Interview: „Wir müssen eine europäische Haltung zur Präzisionsmedizin finden“

06 November, 2018

Die Analyse menschlicher Gene, der Zugang zu Patientendaten und die digitale Auswertung großer Datenmengen: Das sind die Ingredienzien, um Therapien anzubieten, die individuell auf einzelne Patienten zugeschnitten sind. Die personalisierte Medizin steht kurz vor dem Durchbruch. Für den Gesundheitsclub Rhein-Main der Grund, das Thema beim Treffen im September 2018 auf die Agenda zu setzen.

Mit Dr. Anna C. Eichhorn und Dr. Thomas Solbach waren zwei Referenten zu Gast, die einen Einblick gaben, was Präzisionsmedizin leisten kann, warum es mit ihr in Deutschland nur schleppend vorangeht und warum es wichtig ist, eine europaweite Haltung zu diesem Thema zu entwickeln.

Im Gespräch mit Dr. Anna C. Eichhorn, Vorstand der humatrix AG, Dr. Thomas Solbach, Partner bei PwC Strategy&, und Michael Burkhart, Partner bei PwC und Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft.

Herr Burkhart, steht die Präzisionsmedizin in Deutschland tatsächlich vor dem Durchbruch?

Michael Burkhart: Unser Wissen würde ausreichen, um die sinnvollen Informationen zu filtern und zum Wohle von Patienten zu nutzen. Das sind zum einen die Informationen, die auf der DNA des Menschen stehen als auch unser tieferes Verständnis über den Stoffwechsel, Proteine und Lipide. Doch gleichzeitig ist die Angst vor Missbrauch solcher Daten hierzulande groß. Firmen, die genetische Analysen anbieten, werden skeptisch beäugt, wie sie mit den Erkenntnissen umgehen und diese einsetzen. Es gibt in Deutschland bisher kaum Anwendungen in der Praxis. Die Möglichkeiten, die die Präzisionsmedizin bietet, sind außerhalb von Fachkreisen kaum bekannt.

Wie kann Präzisionsmedizin Patienten helfen?

Anna C. Eichhorn: Ein Medikament ist nicht bei jedem Menschen gleich wirksam. Das liegt daran, dass individuelle Variationen im Erbgut den Stoffwechsel leicht verändern, Substanzen also von einzelnen Menschen verschieden gut aufgenommen und vertragen werden. Mit einer Analyse der dafür verantwortlichen Gene lässt sich ein pharmakogenetisches Profil für jeden Patienten erstellen, mit dem sich voraussagen lässt, welche Medikamente und Wirkstoffgruppen im individuellen Fall am besten greifen. Doch dieses Wissen bleibt in unserem Gesundheitssystem so gut wie unberücksichtigt. Patienten müssen stattdessen nach wie vor am eigenen Leib testen, inwieweit sie ein Medikament vertragen und ob es ihnen hilft.

Was bremst in Deutschland die Entwicklung?

Thomas Solbach: Eine präzise Medizin basiert auf einem tiefen Verständnis von Krankheiten, innovativen und sensitiven Diagnostika der Patienten sowie einem systematischen Vergleich dieser Patienten- mit Populationsdaten. Am Ende sind große und relevante Daten der Schlüssel zum Erfolg. Hierfür müssen jedoch gewisse Grundvoraussetzungen getroffen werden:

„Regulatoren müssen die Diagnostika zulassen, Krankenkassen bezahlen, Ärzte systematisch einsetzen und alle relevanten Daten müssen elektronisch erfasst und interoperabel gemacht werden. In den USA sind die Voraussetzungen dafür schon gegeben, in Estland werden Gesundheitsdaten bereits auf dem Personalausweis gespeichert, die Schweiz will das 2020 einführen. Währenddessen arbeiten wir in Deutschland noch an der elektronischen Patientenakte.“

Dr. Thomas Solbach, Partner bei PwC Strategy&

Eichhorn: Ein ausführliches pharmakogenetisches Profil ist bei uns nicht Teil der Regelversorgung. Kassen übernehmen die Kosten nicht voll umfänglich. Bei uns zählt nur die Diagnose. Unser Gesundheitssystem versäumt es, die individuelle genetische Disposition eines Patienten bei der Therapie zu berücksichtigen. Es gehört nicht zur Routine im Vorfeld einer Therapie zu diagnostizieren, welches Medikament in welcher Dosierung am besten wirkt.

Welche Rolle spielt die Angst vor Datenmissbrauch?

Solbach: Natürlich gibt es da ernstzunehmende Bedenken. Doch unsere Studie zur personalisierten Krebsmedizin von Februar 2018 zeigt auch: Etwa 80 Prozent der Deutschen wären bereit, ihre Daten für die Krebsforschung freizugeben, 60 Prozent würden ihren genetischen Fingerabdruck den eigenen Ärzten und Kliniken zur Verfügung stellen. Die Offenheit für Präzisionsmedizin ist also da, wenn Patienten den Nutzen für sich erkennen.

Überlassen wir die Entwicklung viel zu sehr anderen Ländern?

Solbach: Deutschland liegt technologisch in diesem Bereich zurück. Es gibt bei uns vergleichsweise wenige Start-ups in diesem Gebiet, die meisten kommen aus den USA. Mittelfristig werden uns Fachleute fehlen, die beispielsweise Daten interpretieren und Algorithmen bewerten können. Dieses Wissen wird auch im Medizinstudium nicht ausreichend vermittelt.

Eichhorn: Unternehmen in Deutschland, die einfach abwarten, können die Entwicklung im Bereich der Präzisionsmedizin damit nicht aufhalten.

„Die Nutzung der Informationen aus der Analyse menschlichen Erbguts für medizinische Zwecke kommt so oder so. Wenn wir diesen Bereich mitgestalten, haben wir es aber in der Hand, eine differenzierte Sicht einzubringen, Nutzen und Risiken kritisch abzuwägen.“

Dr. Anna C. Eichhorn, Vorstand der humatrix AG

Auf welches Echo stieß das Thema im Gesundheitsclub?

Burkhart: Die Clubmitglieder diskutierten intensiv u.a. über Vor- und Nachteile, Fragen der Refinanzierung und sinnvolle Anwendungsgebiete. Denn es wurde klar: Die Präzisionsmedizin wird kommen.

„Es ist wichtig, dass wir in Deutschland und Europa eine Einstellung dazu finden, die ethische Standards und unsere Ansprüche an den Datenschutz berücksichtigt. Nur so können wir uns weltweit Gehör verschaffen.“

Michael Burkhart, Partner bei PwC und Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft

Runde Tische wie im Gesundheitsclub Rhein-Main sollten in Zukunft noch in viel größerem Rahmen stattfinden, um eine europäische Sicht auf die personalisierte Medizin zu entwickeln.

Die PwC-Experten zum Thema

Dr. Thomas Solbach

Dr. Thomas Solbach ist Partner bei PwC Strategy& und Leiter der European Pharma Life Sciences Commercial Practice. Er verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Strategieberatung für führende globale Unternehmen der Pharma-/Biotech-Industrie sowie des Gesundheitswesens. Dr. Solbach ist Experte auf dem Gebiet der personalisierten Medizin und den damit verbundenen innovativen Diagnostika, Datenanalysen sowie der Generierung von Real-World-Evidence.

Michael Burkhart

Michael Burkhart ist Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland sowie Standortleiter Frankfurt. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung bei PwC. Seine Branchenexpertise umfasst das gesamte Gesundheitswesen – von Krankenhäusern über gesetzliche Krankenkassen, Pflegeheime, Diagnostikunternehmen, Medizinprodukte und Organisationen des öffentlichen Sektors.

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Thomas Solbach

Partner bei Strategy&, PwC Germany

Tel.: +49 69 97167-477

Michael Burkhart

Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

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