Die Zukunft der deutschen Elektrofahrzeuge beginnt am 1. Januar 2019

22 August, 2018

Steuerliche Begünstigungen ab 2019

Am 2. August beschloss das Bundeskabinett, ab Jahresbeginn Dienstwagen mit Elektro- und Hybridantrieben steuerlich zu begünstigen. Mit dem Beschluss, den der Bundesrat noch bestätigen muss, wird eine stark zunehmende Nachfrage von E-Autos und Batterien erwartet.

Durch die regulatorischen Maßnahmen geraten Automobilhersteller unter Druck, insbesondere wenn sie einen hohen Umsatz am Dienstwagenmarkt erzielen: Zusätzlicher Bedarf und Produktstrategien, die nicht mit dem Fuhrparkmanagement der Unternehmen kompatibel sind, führen zu Diskrepanzen zwischen Angebot und Nachfrage. Viele deutsche Hersteller haben ihre Elektro-Strategie aus technischen Gründen stark auf SUVs ausgerichtet, da sich hier Batterien eleganter einbauen lassen. Die meisten Unternehmen habe jedoch SUVs aufgrund ihres hohen C02-Austoßes generell als Dienstwagen ausgeschlossen. Die bestehenden Fuhrparkvorschriften vieler Unternehmen erlauben den Erwerb der neuen E-SUVs somit momentan nicht, auch nicht als Hybridvarianten. Angebot und Nachfrage passen in Deutschland noch nicht zueinander.

„Es ist paradox: Jetzt passiert genau das, was alle immer wollten, aber keiner hat sich darauf vorbereitet. Die Dienstwagenvorschriften in vielen Unternehmen und Leasinggesellschaften müssen jetzt schnell geändert werden.“

Felix Kuhnert, Global Automotive Leader bei PwC

Autohersteller müssen jetzt schnell reagieren

Die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage birgt Chancen für ausländische Konkurrenten: „Wenn jemand bei Tesla die deutschen Medien verfolgt und die Pläne der deutschen Bundesregierung zur Kenntnis genommen hat, müsste bereits der Auftrag ergangen sein, die Produktionskapazität in den Niederlanden zu erhöhen oder Maschinen zu installieren, um das Modell 3 auch dort zu produzieren. Die Marke ist am Markt bereits platziert, es gibt eine bestehende Werkstattinfrastruktur und Schnellladesäulen“, so Stürmer. Aus seiner Sicht besteht für die deutschen Hersteller deshalb nun dringender Handlungsbedarf.  

„Kurzum: Die Zukunft der deutschen Automobilindustrie beginnt am 1. Januar 2019. Sie muss sich jetzt in Stellung bringen und positionieren, um ihre dominante Stellung im Dienstwagenmarkt zu behaupten.“

Christoph Stürmer, Global Lead Analyst bei PwC Autofacts®

E-Dienstwagen fließen schnell auf Privatmarkt

Der Markt für Firmenwagen ist für die Durchsetzung neuer Technologien und Standards besonders relevant, da er als ‚schnelldrehend‘ gilt und Fahrzeuge dort durchschnittlich nicht sieben, sondern nur zwei bis drei Jahre lang gefahren werden. Außerdem ist er aufgrund des derzeit hohen Investitionsvermögens deutscher Unternehmen besonders kaufkräftig und privat genutzte Dienstwagen sind gerade in Deutschland ein beliebtes Incentive", erläutert Christoph Stürmer, Global Lead Analyst bei PwC Autofacts®.

So können nach dem Erstbesitz hohe Volumen an den Gebrauchtwagenmarkt abgegeben werden, wodurch das Angebot günstiger E-Autos wächst und der breiteren Bevölkerungsschicht die Möglichkeit bietet, neue Technologien privat zu kaufen. Auch auf dem Batteriemarkt ist viel Bewegung zu sehen. Der Bedarf auf dem Kontinent wird sich nach PwC-Analysen zwischen 2018 und 2020 verdreifachen. Trotz Ankündigung großer Konzerne wie CATL und LG, Fabriken zur Batteriemontage in der EU – vorrangig in Deutschland – zu errichten, wird es nicht reichen, diese enorme Nachfrage zu stillen.

Plug-In-Hybride werden in China Marktanteile verlieren

Derweil beschloss die chinesische Regierung, beginnend mit dem 12. Juli 2018, die Subventionen für E-Autos mit einer Reichweite unter 150 Kilometer komplett zu streichen, da die großangelegte Unterstützung des Staates zu Überkapazitäten und Ineffektivität führte. Im März produzierten in der Volksrepublik mehr als 100 verschiedene Unternehmen 355 Modelle mit Elektro- oder Hybridantrieb. Die schnelle Entwicklung neuer Modelle könnte eine nachhaltige Massenproduktion und somit auch die Expansion nach Europa und in die Vereinigten Staaten verhindern. Fortan erhalten E-Autos, die eine Reichweite von 150 bis 300 Kilometer fahren können, einen kleinen Zuschuss. Nur Fahrzeuge, die mehr als 400 km zwischen den Ladevorgängen schaffen, können den vollen Förderbetrag ausschöpfen.

Plug-in-Hybride mit einer elektrischen Reichweite von mehr als 50 km, die für Premium-Hersteller von besonderer Bedeutung sind, werden fast so stark gefördert wie Elektrofahrzeuge mit einer Reichweite von 200 bis 250 km, was aber weniger als der halben maximalen Förderung entspricht.

Daraus ergeben sich für die Hersteller wichtige strategische Fragen: Die differenzierte Subventionspolitik in China gibt jetzt auch Anreize für Elektrofahrzeuge mit besonders hohen Reichweiten von über 400 km, obwohl sie der ökonomischen Logik der Nutzung von E-Fahrzeugen – nämlich der täglichen Ladung mit der für einen Tag erforderlichen Kapazität – eigentlich widersprechen. Damit werden große technische und wirtschaftliche Anstrengungen erforderlich, die in der Masse zu unnötig hohen Kosten und Investitionen führen können. Lohnt es sich also, technisch die volle Subvention anzustreben, oder lassen sich Kunden eher von niedrigen Gesamtkosten überzeugen?

„Durch die proaktive Subventionspolitik in China könnten Plug-In-Hybride noch weiter zurückgedrängt und reine Batteriefahrzeuge mit hohen Reichweiten gefördert werden“, sagt Felix Kuhnert. Der Experte weist zudem auf ein weiteres brisantes Risiko hin: Die Beschaffungsschwierigkeiten bei Batterien. Die Batteriezellen, die in den chinesischen Fahrzeugen verbaut werden, müssen nämlich laut Vorschrift in der Volksrepublik hergestellt werden und dürfen nicht aus dem Ausland eingeführt werden.

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Felix Kuhnert

Partner, Global Automotive Leader, PwC Germany

Tel.: +49 711 25034-3309

Christoph Stürmer

Global Lead Analyst PwC Autofacts®, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-6269

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