Tools wurden getestet, erste Pilotprojekte gestartet, Use Cases definiert: Immer mehr deutsche Unternehmen nutzen Künstliche Intelligenz. Das Bild wirkt dynamisch. Doch an welchen Stellen entsteht daraus tatsächliche, messbare Wertschöpfung? Wo lässt sich KI-getriebenes Umsatzwachstum belegen? Welche Kosteneinsparungen und Prozessverbesserungen lassen sich dem Einsatz von KI zuschreiben?
Genau an dieser Stelle setzt unsere globale AI-Performance-Studie an, für die wir weltweit 1.217 Führungskräfte zu ihrem KI-Einsatz befragt haben. Darunter 81 deutsche Unternehmen, deren Ergebnisse wir im Folgenden unter Berücksichtigung unserer Erfahrungen aus der täglichen Beratungspraxis einordnen. Damit die Wirkung von KI nicht nur eine Behauptung bleibt, sondern vergleichbar wird, haben wir auf Basis der globalen Studienergebnisse den AI Fitness Index entwickelt. Er bildet ab, wie gut Unternehmen KI in messbare Ergebnisse übersetzen können – als Zusammenspiel aus passenden Grundlagen (AI Foundations) und konsequenter Anwendung im Geschäft (AI Use).
Eine erste wichtige Erkenntnis: Der Erfolg hängt weniger von der Anzahl der KI-Initiativen ab, sondern davon, worauf KI ausgerichtet wird. Einen Prozess mit KI schneller machen, ist Optimierung. Das eigene Geschäftsmodell zu erweitern, ist Transformation. An diesem Punkt trennt sich die Spitzengruppe vom Rest.
„Deutsche Unternehmen haben eine solide Ausgangslage, stecken aber in der Effizienz-Falle. Sie betrachten KI immer noch primär als Produktivitätshebel, während AI Leader Wertschöpfung über die eigene Branche hinaus antreiben.“
Die Studie zeigt ein spannendes Bild: 20 % von den weltweit befragten Unternehmen weltweit erzielen 74 % der gesamten KI-getriebenen Returns. Diese Gruppe nennen wir in unserer AI-Performance-Studie die AI Leader. Die anderen 80 % investieren und experimentieren zwar mit KI, bewegen sich aber auf einem deutlich niedrigeren Wirkungsniveau.
Gemessen wird das über die KI-getriebene Performance – den Beitrag von KI zu Umsatz sowie zu Effizienz- und Kosteneinsparungen – jeweils im Vergleich zum Branchenmedian. Um zu verstehen, warum einige Unternehmen so viel besser abschneiden, haben wir im AI Fitness Index 60 Management- und Investitionspraktiken in den Dimensionen AI Foundations und AI Use gebündelt. Das Ergebnis: Unternehmen im obersten Quintil erzielen eine 7,2-fach höhere KI-getriebene Performance als der Rest – branchenbereinigt.
Wichtig: Der Zusammenhang zwischen AI Fitness und AI Performance ist nicht linear. Mit steigender Fitness nimmt der Performance-Effekt überproportional zu. Kleine Fortschritte bei den entscheidenden Fähigkeiten können also große Unterschiede in den Ergebnissen bewirken.
Mit einem AI Fitness Score von 5,6 (von 10) liegt Deutschland knapp über dem globalen Median (5,5) und vor Märkten wie Kanada (4,8), den USA (5,2) oder dem Vereinigten Königreich (5,5). Gleichzeitig besteht ein spürbarer Rückstand auf Frankreich, Nigeria (je 6,1), Saudi-Arabien (6,2) und Spitzenreiter China (6,9).
Der Blick auf die beiden Dimensionen des Index zeigt, dass der Rückstand auf die AI Leader weniger in den Grundlagen entsteht (5,8 vs. 6,9) als in der Nutzung (5,4 vs. 7,1). Dafür gibt es zwei wesentliche Erklärungen: Erstens richtet ein Großteil der deutschen Unternehmen KI primär auf Effizienz und Produktivität aus (52 % vs. 44 % der AI Leader), während nur ein Viertel (25 %) Umsatzwachstum als oberstes Ziel nennt. Bei den AI Leadern sind es 31 %. Zweitens bleiben Use Cases in Deutschland häufiger auf der Assistenz- oder Analyseebene stehen. Fast jeder dritte AI Leader (31 %) setzt KI ein, die eigenständig mehrere Aufgaben innerhalb definierter Leitplanken ausführt – fast doppelt so viele wie im deutschen Durchschnitt (31 % vs. 17 %). Und 15 % der AI Leader gehen noch weiter – mit autonomen Systemen, die sich selbst optimieren (DE: 9%).
KI-Initiativen werden in Deutschland also zu selten konsequent priorisiert, industrialisiert und skaliert. Statt wirkungsvolle Anwendungen über Teams, Bereiche und Standorte hinweg einzusetzen, entstehen vielerorts Insellösungen, die isoliert laufen und so keinen systemischen Effekt entfalten. Gleichzeitig verdeutlichen die Daten: Entscheidend ist nicht nur, ob skaliert wird, sondern worauf. Die größten Performance-Effekte erzielen Unternehmen, die KI nutzen, um über Branchengrenzen hinweg neue Geschäftsmodelle und Kooperationen zu entwickeln. Etwa wenn ein Landmaschinenhersteller nicht nur Traktoren verkauft, sondern Landwirten mit KI hilft, ihre Erträge zu steigern. Oder ein Luftfahrtkonzern KI einsetzt, um Airlines Ausfälle vorherzusagen und Wartung als eigenständigen Service anzubieten. In keiner anderen Dimension ist der Abstand deutscher Unternehmen zu den AI Leadern so groß (4,6 vs. 7,1).
Datenbasierte Angebote entwickeln, neue Geschäftsfelder erschließen, Wertschöpfungsketten neu konfigurieren: Überall dort, wo KI über die eigene Branche hinaus wirken soll, zeigt die Studie eine deutliche Lücke zwischen deutschen Firmen und den AI Leadern. So nutzt nur ein Drittel (33 %) der deutschen Unternehmen Künstliche Intelligenz, um Wertschöpfungsketten und Geschäftsfähigkeiten neu auszurichten – bei den führenden Unternehmen sind es 58 %. Beim Aufbau neuer Wertschöpfung durch branchenübergreifende Ökosysteme ist der Abstand noch größer: 26 % gegenüber 61 %.
Dass deutsche Unternehmen hier im Vergleich mit der Spitzengruppe zurückliegen, ist kein Technologieproblem. Vielmehr deuten die Daten auf ein Steuerungsproblem hin. Ohne klare Verantwortung, konkrete Ziele und eine bewusste Partnerlogik bleibt das Potenzial der Zusammenarbeit außerhalb des eigenen Unternehmens ungenutzt.
Ein Hebel sind Kooperationen: Zwei Drittel der deutschen Unternehmen (67 %) setzen auf Technologie-Partnerschaften mit Anbietern, unter den Vorreitern ist es lediglich die Hälfte (50 %). Doch bei Kooperationsformen, die über den reinen Technologiezugang hinausgehen, dreht sich das Bild: 21 % der deutschen Unternehmen nutzen strategische Allianzen oder Joint Ventures, in der Spitzengruppe sind es 41 %. Noch deutlicher ist der Abstand bei Data-Sharing-Konsortien. Hierauf greifen nur 9 % der deutschen Unternehmen zurück – global sind es 12 %, unter den AI Leadern 22 %.
Gerade für Unternehmen mit starker Branchenexpertise und gewachsenen Partnernetzwerken wären strategische Allianzen und Data-Sharing ein naheliegender Hebel, um KI-gestützte Wertschöpfung jenseits der eigenen Branche zu erschließen. Bislang wird dieses Potenzial kaum genutzt.
„Deutsche Unternehmen haben die Grundlagen, jetzt muss der Sprung gelingen. KI auf Wachstum ausrichten, Entscheidungen automatisieren, Führung sichtbar machen. Weg von Effizienzsteigerung, hin zu echter Neuausrichtung.“
Nico Reichen,Partner und Lead Data & AI bei PwC DeutschlandDie gute Nachricht: Deutsche Unternehmen haben die notwendigen Grundlagen geschaffen und liegen bei allen sechs Grundlagen-Faktoren über dem globalen Durchschnitt. Diese Stärke übersetzen sie noch zu selten gewinnbringend in Anwendung und Wertschöpfung.
Im Bereich Governance & Risk zeigt sich das besonders deutlich. Bei Sicherheitsstandards, Datenschutz und regulatorischer Compliance sind deutsche Firmen gut aufgestellt. Gleichzeitig bindet dieser Fokus Aufmerksamkeit und Ressourcen, die bei der Umsetzung und Skalierung fehlen können. Hier gilt es, die richtige Balance zu finden. Denn eine starke Governance muss kein Hemmnis sein: Richtig eingesetzt, wird sie zum Vertrauensanker, der Akzeptanz bei Mitarbeitenden schafft, klare Standards setzt und Freigabeprozesse beschleunigt. Gerade im europäischen Kontext mit DSGVO und EU AI Act kann das zu einem echten Differenzierungsmerkmal gegenüber Märkten werden, die Governance erst nachträglich aufbauen müssen.
Ob aus klaren Standards und Leitplanken tatsächlich Nutzung wird, entscheidet sich bei den Mitarbeitenden. Ohne Akzeptanz und Kompetenz in der Belegschaft lassen sich Anwendungen weder einführen noch weiterentwickeln. Fast die Hälfte der deutschen Unternehmen gibt an, dass Daten-, IT- und Fachteams gemeinsam KI-Lösungen entwickeln (48 % vs. 37 % global). Und auch bei den Leistungsanreizen für den KI-Einsatz liegen deutsche Unternehmen deutlich über dem Durchschnitt (42 % vs. 31 %).
Allerdings vertrauen nur 27 % der Mitarbeitenden KI-generierten Ergebnissen und handeln nach diesen – bei den AI Leadern sind es 60 %. Verstärkt wird diese Lücke durch Schwächen bei der Gewinnung technischer KI-Fachkräfte (32 % vs. 38 % global vs. 60 % AI Leader) und rollenbasierten Trainings (35 % vs. 36 % global vs. 62 % AI Leader). Hier liegen die deutschen Unternehmen nicht nur deutlich hinter der Spitzengruppe, sondern auch unter dem globalen Schnitt. Die Auswirkungen sind klar, denn ohne Nutzung entsteht keine Wirkung, egal wie stark die Basis ist.
Ein Schlüssel, um diesen Engpass aufzulösen, ist die aktive Rolle der Führungsebene. Rund zwei Drittel (69 %) der deutschen Unternehmen verfügen über eine priorisierte KI-Roadmap und haben ihre KI-Vision an den Geschäftszielen ausgerichtet (64 %). Doch nur in 42 % der Unternehmen übernimmt die C-Suite auch persönlich Verantwortung für KI-Ergebnisse. Hier liegen deutsche Firmen nicht nur hinter den AI Leadern (74 %), sondern auch hinter dem globalen Schnitt (50 %). Gerade vor dem Hintergrund des fehlenden Vertrauens in KI braucht es Führungskräfte, die KI selbst einsetzen, Trainings besuchen und den Wandel sichtbar vorleben – und so den entscheidenden Impuls geben, der Akzeptanz und Nutzung in der Belegschaft auslöst.
Während global ein Viertel (25 %) der Unternehmen Workflows aktiv umgestaltet, um KI zu integrieren, sind es in deutschen Unternehmen 38 %. Das bedeutet allerdings auch, dass KI noch zu oft parallel zu bestehenden Abläufen eingeführt wird, statt diese grundlegend zu verändern. Die Konsequenz: KI bleibt ein optionales Werkzeug statt zum integralen Bestandteil der Arbeitsweise zu werden. Der nächste Schritt: Prozesse nicht um KI erweitern, sondern mit KI neu erfinden – und so die eigene Wertschöpfung grundlegend neu denken.
Die Jahre der systematischen Datenpflege zahlen sich aus. Bei der Nutzung strukturierter Daten liegen deutsche Firmen mit 63 % vor den AI Leadern (60 %) und deutlich über dem globalen Schnitt (44 %). Auch bei unstrukturierten Daten wie Transkripten, PDFs oder Bildern schneiden deutsche Unternehmen stärker ab als die AI Leader (47 % vs. 45 % AI Leader vs. 34 % global).
Diese gewachsenen, konsolidierten Datenstrukturen sind ein wichtiges Asset – und eine Grundlage, die vielen Märkten noch fehlt. Entscheidend ist jetzt, diesen Vorsprung nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern KI konsequent in den Prozessen einzusetzen, in denen sie Umsatz, Effizienz und Entscheidungen unmittelbar verbessert.
Es mangelt in deutschen Unternehmen nicht an KI-Initiativen, im Gegenteil: In drei von vier zentralen Bereichen der Wertschöpfungskette liegt der Anteil skalierter oder eingebetteter KI-Anwendungen über dem globalen Schnitt. Doch die Spitzengruppe erreicht in allen Bereichen fast doppelt so hohe Werte. Was machen diese Unternehmen anders, um Use Cases wiederholbar, unternehmensweit und tief in ihre Prozesse zu integrieren?
Sie erzielen mehr Umsatz durch neue Produkte und Services, berichten deutlich häufiger von transformierten Geschäftsmodellen und treffen bessere Entscheidungen mithilfe von KI. Ihr Vorsprung wächst durch die konsequente Integration in Arbeitsabläufe, Systeme und Entscheidungsprozesse.
Deutsche Unternehmen automatisieren Entscheidungen häufiger als der globale Durchschnitt: Rund ein Drittel (30 %) gibt an, dass KI die Zahl der Entscheidungen ohne menschliches Eingreifen erhöht hat (global 20 %). Doch die Qualität hält nicht Schritt. Nur 28 % sehen dadurch auch eine positive Veränderung – global sind es 35 %, bei den AI Leadern 64 %. Immer mehr deutsche Unternehmen automatisieren also bereits Entscheidungen, übersetzen das aber noch zu selten in bessere Ergebnisse.
Zurückzuführen ist das weniger auf regulatorische Grenzen als auf drei operative Hürden: fehlendes Prozessdesign, unzureichende Verfügbarkeit von Daten in Echtzeit und mangelndes Vertrauen der Belegschaft in KI-gestützte Entscheidungen. Eine Lösung ist, zunächst bei operativen Alltagsentscheidungen anzusetzen. Etwa bei Priorisierungen, Routinefreigaben oder der Anomalie-Erkennung. Entscheidungen, die hundertfach am Tag getroffen werden müssen, klar messbar sind und bei denen ein Fehler keine schwerwiegenden Folgen hat. Von dort aus lässt sich der Scope dann schrittweise erweitern. So wachsen nicht nur das Vertrauen und die Akzeptanz, sondern auch die Wirkung.