zudem müssen Händler im Internet inzwischen fünf, sechs verschiedene Zahlungsmethoden anbieten – auch das erschwert die Prozesse. Und ganz banal: Trotz der vielen neuen Payment-Optionen ist der „Kauf auf Rechnung“ im Internet sehr beliebt. Dadurch dauert es automatisch länger, bis das Geld auf dem Konto ist.”

Stephan Dellermann, Working-Capital-Experte

Boehme: In diesem Zusammenhang sollte man auch die veränderte Anspruchshaltung vieler Konsumenten erwähnen. Der digitale Kunde will seine Produkte so schnell wie möglich geliefert bekommen, lässt sich mit der Bezahlung aber gern mal Zeit. Und die Rückgabefristen werden immer länger – manchmal bis zu 100 Tage.

Angesichts der allgemein niedrigen Zinsen könnte man auf die Idee kommen, dass der gestiegene Liquiditätsbedarf trotzdem kein allzu großes Problem darstellt.

Boehme: Das ist ein Trugschluss. Unsere Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die großen Handelsunternehmen in der DACH-Region ihre Working-Capital-Performance um bis zu 4,9 Milliarden Euro verbessern könnten. Es geht also um enorme Summen …

Dellermann: … zumal sich in kaum einem anderen operativen Bereich mit vergleichsweise geringem Aufwand derart deutliche Ergebnisse erzielen lassen. In unsere Studie findet sich dazu ein interessantes Fallbeispiel. So ist es uns bei einem bekannten Online-Modehändler aus dem deutschsprachigen Raum gelungen, in einem zwölfwöchigen Projekt die Transparenz und das Verständnis der einzelnen Mitarbeiter für das Thema Working-Capital-Management und dessen Auswirkung signifikant zu verbessern. Die Verbesserungen in den Working-Capital-Positionen stehen dem Unternehmen nun für Zukunftsinvestitionen zur Verfügung.

Welche Möglichkeiten haben Händler, um ihr Working Capital zu optimieren?

Dellermann: Manche Handelsunternehmen nehmen die stetige Verschlechterung der Cash-Position über die vergangenen Jahre gewissermaßen als gegeben hin bzw. sie scheitern bei einer akkuraten Working-Capital-Planung. Dabei gibt es zahlreiche Stellschrauben, an denen sich drehen lässt. So verbessert sich zum Beispiel durch eine stringentere Vertragsgestaltung die Cash-Position im Einkauf trotz der Payment-Richtlinie. Auf der Forderungsseite wiederum lässt sich unter anderem durch Factoring, straffere Zahlungsziele bzw. -methoden oder eine bessere Risikopolitik eine Menge erreichen. Und auch in der Lagerhaltung liegt – trotz der bereits erzielten Fortschritte – noch viel Potenzial, insbesondere im Retourenprozess des Onlinehandels. 

Boehme: Es geht jedoch nicht nur um Einzelmaßnahmen. Darüber hinaus helfen wir unseren Kunden, in ihrem Unternehmen das Bewusstsein zu verankern, dass Working Capital nicht nur extrem wichtig ist, sondern dass sich entsprechende Fortschritte auch eindeutig messen lassen. So abgenutzt es klingt: Cash ist King. Diese Erkenntnis muss sich wieder durchsetzen.

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Rob Kortman

Partner, Working Capital Management & Solutions Leader, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-6775

Stephan Dellermann

Senior Manager, Working Capital Management & Solutions, PwC Germany

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