Corporate Venture Capital als Innovationstreiber für die GKV

31 Mai, 2022

Innovationen im Bereich der digitalen Gesundheit gelten als Hoffnungsträger des Gesundheitswesens und sollen die Qualität der Versorgung nachhaltig verbessern. Ein zunehmend wichtiges Finanzvehikel für das Innovationsökosystem bildet Corporate Venture Capital (CVC). Große Organisationen investieren dabei direkt in Startups, die für ihr Geschäft relevant sind.

Bislang blieb gesetzlichen Krankenkassen diese Investitionsmöglichkeit verschlossen. Mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) hat sich die Situation jedoch geändert. Seit Dezember 2019 können gesetzliche Krankenkassen im Rahmen einer Kapitalbeteiligung bis zu zwei Prozent ihrer Finanzreserven in E-Health-Startups investieren und damit eine Reihe strategischer und finanzieller Ziele erreichen.

Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Mit Corporate Venture Capital (CVC) investieren große etablierte Unternehmen und Organisationen direkt in Startups, die für ihr Geschäft relevant sind. Zwischen 2017 und 2021 haben sich solche Direktinvestitionen weltweit fast verdoppelt.
  • Neben dem Ziel, Rendite zu erzielen, eröffnet CVC den Geldgebern Zugang zu neuen Märkten, Technologien und Geschäftsfeldern. Startups profitieren unter anderem durch den Zugang zu Kunden und Vertriebsstrukturen.
  • Das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) hat gesetzlichen Krankenkassen die Möglichkeit eröffnet, Corporate Venture Capital als Finanzinstrument zu nutzen (gemäß §§ 68a und 263 Abs.3 SGB V). Sie können seit Dezember 2019 bis zu zwei Prozent ihrer Finanzreserven in innovative Health-Start-ups investieren.

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Thorsten Weber ist Ihr Experte für gesetzliche Krankenversicherungen bei PwC Deutschland

Thorsten Weber
Director, Leiter Beratung GKV bei PwC Deutschland
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Booster für Digitale Gesundheit: Investitionen in Startups

Startups gelten auch im Gesundheitswesen als wesentlicher Treiber für Innovation. Sie agieren in einer hohen Geschwindigkeit, entwickeln neue Lösungen für drängende Herausforderungen und wirken aktuellen Missständen entgegen. Für die Finanzierung aufstrebender Startups treten Wagniskapitalgeber – auch bezeichnet als Venture Capitalist (VC) – auf den Plan. Neben traditionellen Finanzinvestoren in Venture Capital gewinnen auch Investitionen in Form von Corporate Venture Capital (CVC) zunehmend an Bedeutung.

Im Gegensatz zu den unabhängigen Finanzinvestoren erhalten CVC-Einheiten ihr Kapital von großen etablierten Unternehmen und Organisationen. Sie können dadurch gezielt in Startups investieren, die für ihr eigenes Geschäft relevant sind.

Das Modell ist sehr gefragt: Zwischen 2017 und 2021 haben sich die weltweiten Direktinvestitionen in Startups fast verdoppelt. Mit Corporate-Venture-Capital-Aktivitäten können Unternehmen nicht nur Rendite erzielen, sondern auch strategische Ziele erreichen.

Unternehmen und Startups profitieren gemeinsam vom CVC-Finanzierungsmodell

Für Unternehmen und Organisationen eröffnen Direktinvestitionen den Zugang zu neuen Märkten, Technologien und Geschäftsfeldern. Die Partnerschaften mit innovativen Startups sind außerdem eine kostengünstige und flexible Alternative zu klassischen Aktivitäten im Bereich Forschung und Entwicklung. Auch Startups profitieren von CVC-Investitionen: Sie erhalten Zugang zu Kunden, technologischem Know-how, Ressourcen, sowie Vertriebskanälen und Betriebsstrukturen.

Aus finanzieller Sicht stellt Venture Capital eine interessante Anlageklasse dar. VC-Fonds investieren in Startups sowie junge Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial mit einer Anlagedauer von fünf bis acht Jahren. Die Mehrheit der Investoren vollzieht dabei maximal fünf Deals pro Jahr. Über 80 Prozent planen weitere Investitionen in den folgenden Finanzierungsrunden ein. Laut den Ergebnissen einer VC-Marktstudie von des PwC Center of Excellence für Corporate Venture Capital aus dem Jahr 2021 liegt die jährliche Rendite des Portfolios im Mittelwert zwischen 21 Prozent per anno für Early Stage (Vorgründungsphase bis zur Aufnahme der operativen Geschäftstätigkeit) und 14 Prozent per anno für Later Stage Startups (Wachstums- und Skalierungsphase).

CVC-Investitionen legen auch in der Krise zu

Auch wenn das CVC-Konzept in der Vergangenheit nicht immer krisenresistent war, zeichnet die aktuelle COVID-19-Pandemie ein anderes Bild. Die weltweiten CVC-Investitionen erreichten im Jahr 2020 mit 73,1 Milliarden US-Dollar ihren bisher höchsten Wert. Dies steht in starkem Kontrast zu den erheblichen Rückgängen der globalen CVC-Investitionen nach den beiden letzten großen Krisen des 21. Jahrhunderts – der Dot.com-Blase von 2000/1 (7,8 Milliarden US-Dollar) und der globalen Finanzkrise von 2008/9 (5,1 Milliarden US-Dollar).

Für die aktuelle Krisenfestigkeit des Finanzierungsmodells lassen sich mehrere Gründe anführen. Einerseits scheinen die Investoren Lehren aus den vorangegangenen Krisen gezogen zu haben. Sie setzen auf Innovationen mit verringertem Risiko. Andererseits ist der steigende Wettbewerbsdruck für Innovationen ein Faktor, der potenziell für den Erfolg des Modells verantwortlich ist. In Zukunft wird die wichtige Rolle von CVC voraussichtlich weiter zunehmen. Die Corona-Pandemie hat schließlich eine Reihe von Veränderungsprozessen in Gang gesetzt und die Nachfrage nach Innovationen in vielen Lebensbereichen weiter erhöht.

Künstliche Intelligenz und E-Health im Fokus: Starkes Wachstum von CVC-gestützten Deals

Das Wachstum von CVC zeigt sich auf globaler und regionaler Ebene. Der Anteil CVC-gestützter Deals an allen globalen VC-Transaktionen war 2019 und 2020 mit einem Anteil von 24 Prozent am höchsten. Auch Europa verzeichnete in den letzten drei Jahren einen positiven Wachstumstrend bei CVC-gestützten Finanzierungen und erreicht mit neun Milliarden US-Dollar im Jahr 2020 einen Finanzierungsrekord. Innerhalb Europas haben das Vereinigte Königreich und Deutschland die höchsten Anteile an CVC-finanzierten Transaktionen im Jahr 2020.

Besonders gefragt sind die Wachstumsfelder Künstliche Intelligenz (KI) und E-Health. Bereits von 2018 bis 2019 legten die CVC-Aktivitäten in diesen Bereichen deutlich zu – KI verzeichnete ein Plus von 72 Prozent und E-Health eine Steigerung um 21 Prozent. Als Folge der Pandemie steht die digitale Gesundheit nun klar im Mittelpunkt der CVC-Prioritäten. CVC-gestützte Finanzierung für Unternehmen im Bereich digitale Gesundheit stiegen im Jahr 2020 um 68 Prozent und erreichten damit einen Rekord von 8,8 Milliarden US-Dollar.

Neue Möglichkeiten für Krankenkassen im Bereich Venture Capital

Bis vor Kurzem konnten die gesetzlichen Krankenkassen als Körperschaften des öffentlichen Rechts in Selbstverwaltung nicht an Corporate-Venture-Capital-Finanzvehikeln partizipieren oder eigene CVC-Einheiten aufbauen. Mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) und der Änderung beziehungsweise Neufassung der §§ 68a sowie 263 Abs 3. SGB V wurde diese Einschränkung über Bord geworfen. Gesetzliche Krankenkassen sind seit Dezember 2019 in der Lage, auch digitale Lösungen zur Verbesserung der Qualität der Versorgung im Gesundheitswesen zu fördern. Darunter fallen insbesondere digitale Medizinprodukte wie digitale Gesundheitsanwendungen, telemedizinische Verfahren sowie IT-gestützte Verfahren in der Versorgung.

Durch die neu geschaffenen Investitionsmöglichkeiten haben gesetzliche Krankenkassen nun die Möglichkeit, im Rahmen einer Kapitalbeteiligung bis zu zwei Prozent ihrer Finanzreserven in innovative Health-Startups der genannten Bereiche zu investieren (gemäß §263 Abs. 3 SGB V). Die maximale Kapitalbindungsdauer beträgt dabei zehn Jahre. Vorbilder für diese Art des Investierens gibt es viele – zum Beispiel die amerikanischen Pensionskassen und die Staatsfonds aus Norwegen oder Schweden. Mit einer Investition in Venture Capital erhalten Krankenkassen nicht nur ein neues Mittel für die Diversifikation ihrer Geldanlagen. Sie können damit auch eine bedeutende Finanzierungslücke für Health-Startups schließen, ihnen ein weitreichendes Netzwerk zur Verfügung stellen, und digitale Innovationen zielgerichtet fördern.

„Durch die neuen Investitionsmöglichkeiten erhalten gesetzliche Krankenkassen nicht nur ein neues Mittel, um ihre Anlagen zu diversifizieren. Sie können gleichzeitig auch aufstrebende Health-Startups unterstützen und digitale Innovationen entscheidend voranbringen.“

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