Interview: Aufbruch auf der letzten Meile – Neue Wege für die städtische Logistik

24 Oktober, 2017

In einer neuen Studie analysiert PwC die Treiber, Herausforderungen und Zukunftskonzepte für die städtische Logistik von morgen. Im Gespräch: Dietmar Prümm, Leiter Transport & Logistik und Alfred Höhn, Leiter Öffentlicher Sektor bei PwC.

Was sind Anlass und Inhalt der Studie?

Dietmar Prümm: Die Städtische Logistik von heute steht vor einer Vielzahl von Herausforderungen und Problemen, einige sind seit Jahren ungelöst. Mit unserer Studie wollen wir darauf aufmerksam machen und neue Lösungsansätze präsentieren, denn es besteht dringender Handlungsbedarf. Wir wollen Städte und Logistikdienstleister ermutigen, gemeinsam an neuen City-Logistik-Projekten zu arbeiten, um in ihrem eigenen Interesse die Verkehrssituation und Logistikdienstleistungen zu optimieren.

Alfred Höhn: Der wichtigste Einflussfaktor für Logistikdienstleister und Städte ist das Einkaufsverhalten der Endverbraucher. Wir haben daher durch eine Konsumentenbefragung deren Perspektive eingenommen und sie nach ihrem Einkaufsverhalten, ihren Präferenzen bei der Paketbelieferung und ihrer Akzeptanz verschiedener Distributionskonzepte für die letzte Meile befragt. So stellen wir sicher, dass unsere Lösungsansätze nicht nur die Bedarfe der Städte und Logistiker, sondern vor allem auch der Bürger ansprechen.

Was ist die größte Problematik im städtischen Lieferverkehr?

Dietmar Prümm: Das starke Wachstum des Onlinehandels ist Hauptreiber des Wandels. Durch ihn wird nicht mehr nur der innerstädtische Einzelhandel, sondern auch jeder einzelne Haushalt zum potenziellen Warenempfänger. Vor allem wegen der unzähligen, kleinteiligen Paketlieferungen an Privathaushalte sind die Städte mit einer zunehmenden infrastrukturellen Belastung konfrontiert. Resultat sind immer mehr Staus, unpünktliche Lieferungen, Lärm und Schadstoffe, was wiederum den Bürgeransprüchen und umweltpolitischen Zielen widerspricht. Gleichzeitig agieren viele neue Logistikplayer im Markt und legen ihre Belieferungsnetze zusätzlich über die städtische Infrastruktur. Es mangelt an Lagerflächen, sowie Be- und Entlademöglichkeiten; strikte Zufahrtsregelungen und enge Zeitfenster für Fußgängerzonen lassen Logistikern kaum Raum und Zeit zum Warenaustausch und machen die Stadt als Standort weniger attraktiv für große Händler. Kurzum: Die städtische Logistik ist diesen Herausforderungen aktuell oft nicht gewachsen und deshalb ineffizient.

Was bedeutet das für den Bürger? Wie zufrieden ist der deutsche Konsument mit der Paketbelieferung?

Dietmar Prümm: Ein Drittel der Befragten ist mit der Zustellung unzufrieden, es besteht Optimierungsbedarf besonders im Bereich der pünktlichen Zustellung. Tracking- und Tracing-Applikationen für die Sendungsverfolgung und Elektromobilität als umweltfreundliche und geräuscharme Alternative zur konventionellen Belieferung stehen bei den Konsumenten hoch im Kurs. 61 Prozent der Befragten gaben an, bei der Wahl des Onlinehändlers auf die Auslieferung durch E-Autos oder Lastenfahrräder zu achten. Der Trend zur grünen Lieferung ist ihnen sogar wichtiger als eine besonders schnelle Lieferung.

 

Urban Logistics

 

Womit haben Paketdienstleister am meisten zu kämpfen?

Dietmar Prümm: Große Onlinehändler werden vom Kunden zum Konkurrenten und auch Start-Ups heizen den Wettbewerb an. Aber auch der Verbraucher ist eine große Herausforderung. Er legt Wert auf pünktliche, umweltfreundliche Lieferungen an die Privatadresse, möglichst in selbst bestimmten Zeitfenstern. Gleichzeitig wollen 91 Prozent der Befragten die Paketzustellung zum Nulltarif. Mit diesen Konsumentenanforderungen steigen die Logistikkosten, gleichzeitig fehlt aber die Wertschätzung für die Dienstleistung. Dieser Kostendruck zwingt die Logistiker zur Entwicklung technischer Innovationen und zum Einsatz von Automatisierung. Aber die Bürger bleiben skeptisch. Drohnen, automatische Packstationen und die Kofferraumbelieferung bieten zwar große Flexibilität, aber Verbraucher bevorzugen die weniger flexible, persönliche Lieferung nach Hause.

Wo hakt es bei der Umsetzung durch die Städte?

Alfred Höhn: Es gelingt nicht immer, alle Beteiligten, insbesondere verschiedene Logistikdienstleister, Händler und die Stadtverwaltungen zusammen zu bringen, um an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten. Zwar hatten alle 25 deutschen Großstädte ein City-Logistik-Projekt, aber heute werden nur noch 12 aktiv verfolgt mangels Rentabilität oder Vertrauen. Viele Projekte beschränken sich bis auf wenige Ausnahmen auf Einzellösungen oder sind noch in der Testphase und somit keine Volumenlösungen. Die Entscheidungsträger in den Stadtverwaltungen haben zwar nur einen begrenzten Handlungsspielraum, aber sie können Verbesserungsprozesse vorantreiben und moderieren. Zum Beispiel durch Incentivierung; so können sich 77 Prozent der befragten Bürger Anreize für den Einsatz von Elektrofahrzeugen im Lieferverkehr vorstellen. Denkbar ist zudem die Ausweitung von zeitlichen Zufahrtsbeschränkungen für die Einzelhandelsbelieferung durch Elektrofahrzeuge zu Abendstunden. Auch der Datenschutz ist ein schwieriges, aber nicht unlösbares Thema, wenn man über digitale Lösungen nachdenkt. Der Einsatz von gemeinsamen Datenplattformen ermöglicht eine bessere Nutzung von Verkehrsdaten für die Verkehrsplanung und -steuerung; Apps erleichtern die direkte Kommunikation und Informationsvermittlung zwischen den Beteiligten.

 

77 Prozent der Konsumenten können sich Anreize für Elektrofahrzeuge vorstellen

 

Was ist jetzt zu tun? Was passiert, wenn nichts getan wird?

Dietmar Prümm: Erfolgsentscheidend sind innovative und individuelle City-Logistik-Projekte, in denen Kooperationen vorangetrieben und verschiedene Ansätze vereint werden. In der Studie machen wir dazu konkrete Lösungsvorschläge So hat unserer Befragung ergeben, dass die Konsumenten, zwar bei der Paketzustellung recht konservativ bleiben, aber durchaus offen für innovative Maßnahmen zur Optimierung der Verkehrssituation sind. 75 Prozent der Befragten stehen der Nachtbelieferung des Einzelhandels offen gegenüber. 68 Prozent können sich die Öffnung von Parkplätzen in frühen Morgenstunden oder späten Abendstunden als Be- und Entladezonen für Logistiker vorstellen. Diese Offenheit bedeutet für die Städte einen unerwarteten Rückhalt in der Bevölkerung zu mutigen, neuen Konzepten. Wenn sie aber passiv bleiben, werden sie bald unter zunehmend schwierigen Verkehrsverhältnissen leiden; und mit ihnen die Logistiker und die Bürger. Es ist höchste Zeit für einen Aufbruch – gemeinsam  für eine effiziente und zukunftsfähige städtische Logistik.

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Dietmar Prümm

Leiter des Bereichs Transport und Logistik, PwC Germany

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Prof. Dr. Rainer Bernnat

Partner, Leiter Öffentlicher Sektor, PwC Strategy&, PwC Germany

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