Retail-Revolution: Agentic AI im Einzelhandel

Interview: „Wer agent-ready sein will, muss sein Betriebsmodell anpassen“

Ein Interview mit Dr. Matthias Schlemmer.  Agentic AI ermöglicht Automatisierungen auf einem völlig neuen Level, indem mehrere spezialisierte KI-Agenten in einem Netzwerk interagieren und Teilaufgaben weitgehend autonom erledigen. Dr. Matthias Schlemmer gibt im Gespräch einen Einblick, was die KI-getriebene Innovationswelle für den Handel bedeutet und was Unternehmen tun müssen, um sich in der Ära des Agentic Commerce zu behaupten.

Dr. Matthias Schlemmer ist Partner und KI‑Lead bei PwC Strategy& Österreich und Mitglied der globalen Retail‑ & Consumer‑Practice. Der promovierte Elektrotechniker verbindet über 20 Jahre Industrie‑, Retail‑ und Beratungserfahrung mit tiefer Expertise in Robotik und Künstlicher Intelligenz. Er berät Unternehmen dabei, Daten‑ und KI‑Strategien wirkungsvoll mit der Geschäftsstrategie zu verzahnen – einschließlich Organisations‑ und Governance‑Themen. Als Keynote Speaker zeigt er regelmäßig, wie Industrie‑ und Handelsunternehmen KI pragmatisch und skalierbar nutzbar machen.

Dr. Matthias Schlemmer ist Partner und KI‑Lead bei PwC Strategy& Österreich und Mitglied der globalen Retail‑ & Consumer‑Practice.

Mit welchen Herausforderungen ist der Retail-Sektor aktuell konfrontiert und in welchem Zusammenhang damit steht Agentic AI?

Dr. Matthias Schlemmer: Die Märkte sind aktuell von einer extrem hohen Dynamik geprägt. Vor allem die geopolitische Volatilität und die erratische Zollpolitik machen Unternehmen zu schaffen. Ein Viertel der CEOs aus Deutschland sieht geopolitische Konflikte als größte Bedrohung. Agentic AI bietet das Potenzial, besser durch diese Unwägbarkeiten zu navigieren – zum Beispiel durch eine präzisere und schnellere Steuerung von Einkaufsprozessen und Preisanpassungen. 

Darüber hinaus bringt der Einsatz von agentengetriebenen Systemen aber auch noch viel grundsätzlichere Veränderungen mit sich.

Ein fundamentaler Paradigmenwechsel steht bevor, und zwar mit Agentic Commerce. Bisherige digitale Ausprägungen des Handels – sprich: E-Commerce und auch Social Commerce – werden in puncto Geschwindigkeit und Schlagkraft in den Schatten gestellt.

Wie sieht dieser Paradigmenwechsel im Detail aus? Und was genau erwartet uns mit „Agentic Commerce“?

Schlemmer: Um das Ausmaß der Veränderung zu verstehen, müssen wir beide Seiten betrachten: den Einsatz von Agenten in Unternehmensabläufen und den Einsatz auf Seite der Konsumenten. Unternehmensseitig zeigt sich schon jetzt, dass KI-Agenten die Kosten senken und den Umsatz steigern können – auch wenn Europa gegenüber Ländern wie China und den USA hier noch hinterherhinkt. Jeder zweite Einzelhändler prüft den Einsatz von Agentic AI. Rund 20 % haben Agenten bereits entlang der Wertschöpfungskette im Einsatz.

Der Wettbewerbsdruck steigt: Wir sehen gerade eine rasante Entwicklung hin zu vollständig integrierten, KI-getriebenen Ökosystemen. Tech-Unternehmen wie Google, OpenAI und Anthropic bauen starke Partnernetzwerke im Retail-Sektor auf.

Und auf Seite der Konsumenten?

Schlemmer: Auch für Kunden und Käufer ändert sich die Situation massiv. Wenn Agenten eigenständig recherchieren, Preise vergleichen, verhandeln und Kaufentscheidungen treffen, bekommen Transaktionen eine neue Dimension. Sie können letztlich von Anfang bis Ende von Agenten abgewickelt werden. Dies revolutioniert nicht nur die Beschaffungsprozesse von Unternehmen. Auch Endverbraucher können ihre personalisierten Agenten bald darauf ansetzen, bestimmte Einkäufe autonom zu tätigen. Erste Prognosen gehen davon aus, dass bis 2030 etwa 5 bis 10 % aller Umsätze im E-Commerce auf Agenten als Käufer – sogenannte „Agentic Shopper“ – entfallen werden. Schon heute erwartet rund ein Drittel der Verbraucher, bis 2030 Einkäufe mit KI tätigen zu können.

Welche Erfolgsfaktoren sind entscheidend, um Produkte und Services an „Agentic Shopper“ zu vertreiben?

Schlemmer: Es wird umsatzkritisch, wie sichtbar die Angebote für KI-Modelle und -Agenten sind. GEO-optimierte Produktdaten sind eine wesentliche Voraussetzung für die Sichtbarkeit.

Der Erfolg von Agentic Commerce hängt aber auch eng mit Vertrauen und der Wahrung nutzerseitiger Kontrolle zusammen. Nur wenn die Entscheidungen der Agenten transparent, erklärbar und übersteuerbar sind, wird sich Agentic Commerce breitenwirksam durchsetzen.

The agentic AI revolution in retail

Report: From agentic vision to process reality

Wie ist die Branche auf diesen Umbruch vorbereitet?

Schlemmer: Aktuell ist die Wertschöpfungskette im Einzelhandel noch maßgeblich von sequenziellen Arbeitsabläufen geprägt. Künftig geht es eher darum, agentengetriebene Ökosysteme zu etablieren und zu koordinieren sowie an den richtigen Stellen menschliche Entscheidungen einzubinden. Die gute Nachricht: Die Retail-Branche war schon immer affin für Daten- und KI-basierte Ansätze. Traditionelle Analytics-Methoden und Ansätze wie Machine Learning werden nicht obsolet. Sie liefern die Grundlagen, um darauf aufbauend neue KI-Modelle einzusetzen und ein Netz aus orchestrierten Agenten aufzubauen. Nichtsdestotrotz sind die Herausforderungen enorm. Agentic Commerce ist viel mehr als nur ein technologisches Upgrade.

Warum geht es nicht nur um Technologie? Was müssen Marktteilnehmer denn tun, um „agent-ready“ zu werden?

Schlemmer: Wer agent-ready sein will, muss sein Betriebsmodell anpassen. Es geht darum, die Wertschöpfung neu zu gestalten, so dass KI-Agenten und Menschen in klar definierten Schritten zusammenarbeiten.

Was erledigen Agenten? Und an welchen Stellen wird der Mensch wie einbezogen? Dafür müssen standardisierte Schnittstellen eingerichtet, Rollen für agentengestützte Tätigkeiten neu definiert, und Agenten über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg gemanagt werden. Technische, organisatorische und prozessuale Aspekte sind dabei eng verknüpft.

Denn ohne klar implementierte Leitplanken mit Governance- und Compliance-by-Design ist es kaum möglich, in Echtzeit agierende Agenten einzufangen.

Und wie können Unternehmen den Sprung von Pilotprojekten zu produktiven Lösungen schaffen, die einen messbaren Mehrwert liefern?

Schlemmer: Wichtig ist eine klare Fokussierung auf zwei bis drei End-to-End-Prozesse – zum Beispiel im Einkauf oder im Service. Sie sollten konsequent vorangetrieben werden, um einen klaren Return on Investment zu liefern. Für Experimente sollte es klare „Kill-Kriterien“ geben, um Kraft und Ressourcen wirklich gut auf die fokussierten Prozesse zu bündeln. In der Praxis hat es sich bewährt, mit einer schlanken Organisation zur Validierung agentenbasierter Use Cases klein anzufangen und schnell zu skalieren. Um den vollen Wert zu erschließen, müssen Agenten über standardisierte Schnittstellen zu zentralen Systemen wie ERP und OMS Ende-zu-Ende in Live-Umgebungen kommen – dabei aber kontinuierlich überwacht und kontrolliert werden.

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Dr. Matthias Schlemmer

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Partner, Data & AI Strategy and Organization, Strategy& Austria

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