Für die Pharmaforschung sind neue Finanzierungsmodelle gefragt

05 September, 2016

Der Gesundheitsclub Rhein-Main versteht sich als Think Tank für das Gesundheitswesen. Zwei bis drei Mal im Jahr treffen sich etwa 30 Vertreter aus allen Bereichen der Gesundheitswirtschaft in Frankfurt, um sich einen Abend lang intensiv mit einem aktuellen Thema auseinanderzusetzen. Im Juni ging es um die Zukunft innovativer Pharmaunternehmen. Als Referent konnte Stefan Rinn von Boehringer Ingelheim gewonnen werden und damit ein Vertreter von einem der führenden Arzneimittelforscher in Deutschland.

Im Gespräch mit Michael Burkhart, Partner von PwC und Leiter des Bereichs Healthcare & Pharma, und Stefan Rinn, Vorsitzender der Geschäftsführung des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim Deutschland.

Herr Burkhart, der Gesundheitsclub hat bei seinem Treffen im Juni die Zukunft innovativer Pharmaunternehmen diskutiert – speziell auch mit Blick auf das Rhein-Main-Gebiet. Warum gerade dieses Thema?

Michael Burkhart: Hessen ist für die Pharmabranche ein bedeutender Standort: Die hier ansässigen Firmen erwirtschaften etwa ein Viertel des gesamten Umsatzes der Unternehmen, die dem Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) angehören. Das Pharmacluster Frankfurt-Rhein-Main stellt also eine Kernregion für diese Branche dar: Namen führender Arzneimittel-Hersteller sprechen da für sich. Auch bekannte Hersteller von Generika sind hier angesiedelt. Daneben finden sich mittelständische Familienunternehmen, die sich als Nischenanbieter etabliert haben und weltweit agieren. Komplettiert wird diese Bandbreite von internationalen Branchenriesen, die dieses Cluster und die Infrastruktur hierher gelockt haben.

Der Branche geht es hierzulande also gut?
Burkhart:
Der Pharmabereich gehört zweifellos zu den führenden Industrien in Deutschland. Doch es stehen enorme Veränderungen bevor: Die Gesellschaft altert, es gibt immer mehr Menschen, die auf medizinische Behandlung angewiesen sind. Das lässt die Kosten in die Höhe schnellen. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Bei 45- bis 65-Jährigen liegen die Gesundheitskosten pro Einwohner bei etwa 3.000 Euro im Jahr. Bei der Altersgruppe zwischen 65 und 85 Jahren sind es bereits mehr als 6.000 Euro. Und bei den über 85-Jährigen belaufen sich die Kosten pro Patient auf mehr als 14.000 Euro. Gesundheitskosten nehmen mit dem Alter also exponentiell zu.

Herr Rinn, was bedeutet das für die Pharmaindustrie?
Stefan Rinn: Die Krankenkassen müssen im Zuge des demografischen Wandels mehr und mehr sparen. Gerade für forschende Unternehmen ist das ein Problem. Sie haben angesichts sinkender Preise weniger Anreize, in die Entwicklung neuer Medikamente zu investieren. Sie müssen ihr Geschäftsmodell neu ausrichten, um zukunftsfähig zu bleiben.

Wie reagiert Boehringer Ingelheim Deutschland auf diese Situation?
Rinn: Wir sind gerade dabei, unsere Aktivitäten auf zukunftsfähige Bereiche zu konzentrieren und unsere Kräfte zu bündeln. So haben wir uns von dem Generika-Geschäft getrennt. Außerdem haben wir Ende Juni einen Vertrag zum strategischen Tausch von Sanofis Tiergesundheitsgeschäft gegen unser Selbstmedikationsgeschäft unterzeichnet. Das eröffnet beiden Unternehmen die Perspektive, sich in dem jeweiligen Bereich zu einem weltweit führenden Unternehmen zu entwickeln. In Zukunft wird Boehringer Ingelheim also auf drei Standbeine setzen: Das sind die verschreibungspflichtigen Medikamente – ohne Generika –, die Tiergesundheit und die Biopharmazie.

Wie kommt es zu dieser Auswahl?
Rinn: Verschreibungspflichtige Medikamente sind unser Hauptgeschäft. Mit ihm erwirtschafteten wir 2015 drei Viertel unserer weltweiten Umsatzerlöse. Mit den Geschäftsfeldern Tiergesundheit und Biopharma verzeichneten wir im vergangenen Jahr mit 10,5 Prozent und 15 Prozent das größte Umsatzplus. Biopharmazeutische Medikamente spielen bei der Behandlung schwerer und chronischer Erkrankungen eine immer bedeutendere Rolle: Vor diesem Hintergrund planen wir, am Standort Wien etwa 500 Millionen Euro für die Produktion zu investieren. Auch unsere Forschung werden wir in diesem Bereich intensivieren.

Macht sich Forschung für Pharmaunternehmen langfristig bezahlt?
Burkhart: Wie die Erforschung neuer Arzneimittel überhaupt noch finanziert werden kann war der Punkt, bei dem die Diskussion im Gesundheitsclub richtig in Schwung kam. Da hat es sich wieder einmal gezeigt, wie facettenreich eine Problematik erörtert werden kann, wenn Akteure aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens aufeinander treffen: Kostenträger halten neue Medikamente für zu teuer und kaum bezahlbar. Hersteller argumentieren, dass ein wirksames Arzneimittel die Gesamtkosten enorm senkt, die eine Erkrankung sonst verursacht hätte. In diesem Licht können sich auch teure Medikamente langfristig als günstig erweisen. Kurzum: Es hat sich gezeigt, dass die Meinungen der Teilnehmer bei dieser Frage teilweise weit auseinanderklafften. Umso erstaunlicher ist es, dass es praktisch keine relevanten Kooperationen gibt, die sich mit diesen widersprüchlichen Sichtweisen zwischen Diagnostikern, Krankenhäusern und Krankenkassen beschäftigen und nach Kompromissen suchen. Warum es solch einen übergreifenden Austausch bislang kaum gibt, haben wir uns in der Diskussionsrunde auch gefragt.

Was passiert, wenn sich die Forschungsarbeit für Pharmaunternehmen nicht mehr lohnt?
Rinn: Im Bereich der Antibiotika ist das schon der Fall: Da sind die Erlöse so gering, dass Pharmafirmen ihre Forschung an neuen Wirkstoffen weitgehend eingestellt haben. Das Ergebnis ist, dass für Patienten mit multiresistenten Keimen schon jetzt häufig keine Alternativen mehr zur Verfügung stehen. Deshalb wurde dieses Thema mit Gesundheitsminister Gröhe im Pharmadialog eingehend besprochen und nach Lösungen gesucht. Aber auch grundsätzlich stellt sich die Frage, wie die Forschung in Zukunft finanziert werden kann. Da sind neue Modelle gefragt, bei denen viele Akteure zusammenarbeiten: der Staat und die Wirtschaft, wissenschaftliche Einrichtungen und Non-profit-Organisationen.

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