„Viele öffentliche Krankenhäuser machen den zweiten Schritt vor dem ersten“

12 Juni, 2017

In einer PwC-Benchmark-Analyse zum deutschen Klinikmarkt schneiden die öffentlichen Häuser nicht nur schlechter als die privaten ab – sondern hängen auch hinter den kirchlichen Einrichtungen deutlich hinterher. Warum das so ist, erklären Michael Burkhart, Partner und Leiter des Bereichs Gesundheitswesen & Pharma, und Corinna Friedl, Direktorin und Expertin für den Bereich Krankenhäuser bei PwC.

Sie haben eine Kennzahlenanalyse zur deutschen Krankenhaus-Landschaft veröffentlicht. Was genau hat es damit auf sich?

Corinna Friedl: Auf Basis unserer breit gefächerten Mandatsstruktur im deutschen Gesundheitssektor verwenden wir schon seit Jahren ein internes Benchmark-Tool, mit dem sich die wirtschaftlichen Potenziale einzelner Krankenhäuser analysieren lassen. Die dabei gewonnenen Kennzahlen haben wir nun – in anonymisierter und aggregierter Form – zu einer Benchmark-Studie verarbeitet. Dadurch ist es erstmals möglich, die Stärken und Schwächen der Krankenhäuser in unterschiedlicher Trägerschaft auf fundierter Grundlage darzustellen.

Was sind die wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung?

Friedl: Unsere Analyse zeigt, dass viele öffentliche Krankenhäuser trotz bereits eingeleiteter Reformen immer noch ihre Prozesse nicht ausreichend optimiert haben. So liegen die Ausgaben für Personal und Material bei durchschnittlich 95 Prozent des Umsatzes. Bei den privaten Häusern beträgt diese Quote nur 88 Prozent.

Dass die privaten Kliniken effizienter wirtschaften als die öffentlichen, überrascht für sich genommen noch nicht

Friedl: Das mag so sein. Allerdings schneiden in unserer Kennzahlenanalyse auch die kirchlichen Einrichtungen mit einer Kostenquote von 89 Prozent deutlich besser ab als die öffentlichen. Und: Bei den meisten anderen wirtschaftlichen Kenngrößen zeigt sich ebenfalls, dass die öffentlichen Kliniken nicht nur hinter den privaten, sondern auch hinter den kirchlichen hinterherhängen. Ein Beispiel: Die privaten Häuser erwirtschafteten 2015 eine Eigenkapitalrendite von 14,6 Prozent, die kirchlichen kamen immerhin auf 6,4 Prozent. Dagegen war die Rendite der öffentlichen Häuser mit minus 0,9 Prozent negativ.

Was sind die Folgen dieser Entwicklung?

Michael Burkhart: Da die staatliche Investitionsfinanzierung schon lange nicht mehr den tatsächlichen Investitionsbedarf deckt, müssen die Krankenhäuser einen großen Anteil der notwendigen Investitionen selbst finanzieren. Dazu reichen die eigenen Mittel bei weitem nicht aus und die Abhängigkeit von außenstehenden Geldgebern ist groß. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass die öffentlichen Krankenhäuser rund 43 Prozent ihres Geschäfts mit Fremdkapital (Bank- oder Gesellschafterdarlehen) finanzierten. Zum Vergleich: Die privaten Kliniken kamen mit 32,6 Prozent, die kirchlichen mit 31,2 Prozent aus.

Umso wichtiger müsste eigentlich das Liquiditätsmanagement sein...

Burkhart: Eigentlich ja. Doch trotz der großen Abhängigkeit von finanziellen Mitteln steht das Cash-Management bei den anstehenden Managementaufgaben nicht an der Spitze der Prioritätenliste. Kennzahlen, die über diesen Missstand Auskunft geben, werden kaum analysiert oder seitens der Geschäftsführung nicht strategisch angegangen.

Woran machen Sie das fest?

Burkhart: Unter anderem an den „Days Sales Outstanding“ (DSO) – also an jener Kennziffer, die beschreibt, wie lange die Krankenhausverwaltungen benötigen, um ihre Forderungen gegenüber den Krankenkassen zu Geld zu machen. Während bei deutschen Unternehmen der durchschnittliche Wert aktuell bei ca. 33 Tagen liegt, fällt die DSO im Krankenhausbereich mit ca. 48 Tagen deutlich höher aus. Bei öffentlichen Krankenhäusern liegt diese Kennzahl sogar bei knapp 60 Tagen. Auf den ersten Blick mag das undramatisch aussehen. Tatsächlich verbirgt sich hinter dieser Kennzahl allerdings eine wesentliche Erklärung, warum viele öffentliche Krankenhäuser immer wieder in Liquiditätsschwierigkeiten geraten und auf Darlehen von Banken oder vom Gesellschafter angewiesen sind.

Was müssten die öffentlichen Träger unternehmen, um die Performance ihrer Krankenhäuser zu verbessern?

Burkhart: Unser Eindruck ist, dass häufig der zweite Schritt vor dem ersten gemacht wird. Überall wird gebaut oder renoviert und vielerorts schließen sich kommunale Träger zu größeren Verbünden zusammen. Dabei ist es zwar grundsätzlich sinnvoll, über größere Einheiten nachzudenken. Allerdings wird zu wenig Augenmerk darauf gelegt, die internen Abläufe in der Verwaltung zu optimieren und ein Kennzahlensystem in der Verwaltung zu implementieren, das eine Optimierung der Liquidität ins Auge fasst und eine tagesgenaue Situation der Liquidität der Geschäftsführung verlässlich meldet.

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Michael Burkhart
Leiter Gesundheitswesen & Pharma
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Corinna Friedl
Director
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